Ich bin auf dieses Buch aufmerksam geworden, da es von Profis verschiedener Stilrichtungen empfohlen wird, darunter David Finch (amerikanischer Comic Zeichner) und John Brown (Modellierer, der auch für Hollywood arbeitet).
In diesem Band werden menschliche Figuren in einzelne Blöcke zerlegt, sodass man die verschiedenen Teile einzeln analysieren und verstehen kann, wie sie zu einander in Verbindung stehen, wie sie sich in einander winden und miteinander interagieren, etc. Man lernt wirklich die Anatomie des Menschen zu verstehen (für Künstler) und dieses Wissen in 2D und 3D Medien anzuwenden. Alle Körperteile werden besprochen und zuletzt folgt noch ein Abschnitt über Faltenwürfe von Gewändern etc.
Das Buch ist sicher kein Anfänger Zeichenkurs, wenngleich man als kompletter Anfänger sicher auch sehr viel nützliche Informationen finden wird, aber die absoluten Basics werden nicht sehr ausführlich besprochen. Auch hat dieses Buch keine perfekt ausgearbeiteten Zeichnungen, sondern eher rohe Skizzen, was ich persönlich sehr gut finde. Ziel dieses Buches ist die Grundstruktur des menschlichen Körpers zu verstehen, und das mit nur wenigen Strichen. Ich schätze das die Zeichnungen 2-5 min Skizzen sind (jedoch von einem Künstler, der wirklich was drauf hat), dennoch erfassen sie das wesentliche wunderbar, und es ist genau das, was ich mir erwartet habe (deshalb 5 Sterne), denn für das Ausarbeiten von Details brauche ich nur Geduld und Zeit, aber eine Figur schemenhaft mit nur wenigen Strichen in 5 min erstellen, das ist nicht so einfach, wenngleich extrem wichtig.
Über die Lösung den Menschen in Blöcke zu zerlegen, mag man streiten. Der Mensch ist (anatomisch) zwar nicht aus Ecken und Kanten aufgebaut, allerdings kann man sich einen Würfel oder Quader sehr einfach als 3 dimensionales Objekt vorstellen und in Gedanken und am Papier im Raum drehen. Am Papier erstelle ich meine Figuren zwar nicht aus Würfeln, aber für das Verständnis finde ich das eine sehr gute Lösung, insbesondere für Zeichner, die Schwierigkeiten damit haben komplexe Formen im Raum zu drehen. Man hat auch nicht das Gefühl sich in einem medizinischen Anatomiebuch wieder zu finden, wie das oft bei gleichartigen Büchern, die eigentlich für Zeichner gedacht sind, der Fall ist. In vielen Büchern hat man zwar schön ausgearbeitete Zeichnungen, allerdings oft nur von einer Ansicht und das noch in der Neutral-Null Position, oft noch mit lateinischem Namen des Muskels. Für Medizinstudenten im 1. Semester ganz nett, für Zeichner nicht hilfreich. In diesem Buch wird auch das dynamische Interagieren der Formen besprochen, wenngleich die Darstellungen oft sehr übertrieben sind, was wiederum für das Verständnis sehr gut ist.
Wie der Titel schon sagt, wendet sich das Buch in erster Linie an Zeichner, die vor einem tatsächlichen Modell arbeiten. Auch wenn es sicher sehr empfehlenswert ist mal einen Akt-Kurs zu belegen, so ist dieses Buch auch ziemlich gut für Leute geeignet, die weitgehend aus dem Gedächtnis zeichnen wollen.
Zuguterletzt sei noch gesagt, dass ich den Preis sehr sehr gut finde. Knappe 13 Euro für ein Buch dieses Umfangs finde ich persönlich ein Schnäppchen, und ich empfehle jedem, der menschliche Figuren darstellt, egal ob amerikanische Comics, Manga, fotorealistische Malerei, Bildhauerei, Modellierer, 3D Künstler, wer auch immer, sollte dieses Buch immer in Griffweite haben.