Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
58 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Geschichte einer ungewöhnlichen und produktiven Liebe beschrieben in einer der schönsten Liebeserklärungen seit langem, 25. Oktober 2007
Der französische Philosoph und Soziologe Andre Gorz war einer der produktivsten und originellsten Kapitalismuskritiker des 20. Jahrhunderts. Besonders sein Werk "Abschied vom Proletariat - jenseits des Sozialismus", das 1980 in Deutschland veröffentlicht wurde, brach lange vor dem Zusammenbruch des Ostblocks einem neuen Denken Bahn und hat die intellektuelle Auseinandersetzung innerhalb der Linken, die letztlich zu der Gründung der "Grünen" führte, nachhaltig beeinflusst.
Im September 2007 hat sich Andre Gorz zusammen mit seiner Frau Dorine das Leben genommen, ein, wie sie es verstanden, letzter Akt der gemeinsamen Freiheit angesichts eines drohenden qualvollen Siechtums. Sechzig Jahre war er mit seiner Frau verheiratet. Kurz vor dem gemeinsamen Freitod hat Andre Gorz unter dem Titel "Brief an D." die Geschichte seiner Liebe zu Dorine veröffentlicht. Darin bekennt er zum ersten Mal öffentlich, daß er ohne die Liebe zu seiner Frau niemals als Schriftsteller hätte erfolgreich werden können. Immer habe er diese Tatsache verleugnet. Begonnen habe diese Verdrängung, wie er das nennt, schon mit seinem ersten Buch "Der Verräter", in der er sich zu allem möglichen bekannt habe, nur nicht zu seiner Frau Dorine.
Sie ging arbeiten und brachte das Geld nach Hause, während er seine Studien betreiben konnte. "Lange Zeit konnte ich es nicht ertragen, auf der Welt zu sein, oder ich selbst zu sein. Dorines Arbeit bestand jahrelang darin, mich mit mir selbst zu versöhnen. Das ist ihr gelungen, indem ich sie liebte."
Dorine ist ein Leben lang seine erste Leserin und Kritikerin. Seine Liebe zu Dorine, so sagt er in seinem letzten Brief an sie, war das produktivste Element, das seine Theorien ermöglicht habe und er bedauert es nachträglich außerordentlich, daß er diese Tatsache in seinen Schriften und Interviews nie erwähnt habe.
Und so ist dieses kleine, achtzigseitige Büchlein nicht nur ein wichtiges autobiographisches Dokument eines der bedeutendsten Sozialphilosophen der letzten Jahrzehnte, sondern auch eine der schönsten veröffentlichten Liebeserklärungen seit langem.
"Brief an D." ist Gorz' letztes Buch. Er wollte damit noch einmal auf die Gefahr hinweisen, die dem ungestümen Fortschritt innewohnt: Man kann einen Überschuss an Theorie haben und ein Defizit an Menschlichem. Aber so, meint Gorz, komme man nicht weiter. Ernst Bloch hat diese Einsicht schon Jahrzehnte vorher formuliert, als er zwischen Wärmestrom und Kältestrom unterschied, aber ich glaube nicht, daß Andre Gorz Bloch wirklich rezipiert hat.
Ein wunderschönes Buch, ein literarisches und auch philosophisches Kleinod.
|
|
|
38 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Letzte Erkenntnis, 18. Dezember 2007
Das Wesen einer guten Ehe ist nicht nur die Liebe sondern vor allem die Beständigkeit; so hat das García Márquez in seinem Roman "Liebe in den Zeiten der Cholera" einst sinngemäß ausgedrückt.
André Gorz, bedeutender Sozialphilosoph im Umfeld Sartres, hat diese Befähigung zur Beständigkeit im "Brief an D." seiner Frau zugesprochen, mit der er fast 60 Jahre zusammen lebte.
Das kleine Bändchen ist eine auf die lange Beziehung der beiden ausgerichtete, kurz geraffte Autobiographie des sehr selbstbezogenen Menschen A. Gorz mit der recht späten Einsicht, wie sehr er die Liebes- und Leidensfähigkeit der Frau an seiner Seite viele Jahre unbeachtet gelassen hat. Erst ein körperliches Leiden Dorines, das zwar nicht zu ihrem vorzeitigen Tod führte, hat ihm die Augen geöffnet und Motivation gegeben, analytisch, wie es seine wissenschaftliche Art war, ein Fazit zu ziehen. Dies allerdings geriet ihm weniger zu einer Liebeserklärung als zum Ausdruck seines hohen Respekts und der besonderen Verehrung für diese Frau, die tatkräftig und entschlossen die Einheit der Partnerschaft in allen Lebensfragen entwickelte. Sie wusste sowohl Andrés Unsicherheit und Schwächen auszugleichen als ihm seine persönliche Freiheit zu bewahren indem sie ihm insbesondere den Rücken frei hielt für seine leidenschaftlich betriebene philosophische Arbeit.
Es ist ein Text der zwar von Liebe spricht aber mehr die Achtung ausdrückt. Er erweckt beim Lesen kaum Rührung, eher Bedauern gegenüber einem Mann, der erst kurz vor dem Ende seiner Zeit erkannte, dass er zu tätiger, alltagsnaher Vermittlung seiner Liebe nicht geeignet war.
|
|
|
39 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Gemeinsames Leben und Sterben, 27. Oktober 2007
André Gorz Brief an D. Rotpunktverlag
ISBN 3858693537
In Fortsetzung seiner Autobiographie < Der Verräter> hat sich André Gorz, der französische Sozialphilosoph österreichischer Herkunft, in einem Brief an seine Frau Dorine gewandt.
Es handelt es sich um eine ungewöhnliche Liebeserklärung an seine Lebensgefährtin, mit der er 58 Jahre gemeinsamen Lebens verbracht hat.
Tief berührt erinnert er sich an ihre erste Begegnung. Sein anfängliches Zögern, sich auf eine bürgerliche Ehe einzulassen, stand in engem Zusammenhang mit seiner Philosophie, in der es um Wissensökonomie, gerechte Verteilung der Arbeit und soziale Gerechtigkeit ging. Die nachfolgende Erkenntnis, dass er mit Dorine eine Einigkeit verspürte, die sich auf alle Lebensbereiche ausdehnt, wurde ihm schließlich sehr bewusst.
Er liebte sie sehr.
Seine eigene Unsicherheit und mangelnden Fähigkeiten, sich im Leben einzurichten, mit der er sich eher in sich zurückzog, um, wie es heißt, nicht objektivierbar oder identifizierbar zu sein, stehen im Kontrast zu Dorine, die natürlich und selbstverständlich, auch ohne theoretische Kenntnisse, das Richtige denkt, fühlt und sagt.
Neben der sehr persönlichen Liebeserklärung an eine Frau, die ihm immer zuversichtliche Lebensgefährtin war, gibt André Gorz einen Abriss ihres gemeinsamen Lebens.
Da ging es oft spartanisch zu, denn AG hatte selten feste Anstellungen. Dorine war gesellig, gab Englischunterricht, spielte in Theatern mit und war immer fröhlich. Sie lebten das, was er theoretisch vertrat: Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.
Sein Leben war Schreiben! Und Dorine ließ ihn gewähren, ohne je seine Freiheit zu beschneiden.
Die 68ziger Bewegung gab ihm und Dorine neue Impulse und deckte sich mit den eigenen Lebensanschauungen.
Gorz Lebensrückblick ist für ihn selber auch eine Abrechnung mit seiner Ignoranz der frühen Jahre Dorine gegenüber.
Das gemeinsame Leben wird kritisch unter die Lupe genommen. Die Ehrlichkeit in den Aussagen von Gorz zeugen von seinem reflektierenden Verstand, einer inneren Kontinuität im Denken und seiner Hochachtung und tiefen Verehrung für die Frau, die durch alle Lebenslangen hindurch mit ihm das Leben geteilt hat
Beide haben sich zusammen stetig weiterentwickelt.
Zu ihrem Freundeskreis zählten berühmte Geistesgrößen wie Sartre, Simone de Beauvior und Ivan Illich, mit denen sie zusammen gearbeitet haben, um nur drei von ihnen zu nennen.
Die Lebenserinnerungen langer Jahre legen Zeugnis ab über die stete Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der Gesellschaft und einer kritischen Innenschau, wie sie in dieser persönlichen Offenheit wohl selten ist.
Dorine war eine Frau von ungewöhnlicher Willensstärke, mit der sie die Schmerzen einer schweren Krankheit über Jahrzehnte zu bewältigen trachtete.
Der gemeinsame Freitod in hohem Alter, der, kurz nach Fertigstellung der deutschen Ausgabe von diesem Buch, stattfand, beeindruckte und löste erhebliches Interesse bei der Leserschaft aus.
Wer wagt es schon, eine Lebensgemeinschaft auf diese Weise zu beenden?
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|