"Der Brehm" -- das ist zum Markenartikel geworden, ähnlich dem "Duden" oder (leider nicht mehr lange) dem "Brockhaus".
Warum das so ist, warum "der Brehm" zum Inbegriff des zoologischen Nachschlagewerkes geworden ist -- das wird klar, sobald man sich mal ein paar Stunden durch Roger Willemsens Auswahl aus dem zehnbändigen Original (2. Auflage, 1882/87) geschmökert hat. Im Gegensatz zu anderen Fachlexika ist "der Brehm" nämlich ein Volksbuch im besten Sinne des Wortes, und das auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Alfred Brehm beschreibt nicht nur genau -- das können andere auch. Aber er beschreibt anschaulich, schildert die Tierwelt, berichtet von seinen eigenen Forschungsreisen in die abgelegensten Ecken des Globus. Oft genug ist er der erste Wissenschaftler, der nicht nur dem Präparat auf dem Objektträger oder dem ausgestopften Exemplar in der Vitrine begegnet, sondern der die Tiere in ihrer eigenen Umwelt beobachtet.
Aber Brehm ist nicht nur ein exakter Beobachter, sondern auch ein fähiger Erzähler, und sein Erzähltalent beschränkt sich nicht nur auf spektakuläre Erlebnisse mit spektakulären Tieren in spektakulärer Umgebung: Sein wissenschaftlerisches und literarisches Kaliber wird erst so richtig deutlich, wenn er sich z.B. der Stubenfliege widmet; die ist ihm nämlich genauso viel Aufmerksamkeit wert wie Nashorn, Elefant und Menschenhai.
Willemsens Auswahl umfasst gut 100 Artikel auf über 900 Seiten, berücksichtigt Wanderratte ebenso wie Zuckereichhorn, Tasmanischen Schnabeligel ebenso wie Gallwespe.
Brehm erzählt -- fesselnd, lebhaft, mitunter freilich auch stilistisch Kind seiner Zeit. Von wem mag hier wohl die Rede sein: "Schwachen Geschöpfen oder seinesgleichen gegenüber zeigt es einen liebenswürdigen Muthwillen, aber auch Necklust und unliebenswürdige Zanklust, lebt deshalb nicht eben gesellig und selten in Frieden. Doch hat man andererseits auch das gute Gemüth kennen gelernt und erfahren, dass es mitleidig, ja barmherzig sein kann." Nein, hier berichtet kein geplagter Schullehrer von seinem Sorgenkind, sondern der Zoologe vom Rotkehlchen... Aber gerade Passagen wie diese machen den Reiz des Brehm mit aus, verleihen ihm seinen unverkennbaren Charakter (Die Älteren werden sich erinnern: Brehm war stilbildend; noch in den 100 Jahre später plauderte Grzimek im haargenau selben Stil über seine "munteren Gesellen").
Man lasse sich aber nicht zu abgeklärter, vermeintlich wissenschaftlicher Überlegenheitsgeste verleiten von Passagen wie der zitierten. Brehm schwadroniert nämlich nicht, sondern nimmt Details ebenso wichtig, wie er den Überblick behält. Er schreibt eben nicht nur für die Fachwelt, und der interessierte Laie profitiert vom anschaulichen Stil, von der Kombination wissenschaftlicher Exaktheit mit Liebe zum skurrilen Detail -- und unterhält sich bei alledem prächtig.
Brehms Faszination, sein Sinn fürs Skurrile und ebenso fürs Charakteristische übertragen sich auf die Leser, und vor lauter Faszination merkt der oft genug gar nicht, dass Brehm nicht nur von der Tierwelt berichtet, sondern auch von exotischen Landschaften und von Begegnungen mit fremden Völkern, die er unvoreingenommener schildert als viele Völkerkundler seiner Zeit.
Einer war auf jeden Fall fasziniert von Brehm: der Grafiker Klaus Ensikat. In seinen gut 60 ganzseitigen Illustrationen spiegelt sich das Besondere der Texte wider: Nüchterne Beobachtung und Liebe zum Besonderen bis hin zum Skurrilen sind auch hier keine Gegensätze. Nicht, dass Ensikat noch beweisen müsste, dass er zu den Besten gehört -- aber er beweist es halt wieder mal.
Fasziniert war aber auch Roger Willemsen, der "Auswähler" und Herausgeber. Das zeigt nicht nur sein kluges und erfreulich kurzes, uneitles Geleitwort, sondern auch das schon umfangreichere Nachwort. Hier berichtet er stilistisch gelungen und fundiert: Wissenswertes über die Geschichte der Zoologie bis Brehm und dessen Bedeutung im Allgemeinen, und ebenso die Entstehungsgeschichte des "Brehm" im Besonderen.
Und da sich's leider nicht von selber versteht, erwähne ich's extra: "Die schönsten Tiergeschichten aus Brehms Tierleben" empfehlen sich auch für die Bibliophilen; das ist gediegene, uneitle Buchbinderkunst mit Sinn fürs Detail -- eines Alfred Brehm würdig.