Wenn man an Clint Eastwood denkt, besonders an die Jahre, die ihm seine anfänglichen Erfolge bescherten und ihn somit in der Film-Welt etablierten, so fallen einem wohl zu allererst seine Verkörperungen von schweigsamen Westernhelden mit verkniffenem Mimikspiel ein oder seine (mehrfach wiederholte) Darstellung des zynischen Cops DIRTY HARRY. Eastwood begann allerdings bereits in den frühesten 70ern - also lange vor seinen beachteten sowie z.T. auch prämierten Regie-Erfolgen, wie u.a. ERBARMUNGSLOS, DIE BRÜCKEN AM FLUSS, MYSTIC RIVER oder MILLION DOLLAR BABY - sich ebenfalls in der Kunst der Regieführung zu üben. 1971 entstand SADISTICO in eigener Regie, zwei Jahre später EIN FREMDER OHNE NAMEN ... und im selben Jahr BREEZY. BREEZY war die erste Regie Arbeit Eastwoods, in der er selbst vor der Kamera nicht präsent war und in BREEZY änderte sich auch das Sujet: Western- oder Krimi-Motive wichen hier einer durchaus vielschichtigen Beziehungsthematik. An den Kinokassen erwies sich der Film als nicht sonderlich lukrativ - als Grund dafür soll Eastwood den Universal-Studios vorgeworfen haben, daß zu wenig zielgerichtete Werbung betrieben wurde -, Hauptdarstellerin Kay Lenz erhielt dennoch eine Nominierung für den Golden Globe als "Beste Nachwuchsdarstellerin".
Edith Alice Breezerman, genannt 'Breezy' (Kay Lenz), ist ein junges Hippie-Mädchen. Sie lebt diese Kultur, hat somit wenig materielle Ansprüche, erweist sich allerdings als erstaunlich reif in einigen ihrer Anschauungen bezüglich der Werte im Leben, die das Materielle übersteigen. Und mit eben dieser Art beeindruckt sie Frank Harmon (William Holden), als sich ihre Wege kreuzen. Frank und Breezy trennen ca. 3 Jahrzehnte Lebenszeit von einander und somit obligatorisch auch Erfahrungsschatz und Lebensgrundsätze. Frank - im Immobiliengeschäft tätig - war bereits verheiratet, ist mittlerweile geschieden, läßt sich seither mit Frauen gern für eine Nacht ein, hat darüber hinaus aber (weitgehend) keine Ambitionen - er ist beziehungsscheu und schätzt das Alleinseinsein. Und jetzt tritt Breezy in sein Leben, die mit ihrer Gitarre (die sie niemals spielt) durch Los Angeles zieht und sich eines Morgens zu ihm ins Auto setzt, als Frank zur Arbeit fährt. Abends ist sie wieder da, plappert wieder drauf los, duscht und ißt bei Frank und verabschiedet sich - nur um am folgenden Abend abermals auftauchen. Frank hat sich mit dem 'Plappermaul' Breezy einen kleinen 'Quälgeist' aufgehalst, doch u.a. ihre jugendliche Vitalität, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Einstellung zur Liebe bewegen ihn emotional. Die Zeit, die er mit Breezy verbringt, stellt eine 'Auszeit' zu seinem sonstigen Leben dar, das von gesellschaftlichen Konventionen und Routine geprägt ist - und dann ist sie auch schon wieder weg ... und wieder da. Ihrer beider Tagesinhalte, die unterschiedlicher kaum aussehen könnten, gestalten Frank und Breezy separat von einander, sie treffen sich gewissermaßen in den 'Zwischenräumen' ihrer Leben ... doch auf diesem Weg kommen sie einander immer ein Stück näher, emotional und auch körperlich. Als alles dann aber erkennbar auf eine Beziehung hinaus läuft, weil sich, außer Nähe und sich vertiefenden Emotionen schon ein Hauch von Routine einschleicht, macht Frank einen Rückzieher ... doch dann geschieht etwas, das ihn seine Entscheidung noch einmal überdenken läßt ...
In BREEZY manifestierte Clint Eastwood in seiner Eigenschaft als Regisseur bereits früh, was ihn mittlerweile längst auszeichnet: Einfühlsam porträtierte Charaktere, die, jenseits von Kitsch und Klichée, für Glaubwürdigkeit und Originalität sorgen. Und unter diesem Aspekt stellen William Holden und Kay Lenz auch eine hervorragende Wahl für die Personifizierungen von Frank und Breezy dar - dies zeigt sich sowohl in den Momenten, in denen sie als Kontrast zu einander fungieren sollen, wie in jenen, die sie in Harmonie mit einander teilen. Beide demonstrieren vor der Kamera sehr natürlich, wie - trotz Generationskonfliktpotential - Reife, Erfahrung und routinierte Lebensfunktionalität mit jugendlicher Energie und Lebensfreude, ungetrübter Liebesfähigkeit und idealistischem Gedankengut einen wunderschönen Austausch finden können. Auf dem Vorwege gehört bereits zur Stärke der Story, daß BREEZY keine Lobeshymne auf den 'Hippie-Lifestyle' sein soll, ebenso wenig, wie auf das 'Establishment', an beidem soll jedoch auch nicht grundsätzlich Kritik geübt werden - hier geht's um effektvolle Kontrastierung. Eastwood's Inszenierung vermag es, weitestgehend neutral die Charakteristika beider Welten sichtbar heraus zu stellen, darüber hinaus aber - und dies zeigt sich sehr gut auch in einigen Nebenrollendarstellungen, von denen der Film ebenfalls entscheidend profitiert - einfach Menschen mit ihren Bedürfnissen und Eigenheiten zu porträtieren und dies im Kern weitgehend unabhängig von ihrer jeweiligen Lebensweise. Das Script sieht zudem viele Dialoge vor, auf die sich der Zuschauer gern einläßt, weil oftmals vorhandene, wirkliche Substanz unüberhörbar ist.
BREEZY leitet sich ab von dem engl. Wort 'breeze', das als Substantiv so viel wie 'Hauch' oder 'Lüftchen' bedeutet, im Sinne des Verbs mit 'sanft wehen' übersetzt werden kann. Und in diesem Sinne runden auch die Zeilen, die für den Titelsong zu Michel Legrand's Musik geschrieben wurden, ein Gesamtbild ab: "Maybe we'll make each other laugh and maybe we will cry ... and maybe we'll be each other's friends before we say goodbye ..." Genau so gestaltet sich letztlich der Inhalt: Einer leichten Brise gleich weht Breezy in Frank's Leben, 'berührt' ihn kurz und weht wieder davon ... bis zum nächsten Windhauch - ihrer beider Leben scheinen sich temporär flüchtig zu berühren und bei jeder weiteren Begegnung bleibt etwas zurück, dennoch scheint es zu keiner 'Verfestigung' zu kommen.
Zur Zeit seiner Entstehung und Veröffentlichung stellte BREEZY aufgrund seines Gesamtcharakters sicher ein Ausnahme-Phänomen in Clint Eastwood's Film-Historie dar - aus heutiger Sicht wirkt der Film wie ein Vorbote auf seine späteren Regie-Arbeiten. Wie zielsicher/effizient er bereits damals vorzugehen wußte, zeigt sich ganz besonders in der Inszenierung der Szene, die den Auftakt zu Frank's und Breezy's erster Liebesnacht darstellt; die Regieführung darf aber in ihrer Gänze vorbehaltlos als gelungen bezeichnet werden, ihre Qualitäten zeigen sich nämlich auch in weiteren Details.
Die von 'Koch Media' heraus gegebene DVD kommt ohne Extras, sondern präsentiert lediglich den digital remasterten Film in deutscher sowie englischer Sprache (DD 2.0, Bild: 1.85:1 / 16:9) ohne Untertitel.
Wer Liebesfilme fern von Klischée und Melodram mag, ist hier genau richtig. BREEZY - BEGEGNUNG AM VORMITTAG ist definitiv ein sehenswerter Film, was ebenfalls daran liegt, daß, über den Beziehungsaspekt hinaus, erfolgreich das Porträt einer Gesellschaft in die Handlung mit eingeflochten wurde. Viel Spaß beim Ansehen.
-- theSilentNoirFreak