Franz Schubert liebte die Kontraste. Tempiwechsel, Tonartwechsel, Stimmungswechsel. Melodiöse, liebliche Klänge werden bei ihm rasch gefolgt von beinahe unvermittelt aufbrandenen Wallungen und von scharfen, mitreißenden Linien. Ereignisreich wie sein von großen Herausforderungen geprägtes Leben, zusammengehalten von einer Atem beraubenden Präzision und einer scheinbar unermüdlichen Gelassenheit. Indessen weiß Alfred Brendel mit einer weithin ungewöhnlichen Souveränität zu überzeugen. Er geht mit einer Sensibilität zu Werke, als sei dies sein ureigenes Terrain. Sein klares Spiel bewegt sich mit einer unbeschreiblichen Sicherheit durch die komplizierten Setzungen der Partituren.
Schuberts bis in unsere Tage vielfach unterschätzte, mitunter gar gering geachteten Sonaten gelten unter ernst zu nehmenden Musikkennern als höchste Kunst und werden von den meisten bedeutenden Pianisten eingespielt und öffentlich aufgeführt. Alfred Brendel hat nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einen ganz gehörigen Anteil am Zustandekommen der breiten Schubert-Rezeption im deutschsprachigen Raum (und darüberhinaus!) gehabt, sowohl die große Anzahl von Tonträger als auch den Konzertbetrieb betreffend. Seine inbrünstigen und eindringlichen Versionen sind auch unter interpretationsgeschichtlichen Gesichtspunkten von unschätzbarem Wert.
Eine der bemerkenswertesten Einspielungen von Schubert-Werken kommt denn auch von Brendel selbst. Philips hat sie im vergangenen Jahr zu seinem 75. Geburtstag als Doppel-CD herausgebracht. Die für diese verhältnismäßig preiswerte Edition ausgesuchten Sonaten und Klavierstücke stehen bis heute im Zentrum von Alfred Brendels Repertoire. Uns tun sich faszinierende Einblicke in Schuberts vielschichtiges Klavierwerk auf, äußerst differenziert in den feinen Linien seiner Kompositionen, hochfahrend in ihren Steigerungen, dabei stets in großer Werktreue - und durchgehend mit diesem einzigartigen Anschlag.