"Geständnis und Lüge ist das Gleiche."
(Franz Kafka)
Im Jahre 1921 schreibt Kafka (1883-1924) einen Brief an seine Schwester Elli Herrmann. Über Erziehung meint er wie folgt: "Der wesentliche Unterschied zwischen wirklicher Erziehung und Familienerziehung ist: die erstere ist eine menschliche Angelegenheit, die zweite eine Familienangelegenheit. In der Menschheit hat jeder [...] die Möglichkeit, auf seine Art zu Grunde zu gehen, in der von den Eltern umklammerten Familie aber haben nur ganz bestimmte Menschen Platz [...]." Und weiter schreibt er, dass Kinder, die nicht entsprechen, verzehrt werden und er wünschte sich, dass dieses Verzehren allein aus Mitleid wie in der griechischen Mythologie um Kronos physisch geschähe.
Im Jahre 1919 war Kafka 36 Jahre alt, wieder war eine Verlobung geplant, das Aufgebot gar zur Hochzeit bestellt, eine Wohnung in Aussicht. Sein Vater setzt alles daran, dieses zu vermeiden. Die Wohnung ist weg, das Aufgebot wurde abbestellt und Julie Wohryzek wurde zur Ex. In diesem Zustand, den Zorn des Vaters spürend, schreibt Kafka seinen Brief an den Vater mit einer minutiösen Gedächtnisleistung aller Geschehnisse und Empfindungen von Kindheit an.
Kafka beginnt seinen Brief mit einem Geständnis von Furcht vor seinem Vater und mit der Notwendigkeit, um nichts zu vergessen, die Antwort auf genau diese Frage seitens des Vaters eben schriftlich geben zu müssen. Kafka zeigt sich - aus der Sicht des ganzen Briefes - anfänglich pharisäerhaft zuvorkommend. Er räumt ein, dass sein Vater ihm nichts Böses oder Unanständiges vorwirft, dass es beider Schuld und Unschuld an der Entfremdung gibt. Mit diesem Vorstoß verbindet er die Hoffnung auf "eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner (des Vaters) unaufhörliche Vorwürfe".
Kafka scheint nicht geahnt zu haben, was ihm im Kopf vorschwebte. Sein ganzes Schreiben ist eine Entladung, eine freudsche Interaktion von Ich und Über-Ich, die Ausbildung eines inneren Kampfes als Interaktion und Enthüllung im Brief. Die "Beschreibung eines Kampfes" offenbart die Situation in Gänze: "Was sollen unsere Lungen tun, atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an inneren Giften; atmen sie langsam, ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo machen wollen, gehen sie schon am Suchen zugrunde".
Kafkas Kampf ist von Negation, Zweifel und Skepsis geprägt, er nutzt dieses Denken als Instrument der Wahrheitsfindung, wie es Platon und Descartes schon vorgaben und doch gilt für Kafka dieses Denken nur als Indiz für die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis. "Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern" schrieb er im Zürauer Konvolut. Zögern ist alles bei ihm, auch die deutliche Aussprache gegen den Vater, obwohl er, nach Sartre Art (Das Sein und das Nichts), über den anderen, eben dem Vater, zum eigenen Ich gelangen möchte. Kafka hat seinen Vater verinnerlicht, er begehrt ihn, er will so werden, weil er sich selbst als begehrenswertes Objekt nicht findet. Auch wenn er die Schuldgefühle immer wieder teilen möchte durch "den Einblick in unser beider Hilflosigkeit" erhöht er seinen Vater zum Gott, in den er eintreten möchte. Übereinstimmung mit ihm als Kind, als junger Mensch und als Mann in jeder Beziehung, als Familienoberhaupt, als religiöser Mensch und als Ehemann. In allem fand er "fast kein Restchen irdischen Schmutzes". Dieser Brief, wie all sein Schreiben, handelt nur von ihm, dem Vater. Eine Klage in allem Schriftlichen, weil die Brust und das Herz des Vaters unverfügbar sind. Schreiben als "absichtlich in die Länge gezogener Abschied", eine Ahnung in der Kindheit, eine Hoffnung später doch dann nur Verzweifelung, wie selbst die Heiratsversuche, die allesamt scheiterten. Der Vater, vorgestellt liegend auf der Erdkarte, übergroß und keinen Platz lassend, außer "in wenig trostreichen Gegenden", bleibt so für ewig, der Sohn ist ohne Möglichkeit, aus dem Bannkreis zu fliehen.
Am Ende lässt er fiktiv den Vater in seinem Brief zu Wort kommen, der, der nun zugeben muss, auch zu kämpfen und doch "entgegen der Wahrheit", sich unschuldig wähnt. Kafka selbst gibt keinen Einwurf mehr, vielmehr empfindet er eine Annäherung an die Wahrheit, die Leben und Sterben leichter macht.
Dieser Brief ist wahres Zeugnis über Leben, Emotion und Denken eines Sohnes gegenüber seinen überstarken Vater. Es ist ein Schreiben, welches die Weiblichkeit in den Erwähnungen von Mutter und Ehefrau einbringt und in ihrer emotionalen Brüchigkeit erahnen lässt, weil sie in der Standfestigkeit des Gottesgleichen untergeht. Dieser Brief dokumentiert Kafkas Zögern, Zaudern, sein verharren in der Ambivalenz, denn der Brief wurde nicht versandt.
Auch ist dieser Brief ein Brief Kafkas an sich selbst. Er führt über den anderen zu sich selbst, er schafft Klarheit und führt die Besinnung an die Grenze, suchend nach dem Ich. Dieses Ich soll neu hervorbrechen wie eine Sonne aus dem bedeckten Himmel, um die eigene Welt zu bestrahlen. Nur ist Kafka keiner Erkenntnis fähig, weil jeder Zweifel, jede Ironie, jede Skepsis eine Form des Zauderns ist. An dieser Schwelle bleibt Kafka stehen, dort steht sein Leben, und keiner konnte es besser als Keats sagen: "ich wachte auf und fand mich hier / an diesem kühlen Hang". An dieser Stelle aber opfert er sich selbst in maßlos verblendetem Schuld- und Unschuldbewusstsein, in Demut und Hochmut, in Liebe, die Hass ist, und in Hass, der Liebe ist, wie Emrich schrieb. Die religiöse Metapher offenbart sich darin, dass die Welt ihr klares Gesetz vom obersten Vater der Welt in unlöslicher Einheit mit seinem Sohn erhält. So empfindet Kafka mit Adam die Herrschaft über die Erde sich vollenden. Doch was ist Wahrheit, wenn Geständnis und Lüge für Kafka gleich sind? (1920)
So kann es auch anders sein. Kafka zu deuten, ist fast unmöglich. Darin liegt der Reiz, denn Gestalten, die vollkommen ausgedeutet sind, haben das Beste ihrer vitalen Kraft verloren. Nur die nicht völlig erschöpften - und Franz Kafka gehört zu ihnen - werden nie ganz Geschichte, sondern bleiben Mythos und damit fortwährende Gegenwart.
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