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Eine argentinische Tragödie
Eduardo Piglias furioser Roman «Brennender Zaster»
Im Jahr 1966 hört der Schriftsteller Eduardo Piglia von einer Mitreisenden in der Eisenbahn eine Geschichte, die ihm wie die argentinische Version einer griechischen Tragödie vorkommt. Drei Jahrzehnte später wird ein Buch daraus, ein Roman, in dem ein paar drogensüchtige Kriminelle zu modernen Helden werden, die bis zum letzten Atemzug eine sinnlose und unvernünftige Wahl verteidigen. Es ist gewiss nicht falsch, hier an Filme wie «A bout de souffle» zu denken, an das ganze existenzialistische Gangstertum des film noir, das ohne moralisches Gegengewicht auskommen muss: Piglia ist unter anderem Drehbuchautor.
Aber Eduardo Piglias Helden sind authentisch so authentisch jedenfalls, wie die Hauptfiguren eines Romans sein können; und die Geschichte ihres Untergangs ist eine, wie man so zu sagen pflegt, wahre Geschichte. Das heisst, man kann die meisten Fakten in Akten und Archiven nachschlagen. Im September 1965 wurde in Buenos Aires auf offener Strasse ein Geldtransport überfallen; es gab zahlreiche Tote, darunter unbeteiligte Passanten, auch ein sechsjähriges Kind. Auftraggeber war es handelte sich bei der Beute um kommunale Lohngelder mindestens ein Lokalpolitiker; darin verwickelt waren mit hoher Wahrscheinlichkeit auch korrupte Polizeibeamte und eine Schlüsselfigur aus dem peronistischen Untergrund. Den Gangstern gelang die abenteuerliche Flucht quer durch Buenos Aires; aber als sie beschlossen, die Beute nicht mit ihren Auftraggebern und Mittelsleuten zu teilen, hatten sie keine Chance mehr so stellt es jedenfalls Piglia dar. Zwei Monate später wurden sie im Nachbarstaat Uruguay gestellt.
Laut Piglia ist sogar ein Teil der im Buch wiedergegebenen Gespräche authentisch: Sie seien in den letzten Lebensstunden der drei Gangster von einem Polizeifunker abgehört und aufgezeichnet wurden. Es sind diese Stunden, die der Autor als argentinische Tragödie wahrnahm und die er in seinem Buch detailliert schildert: eine Gruppe von Desperados, die sich in einer Wohnung in Montevideo verschanzt hat und, ausgerüstet mit automatischen Waffen, Kisten voller Munition und Unmengen von Drogen, einer Polizeimacht von mindestens dreihundert Leuten Widerstand leistet, wohl wissend, dass es kein Entkommen geben wird. Sie schiessen aus dem Fenster und durch die Tür, bringen noch mehrere Menschen um, schnupfen zwischen zwei Salven Kokain und reden, wahnsinnig vor Schlaflosigkeit und Todeserwartung, von ihrer Kindheit, ihrem Sexleben, vom Knast, von Hinrichtungen. Ab und zu schreien sie etwas hinunter zu der wartenden Menge, den schwer bewaffneten Polizisten, den Journalisten und Schaulustigen.
Piglia nennt immer wieder Namen und Uhrzeiten, protokolliert die verwendete Munition, die Lage der Räume, der Leichen. Die dokumentarische Verfahrensweise, die Exaktheit, mit der möglichst jeder Weg und jede Zufälligkeit nachgezeichnet wird, erinnert an Truman Capotes Klassiker der Non-Fiction-Kriminalliteratur, «In Cold Blood». Aber die Ausgestaltung der Szenen ist üppiger, man wird beim Lesen hineingezogen in die blindwütige, wahnsinnige Innenwelt, die mit der Realität ein paar Anhaltspunkte gemeinsam hat.
Einer der Verbrecher erweist sich als Psychopath, als einer, der seit seiner Kindheit diverse Besserungsanstalten und psychiatrische Kliniken hinter sich hat, mehrmals vergewaltigt wurde, drogensüchtig ist und schizophren, aggressiv und sprachgestört. Als vielfacher Massenmörder und jahrelanger Geliebter seines Komplizen Brignone, genannt «El Nene» (der Junge). Dieser Dorda, den sie den «blonden Gaucho» nennen, ist der Einzige, der das Massaker überlebt, schwer verletzt und auch nicht lange (er wird im Gefängnis getötet wie behauptet wird, im Auftrag eines Polizisten). Seine kriminelle und klinische Laufbahn ist ausführlich dokumentiert, und wahrscheinlich deshalb ist über ihn auch das meiste in diesem Buch zu finden. «Bosheit», lässt ihn der Autor in einem unter Kokain und Speed dahinfliessenden Redestrom sagen, «ist nichts, was man absichtlich macht, sondern ein Licht, das kommt und dich mitnimmt.»
Es ist ein seltsames Kunststück, das Piglia hier zustande bringt. Seine bösen, gefährlichen und vollkommen amoralischen Helden bringt er seinen Lesern auf Augenhöhe, auf Hörweite so nah, dass man beinahe in die wie beiläufig gestellte Falle tappt: die Identifikation mit den Monstren. Denn monströs sind die drei, die am Schluss in einem grössenwahnsinnigen Showdown nur noch ihren eigenen Tod verteidigen können: der psychopathische Massenmörder und sein Freund, der Sohn aus gutem Hause, der auf die schiefe Bahn und als halbes Kind in den unmenschlichen Irrsinn des argentinischen Strafvollzugs geriet; und der Gewohnheitsverbrecher, der eine Fünfzehnjährige in seine blutigen Geschäfte hineinzieht.
Eben diese ist es, die dem Autor ein Jahr später in der Eisenbahn die ganze Geschichte erzählen wird, die für sie eine unglückliche Liebesgeschichte ist. Auch diesen, so ganz anderen, privaten Aspekt eines authentischen Kriminalfalls hat sich der Autor Piglia zu eigen gemacht. Als El Nene, von Kugeln durchsiebt, in den Armen seines irren Geliebten stirbt, scheut er sich nicht, das Bild einer Pietà zu evozieren. Es gibt in «Brennender Zaster» durchaus Momente, wo die Grenze zum Rebellenkitsch, zur Verbrecherromantik überschritten wird. Die ausführliche und drastische Schilderung von Tatorten und Tathergängen erinnert manchmal an Sensationsjournalismus. Meist aber bleibt die Erzählung kühl, bemüht um Präzision. Dazu gehören die Einblicke in das Innenleben der Pistoleros, so spekulativ diese auch sein mögen. Und, was viel wichtiger ist, die Einblicke in die korrupte und politisch wie sozial zerrissene Gesellschaft, die der Peronismus hinterlassen hat.
Paranoide Polizisten und militante Nationalisten, die politische Kriminelle und kriminelle Politiker sind, sind ebenso Teil dieser Geschichte wie die Strukturen des Justizsystems und der allgegenwärtige Machismo. Piglia ist es gelungen, das Bild einer Gesellschaft genau im Augenblick eines Verbrechens aufzuzeichnen. Das Einzige, was die Klarheit des Bildes trübt, ist der unsichere Umgang des Übersetzers mit der Umgangssprache. Bald wird ein Spitzname übersetzt, bald nicht; bald sind die dem Rotwelsch entlehnten Worte im Deutschen ziemlich unpassend. Wer, um Himmels willen, redet denn heutzutage noch von «Zaster»?
Katharina Döbler