Ich hatte mich 1997 auf "Bridges to Babylon" gefreut, aber war ich auch begeistert? Teils, teils - und diese Ambivalenz kennzeichnet bis heute mein Verhältnis zu diesem Album. Wohl aus der Angst heraus, mit den Bands und Trends der Zeit mithalten zu müssen, hatten sich Mick und Keith darauf geeinigt, dem neuen Album klangtechnisch einen moderneren Anstrich zu geben, was zur Folge hatte, dass neben zwanzig Gastmusikern gleich sechs Produzenten(teams) engagiert wurden, so viele wie auf keinem anderen Stones-Album. Im Ergebnis klingt das Album dann auch so experimentierfreudig wie keins ihrer anderen; dafür fehlt ihm aber auch der rote Faden, selbst wenn man bei jedem Song ihre typische Handschrift heraushört.
Die Songs lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Zum einen sind da mit Too tight, Gunface, Low Down und Flip the Switch die zu erwartenden Stones-Kracher vertreten, die allerdings bei allem Feuer (und immer flacher werdenden Songtexten) nicht verhehlen können, dass hier viel heiße Luft produziert wird. Out of Control ist musikalisch der interessanteste Rocker; leider fehlt der Produktion das gewisse Etwas, und der Song konnte erst live auf "No Security" überzeugen.
Dann sind da die Songs, die ich immer als Jagger-Solo-Songs, nur eben mit der Band umgesetzt, empfand: die Singles Anybody seen my Baby und Saint of me waren kein Ersatz für Brown Sugar o.Ä., schleichen sich aber nach mehrmaligem Hören genussvoll ins Ohr. Already over me (eine Art "Angie '97") begeisterte mich beim ersten Hören so, dass ich den Song am selben Tag auf Gitarre lernte, und das kommt nur alle Jubeljahre vor. In eine ähnliche Kerbe schlägt Always suffering; bei beiden Songs hat man - wie bei allen guten Jagger-Balladen (Memory Motel, Out of Tears, Hang on to me tonight) - das Gefühl, es geht um eine real existierende Frau (seine?).
Das von den Dust Brothers produzierte, bluesig-pumpende Might as well get juiced war der am modernsten klingende Song hier; nach einem Mehr an Experimentierfreude war mir nicht, und den Rolling Stones ging es offenbar auch so.
Schließlich kommt Keith mit gleich drei Songs zum Zuge, und die stellen für mich den größten Schwachpunkt dar: You don't have to mean it war für mich immer ein harm- und zahnloser Alle-meine-Entchen-Gute-Laune-Reggae, nur noch unterboten von Cherry oh Baby (auf "Black and Blue"), und sowas will ich von Keith einfach nicht hören.
Die beiden letzten Albumtitel, Thief in the Night und How can I stop, gehen auch nach Jahren einfach nicht an mich, obwohl ich mir noch so Mühe gebe, sie atmosphärisch zu finden; Thief in the Night war live auf "No Security" einfach besser (wenn auch immer noch nicht gerade gut), und How can I stop langweilt mich einfach am Albumende trotz Jazz-Saxophons und Steel Drums etc. Da hat Keith mit Sleep tonight oder Losing my Touch schon bessere Albumschlüsse hingekriegt.
Die B-Seite von Saint of me, Anyway you look at it, schaffte es leider nicht auf diese Platte (später aber auf "Rarities 1971-2003"), vielleicht weil es nicht spektakulär genug war; dafür aber war es wirklich atmosphärisch.
Experimentierfreude an sich ist ja löblich, zeitigt allerdings nicht immer zwangsläufig auch starke Ergebnisse. Auf dem für B.B. Kings Album "Deuces wild" eingespielten Paying the Cost to the Boss bewiesen die Stones, dass sie den Blues immer noch konnten und es nicht nötig hatten, sich aktuellen Trends anzubiedern, eine Erkenntnis, die sie acht Jahre später auf "A Bigger Bang" konsequent umsetzten.
Ich habe später meine Original-CD durch den Japan-Import (mit einer Live-Version von Angie, aufgenommen am 6.3.'95 in Tokio) ersetzt und kann deshalb keine Angaben über eine eventuelle Klangverbesserung durch das Remaster von 2009 machen; dies ist klanglich jedenfalls mit der Japan-Pressung identisch.