Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould war ein begnadeter Darsteller evolutionstheroretischer Zusammenhänge und Verfasser von mehreren hundert Essays, die um die Erforschung und Ausgestaltung des Evolutionsgedankens kreisen, immer mit einer anekdotischen Einleitung auf sehr profunde biografische und inhaltliche Details der Theorie hinsteuernd. Dieser 5. seiner insgesamt 10 herausgegebenen Essay-Bände ist natürlich genauso anregend wie die ersten vier („Darwin nach Darwin", „Der Daumen des Panda", „Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt" und „Das Lächeln des Flamingos"). Der 10. und letzte Band „I have landed" wird noch dieses Jahr in der Übersetzung durch den bewährten Sebastian Vogel herauskommen bei S. Fischer.
Bravo Brontosaurus enthält in 10 Kapiteln insgesamt 35 Aufsätze zu so verblüffenden Themen wie der Frage, warum das Kiwi-Ei so groß ist (nämlich weil der Kiwi schrumpfte), warum das Larvenstadium des Glühwurms Arachnocampa luminosa so viel interessanter als die fertige Fliege gleichen Namens ist, was es mit den eierlegenden Säugetieren Schnabeltier und Ameisenigel oder der fraglichen Foxterrier-Größe des Eohippus auf sich hat.
Historische Themen zur Geschichte der Evolutionstheorie beschäftigen sich etwa mit der Frage, was George Cannings Hinterbacke mit Darwins Hauptwerk der „Entstehung der Arten" zu tun hat (offenbar `ne ganze Menge!), in wieweit die Sprachherkunftsforschung der Brüder Grimm der Ausbreitungstheorie des Homo sapiens förderlich war, oder gehen z.B. parallelen Reliktbildungen in Evolution (Daumen des Panda) und Technik (QWERTY-Tasten-Anordnung der Schreibmaschine !) nach.
Der Band erschien nach 1987, jenem Jahr, in dem in Amerika der Kreationismus seine endgültige Schlappe im Biologieunterricht der Schulen per Gericht hinnehmen musste. Das nimmt Gould zum Anlaß, einige Essays aus der Zeit mit in die Sammlung aufzunehmen: Die Darstellung des Kampfes des Darwin-Schülers Huxley gegen Pfarrer Wilberforce und Gladstone; dann der zunächst fortschrittliche Reformeifer, die später aber sehr kreationistische Wendung des Politikers William Jennings Bryan; der Streit desselben mit dem Paläontologen Osborne Anfang des Jahrhunderts in Amerika um einen Backenzahn, der erst fälschlich einem vermuteten Frühmensch aus Amerika zugeschrieben dann als vom Schwein stammend entlarvt wird, was Wasser auf die Mühlen der Kreationisten wirft und im Scopes-Prozeß von 1925 schließlich dem Kreationismus Zugang zum öffentlichen amerikanischen Unterricht verschafft. Im 1987er Prozeß votieren 2 von 7 Richter für den Kreationismus - Gould nimmt die falsch argumentierende Gedankenwelt des Richters Scalia zum Anlaß, häufigen Missverständnissen im Zusammenhang mit dem Evolutionsgedanken entgegenzutreten, insbesondere dem, dass es sich um eine Theorie zur Lebensentstehung, statt einer Beschreibung seiner Ausbreitung handele. Zu Anfang und Ende der Welt könne aber Naturwissenschaft ehrlicherweise gar nicht definitiv Stellung nehmen, sie entzögen sich deren Methodik. - Fazit: ein absolut lesenswertes und sehr erhellendes Buch zu vielen Aspekten von Natur und Evolutionsgeschichte. Wo nimmt dieser Mann bloß seine reichen und weit gestreuten Gedanken her?
(15.06.04)