Es gibt viele große Künstler und diese habe viele tausend große Alben geschaffen. Gemeint sind damit keineswegs nur auflagenstarke Topseller. Ein Album ist eben doch etwas anderes, entfaltet eine vollkommen andere Wirkung als ein eizelnes noch so großartiges Lied. Ich erwähne das, weil gerade Paul Simon kürzlich in einem Interview die Hoffnung äußerte, das dieses Medium, dieses Format "Album" der Menschheit erhalten bleibt. In haptischer Form, als physischer Tonträger, ob Vinyl, CD, DVD oder was auch immer noch kommen wird, aber eben nicht nur einzelne Lieder als virtuelle Datenmasse. Das wäre ein arger Verlust, ein wichtiges Stück Kultur was da verloren ginge. Auch wenn ich sein Enkel sein könnte, bin ich mit Paul Simon ganz und gar d'accord, es lohnt sich für das Format und seine Erhaltung als Kunstform zu werben.
Über das ursprüngliche Album "Bridge over troubled water" - hier in der Jubiläums-Edition auf der ersten CD original und unverfälscht, lediglich behutsam und sehr gut remastert, zu finden - muß nichts mehr gesagt werden, jeder kennt die Songs, liebt sie oder liebt sie nicht, aber selbst wenn nicht, anerkennt man die Qualität des Songwritngs.
Das Album gehört zu jenen All-time-classics, zu den ganz großen Produktionen der Musikgeschichte die nahezu jeder kennt, zumindest jeder dem Musik mehr ist als bloße Alltags-Untermalung. Es gehört zu jenen Alben, wo völlig egal ist ob man sie persönlich mag oder überhaupt selbst schon einmal vollständig gehört hat, bei denen, fällt ihr Titel auch nur beiläufig in einer Unterhaltung, man sofort das Cover vor Augen hat. Die ganz großen Alben wie "The wall" von Pink Floyd oder "Harvest" von Neil Young, Bruce Springsteens "Born in the USA" oder "So" von Peter Gabriel, "Thriller" von Michel Jackson oder Bob Dylans "Highway 61 revisited" und sicherlich auch nationale prägende Überalben wie "Steppenwolf" vom Peter Maffay, Herbert Grönemeyers "4630 Bochum" oder "Kauf mich" von den Toten Hosen. John Lennon, Phil Collins, Meat Loaf, Udo Jürgens, Madonna und David Bowie, sie alle haben mindestens ein solches Album. Man hört den Titel und hat sofort das Bild vor Augen. Keinen Zweifel, in diese Kategorie gehört S&G "Bridge..." mit inzwischen mehr als 26 Millionen verkauften Einheiten schon seit Jahrzehnten. Vermutlich ist das Cover-Motiv sogar das bekannteste Foto von S&G überhaupt (jaja, neben dem Bild natürlich, auf dem Paul Simon diese beknackte Mütze trägt, Cover der "Greatest Hits").
Der Bonus macht die Jubiläums-Ausgabe zu einem noch gewaltigeren Werk. Auf einer zweiten CD befinden sich 17 Live-Mitschnitte der S&G "Sounds of America-Tour" aufgenommen vom 31.Oktober bis 28.November 1969. Diese CD erschien zwar vor wenigen Jahren schon einmal seperat (allerdings nicht in Deutschland!), sie hier in die Jubiläums-Edition zu integrieren ist aber schwer sinnvoll, denn sie gehört absolut dazu, weil alles gewissermaßen gleichzeitig passierte. Denn während der laufenden Tournee, entstand im November 1969 das Studio-Album (konkret am 2/8/9/14/15.November waren die Studio-Sessions). Heute unvorstellbar! Keine Band, kein Musiker würde heute derartig arbeiten und auf diese Weise, zwischen Tür und Angel im wahrsten Sinne des Wortes, ein solches Jahrhundert-Album einspielen, an nur fünf Aufnahme-Tagen, während an den Tagen davor, dazwischen und danach der Tour-Betrieb in vollem Gange ist.
Das Live-Album ist also eine mehr als sinnvolle Zugabe, zumal etliche Songs des zu dem Zeitpunkt ja noch nicht veröffentlichten Albums auch schon live gespielt wurden. Es wirkt schon seltsam, wenn ein absoluter Welthit, den heute jeder mitsummen kann, als völlig neues Lied anmoderiert wird und das Publikum sich ersteinmal herantasten muß an dieses neue unbekannte "Bridge over dingsda" und sich freut, wenn mit "Sound of silence" danach wieder ein alter Bekannter erklingt.
Als dritter Silberling des üppigen Deluxe-Sets bietet eine mehr als zweistündige DVD zwei wundervolle Doku-Filme. Die 1969 nur einmal bei CBS gesendete und im Archiv verschollene Tour-Doku "Songs of America" und die neue, eigens für diese Veröffentlichung unter Mitwirkung von Paul Simon und Art Garfunkel 2010 produzierte Making-Of-Doku "The harmony game". Wundervoll! Für Fans unverzichtbare filmische Einblicke.
Zusammen mit einem ausführlichen Booklet ist das Deluxe-Set des Albums eine ganz und gar stimmige und schöne Veröffentlichung und ein gutes argumentreiches Plädoyer für oben genanntes Ansinnen, die Vorzüge des physischen Albums gegenüber der Beliebigkeit einer Computer-Datei sind offensichtlich.
Einziger Kritik- oder eher Irritations-Punkt wäre das Veröffentlichungs-Datum. "Bridge over troubled water" erschien im Februar 1970 - die 40th Anniversary Edition im März 2011!!! Also ich hab mehrmals nachgerechnet und Fachleute befragt, man einigte sich, auch unter Berücksichtigung der Zeitverschiebung, darauf, mir zuzustimmen. Das Ding kam 13 Monate zu spät!?