Finis Terrea. Weltende. Hier ging es lange Zeit nirgendwo hin, bis zur Entdeckung Amerikas vor nicht einmal 600 Jahren. Daraus ergab sich die Möglichkeit zur Flucht über den Ozean in die Freiheit vor Hunger und vor Verfolgung durch Kirche und Politik.
Die Bretagne ist von drei Seiten von Brandung umspült. Kein Ort dieser westlichsten Halbinsel Europas ist weiter als 60 Kilometer vom Meer entfernt. Keltischen Ursprungs der frühere Name "Aremorica" = Land des Meeres, wie man auch wunderbar in "Die Druiden" von Istin, Jigourel und Lamontagne nachlesen kann. Die Vorfahren waren über das Wasser gekommen - von den Britischen Inseln. Sagenumwogen die Erzählungen aus dem Brocéliande, dem bretonischen Forst. Berühmteste Vertreter dürften Asterix und Obelix gleich nach Merlin und dessen Geliebter Viviane sein.
Bis 1951 war es nicht erlaubt, Bretonisch zu sprechen. Nach 1945 wurden 819 Männer hingerichtet, manche nur, weil sie bretonische Bücher besaßen. Ein gewisser Eigensinn und eine gewisse Sperrigkeit scheint den Einwohnern der Bretagne anzuhaften. Schon gut 100 Jahre vor der Französischen Revolution haben die bretonischen Bauern gegen drückende Steuerlast und Klassenunterschiede rebelliert.
Einen Eindruck von dieser schroffen Landschaft und seinen nonkonformistischen Einwohnern vermittelt uns dieser sehr gelungene Bildband des Berliner Fotografen Mathias Bothor. Gar nicht herausgeputzt präsentieren sich die Ortschaften und Menschen, sondern ganz natürlich. Eigentümliches Licht auf den Fotografien - Dunkelheit und Helligkeit zugleich: Regenwolken über Brest, Wolkengebilde über aufgepeitschter See, Licht und Schatten. Skurrile Felsformationen dürfen nicht fehlen - ein Haus zwischendrin, wenig Grün, Grau- und Brauntöne überwiegend und das Grau-Grün-Blau des Meeres. Trockengefallene Boote - der Tidenhub kann an der Atlantikküste bis zu 15 m betragen. Das entspricht einem vier- bis fünfgeschossigen Gebäude.
Die Menschen zeigt Mathias Bothor in Schwarz-Weiß, was den Bildern eine gewisse Strenge, aber auch sehr viel Ausdruckskraft verleiht. Reduziert auf das Wesentliche. Werftarbeiter, ein Elektriker, ein Junge in Fußballkluft, eine Familie auf der Veranda, eine hübsche Bibliothekarin, zwei Auswanderer aus England, Fischer, eine Lehrerin beim Strandspaziergang, ein Ehepaar, das eine kleine Pension betreibt usw..
Ich finde diesen Bildband außerordentlich gelungen. Auf einer Landbrücke ist ein villenähnliches, einsames Haus zu sehen. Das erinnert mich an den Film "Die Frau des Leuchtturmwärters" mit Sandrine Bonnaire, der z.T. auf der Insel Quessant vor Brest spielt. Dort umtost das Meer den Leuchtturm "La Jument".
Nicht jedes einzelne Bild ist im Buch beschriftet. Man findet aber im Anhang eine Verkleinerung aller Fotografien mit erläuternden Untertiteln. Martina Wimmer von mare-online hat eine sehr schöne Einleitung über Land und Leute geschrieben. Eine Übersichtskarte findet man nach dem Vorwort. Ich bin beeindruckt.