Als Zuschauer muss man sich bei der Serie Breaking Bad einiges zumuten lassen: Spannung, Gewalt und Kraftausdrücke - aber vor allem auch den Verzicht auf moralisch saubere Identifikationsfiguren. Denn die Verachtung aller Werte grassiert wie eine Seuche in der amerikanischen Vorstadt von Albuquerque, nicht nur bei den Gangsterbossen und im Prekariat, sondern sogar mitten im Herzen des bürgerlichen Milieus.
Im Zentrum der Geschichte steht der krebskranke Chemielehrer Walter White. Aus Verzweiflung über seine unbezahlbare Therapie und sein eher langweiliges Leben nutzt er seine Fachkenntnisse, um mit der Herstellung synthetischer Drogen zu beginnen. Für deren Absatz ist er von seinem ungleichen Partner abhängig, dem Junkie Jesse Pinkman. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Bei ihrem aufhaltsamen Abstieg in den Sumpf des Verbrechens ergänzen sie sich zu einem der besten odd couples seit "Männerwirtschaft".
Alles gerät vom Schlechten zum Schlimmsten, es gibt immer mehr Tote, die Figuren laden Schuld auf sich und lassen sich nur zu bereitwillig verführen. Der kammerspielartige Reigen kommt über mehrere Staffeln mit relativ wenigen Figuren aus (die übrigen sterben meistens irgendwann). Die Charaktere agieren, getrieben von Eigeninteressen, beinahe autistisch nebeneinanderher. Interaktion ist fast auf das zufällige Maß der Interessenkollision beschränkt. Während sie ihren Lebensweg zu kontrollieren glauben, verstricken sie sich tatsächlich immer mehr in ein düsteres Schicksal und reißen dabei andere mit ins Verderben. Das gilt auch für Walters Schwager, den Drogenfahnder, der aus persönlichem Frust heraus mit übertriebener Härte nach jenem mysteriösen "Heisenberg" sucht, der seinen Beritt mit Drogen bekocht - und dabei selbst zur Zielscheibe wird.
Zwischendurch blitzt mal Menschlichkeit auf, wenn die recht integer gezeichneten weiblichen Charaktere Stellung beziehen. Aber auch sie lassen sich nach und nach in den Tanz um das vermeintlich große Geld mit hineinziehen.
Das alles wird mit viel Sarkasmus zelebriert. Der atemlose Zuschauer kann sich von Folge zu Folge des beklemmenden Eindrucks weniger erwehren, dass sein Genuss am moralischen Verfall auch etwas mit ihm selbst zu tun haben könnte.
Die Spannung rührt nicht zuletzt daher, dass bei dieser Serie handwerklich einfach alles stimmt. Die Professionalität, gepaart mit der unkonventionellen Konstruktion der Story, schafft eine Fernsehunterhaltung wie aus einer anderen Dimension. Eigentlich ist dies schon großes Kino - Lichtjahre entfernt von deutscher Farbfernsehtristesse.
Während der ersten Staffel hatte ich noch ab und zu Zweifel, ob der schwarze Humor und die gelegentliche Brutalität ebenso wie manche scheinheilig rührseligen Familienszenen nicht zu künstlich gestaltet sind, um eine Art Kult-Charakter zu konstruieren. Aber schon die zweite Staffel beeindruckte mich zunehmend durch stringente erzählerische Stärke ohne viel Leerlauf. Die Handlung nimmt immer mehr an Fahrt auf, trotzdem bleibt die Darstellung nüchtern bis hin zum Zynismus.
Die dritte Staffel kann das vorgegebene Tempo voll halten und bietet angesichts der Leichtigkeit, mit der die haarsträubenden Geheimnisse aus der amerikanischen Mittelschicht aufgetischt werden, nochmals eine Steigerung. Die Drehbuchautoren wagen immer mehr - und sie gewinnen, weil Regie, Schauspieler und Produktion es mittragen können. So gelingt auch ein Kabinettstückchen wie "Fly", die 10. Folge, die sich fast ausschließlich um die Jagd auf eine einsame Fliege im Drogenlabor dreht.
Wer diese Serie nicht kennt, hat etwas verpasst. Aber man sollte mit der ersten Staffel anfangen, sonst bleibt höchstens der halbe Spaß. Gerade in der dritten Staffel gibt es nämlich jede Menge amüsanter Rückbezüge, die ohne die Kenntnisse der Staffeln 1 und 2 verpuffen würden, von der Spannung ganz zu schweigen.