Literaturverfilmungen sind immer ein heikles Sujet:
Kennt man zuerst die literarische Vorlage, hat man sich oft schon so genaue Vorstellungen von den Personen und den Bildern gemacht, daß einen jede davon abweichende filmische Umsetzung enttäuscht.
Kennt man zuerst den Film, ist man oft geneigt, jeden Handlungsstrang der Vorlage, der geändert wurde oder einer -bei umfangreichen Romanen oft nötigen- Kürzung zum Opfer fiel, als unpassend oder gar langweilig zu empfinden.
Hier aber, wo der filmische Poet Max Ophüls -meines Wissens nach zum einzigen Mal- auf den literarischen Psychologen Stefan Zweig trifft, ist ein wahrlich kongeniales Meisterwerk entstanden, welches sich nicht nur inhaltlich eng an die literarische Vorlage hält, sondern auch und vor allem die Stimmung der "Meisternovelle" in einem ebenso meisterlichen Film einzufangen versteht.
Der Pianist Stefan (in Zweigs Vorlage ein Schriftsteller) erhält seit Jahren zu jedem Geburtstag einen Strauß weißer Rosen.
Über dessen Hekunft macht sich der leichtlebige Mann genausowenig Gedanken wie auch über alles andere Gute, das ihm in seinem Leben seit jeher ohne jegliches Zutun seinerseits in den Schoß fällt: gutes Aussehen, Erfolg im Beruf und bei den Frauen...
An seinem 41. Geburtstag jedoch bleibt die Blumenvase leer.
Stattdessen erreicht ihn der erschütternde Brief einer Frau, deren Kind soeben an den Folgen von Typhus verstorben ist.
Während der Lektüre erschließt sich dem Mann, daß die Absenderin eine Frau ist, die ihn ihr ganzes Leben lang verzweifelt und unerwidert geliebt hat, der er mehrfach begegnet ist, ohne sie jemals wiedererkannt zu haben und daß ihr verstorbenes Kind auch das seine war, entsprungen einer nur kurzen Romanze, die er -wie so viele andere- längst vergessen hat.
Die Absenderin des Briefes hat sich selber bei ihrem kranken Kind angesteckt und verfügt, daß der Brief erst nach ihrem Tod abgesandt wurde.
Überwältigt von dem Brief, versucht Stefan, die Begegnungen mit der jungen Frau zu erinnern, kann aber nur schemenhaft einzelne Bruchstücke von Erinnerungen rekonstruieren...
Die herzzerreißende Liebesgeschichte bezieht ihre Tragik vor allem daraus, daß hier zwei Menschen, die füreinander und für eine große gegenseitige Liebe bestimmt sein könnten, allein an ihrem eigenen menschlichen Versagen, nämlich an übermäßiger Schüchternheit und Stolz auf der einen und Gedankenlosigkeit auf der anderen Seite scheitern.
Zwar wird Stefan als leichtfertiger "Lebemann" dargestellt, jedoch erinnert er sich bei zumindest einer Begegnung durchaus schemenhaft daran, die junge Frau bereits von sehr viel früher zu kennen und bittet sie, ihm doch auf die Sprünge zu helfen, was diese jedoch nicht tut.
Auch von ihrer Schwangerschaft und dem Kind sagt sie ihm nichts, unternimmt auch nie einen Versuch, den Kontakt wieder aufzunehmen und gibt dem geliebten Mann somit gar keine Chance, sich zu ihr und zu ihrer beider Liebe zu bekennen.
Dabei legt Stefans Reaktion auf den Brief durchaus die Vermutung nahe, daß alles anders hätte kommen können, wenn die junge Frau sich nur ein einziges Mal offenbart hätte.
Einer meiner Vorrezensenten stellte die Frage, ob soviel Schüchternheit und Stolz auf der einen Seite und soviel leichtfertiges Vergessen auf der anderen Seite überhaupt möglich sind.
Ich denke, wenn nicht beides genauso nachvollziehbar wie möglich wäre, könnte diese Geschichte -sei es als Novelle oder als Film- nicht so viele Menschen so sehr berühren.
Wer die Novelle kennt, wird beim Sehen des Filmes feststellen, daß einige Kleinigkleiten geändert wurden; so heiratet Lisa im Film einen wohlhabenden Mann, der nicht nur ihr ein guter Ehemann, sondern auch ihrem und Stefans Sohn ein guter Vater ist, während sie in der Novelle nicht heiratet, sondern recht unmissverständlich dargestellt wird, daß sie sich von wechselnden Männern aushalten lässt.
Dies konnte bzw wollte man 1948 auf der Leinwand offenbar nicht so deutlich darstellen.
Auch die kleine Rahmenhandlung mit dem Duell kommt in der Novelle nicht vor.
Störend sind diese kleinen Änderungen jedoch nicht, sondern passen sehr stimmig zur Geschichte.
Es sind ja ohnehin nicht immer unbedingt die Literaturverfilmungen die besten, die sich am sklavischsten an die Vorlage halten, sondern vielmehr diejenigen, die die Athmosphäre der Vorlage am stimmigsten einfangen, und das ist Max Ophüls hier hervorragend gelungen.
Eingebettet wird die zeitlos ergreifende Geschichte nach Stefan Zweig in wunderbar nostalgischen Bildern des Wiens um die Jahrhundertwende, in stimmungsvoller Schwarzweiß-Photographie eingefangen.
Dazu ist der Film mit Joan Fontaine und Louis Jourdan absolut perfekt besetzt.
Schade, daß Max Ophüls nicht noch weitere Werke Stefan Zweigs verfilmt hat, ich bin sicher, daß er zum Beispiel auch aus "Ungeduld des Herzens" ein einmaliges cineastisches Meisterwerk hätte zaubern können...
Ich kann den Film allen Zweig- bzw Ophüls-Liebhabern, allen Freunden nostalgischer Filmklassiker und allen Romantikern nur wärmstens empfehlen.
Taschentücher bereitlegen nicht vergessen!!