Sie tritt nicht auf, sie erscheint. Wie eine schöne und etwas irreale Frau in ihrem weißen Abendkleid mit Schleier und wehenden Federn, wie eine Frau, die nicht dazuzugehören scheint. Nicht zu dem Anwesen, auf dem sie sich plötzlich befindet, nicht zu der Hochzeitsgesellschaft, auf der sie später ebenso statuarisch-irritierend steht - und nicht zum Leben. Und ist sie, deren Farben Schwarz und Weiß gegen Ende einander wie scharfe Messerstiche durchschneiden und ihre zunehmende Verstörtheit illustrieren, nicht so etwas wie eine Tote? Ja, so drückt sie es in einer Schlüsselszene in einer Beichte aus. Ihr wurde nicht einfach "nur", was tragisch genug wäre, der Bräutigam vor der Kirche erschossen. Sie hatte ihr Leben völlig auf diesen Mann ausgerichtet, der schon eine Sandkastenliebe war. Es hatte nie einen anderen, es hatte nie etwas anderes in ihrem Leben gegeben. Eine typische, alles verschlingende Liebe, typisch für das Melodram wie für Truffaut als Regisseur. Stirbt er, so ist auch sie gestorben. Doch während ihres Sterbens reißt sie die fünf Menschen mit in den Tod, die an einem Fenster gegenüber der Kirche mit einem Gewehr herumgespielt und den tragischen Unfall dann vertuscht hatten. Sie, das ist "die Braut", mit dem sprechenden Namen Mme Colère, aber "die Braut" genügt eigentlich. Ohne einen Bräutigam kann eine Braut nicht sein. Sie versteht das Töten, das Sich-Einschmeicheln in ihre Opfer, deren Gewohnheiten und Vorlieben sie genau studiert hat. Das Töten ist ihr kein Problem, sie müsste nur das Sterben lernen und ist eine tragische Figur, die unter dem Zwang leidet, weiterleben zu müssen. So erklärt sich auch, warum, wie es am Ende heißt, "eine so kluge Frau sich so plump erwischen lässt", um anschließend noch eine Bluttat ohne Chancen auf Entkommen zu begehen. Schließlich war im Frankreich des Jahres 1966 die Todesstrafe noch nicht abgeschafft...
Jeanne Moreau ist der Star des Filmes, ist die Schwarz und Weiß tragende Braut. Obwohl sie nicht die klassische Sexbombenschönheit ist, geht von ihr eine geheimnis- wie machtvolle Aura aus, mit der sie ihre Rache- und Erlösungspläne geschickt vollführen kann. Wobei es ihr der Film aber auch nicht wahnsinnig schwer macht, denn die männlichen Opfer sind eher bemitleidenswerte Jammerlappen ihrer Spezies. Was immerhin perfekt inszeniert ist und gespielt wird, von allen. Während die Braut mit Schwarz und Weiß konnotiert ist, Verletzlichkeit blutrot ist sowie besonders kalte Akte (den fünfjährigen Sohn zu Bett bringen, auf dass er schlafe, wenn der Vater ermordet wird) mit Blau konnotiert sind, zeigen sich Wohnungen der Opfer ab und an einmal fäulnisgelb. Gerade bei Nr. 2, den Truffaut noch mit einer Liebe zum Detail die Glatze mit Handspiegel zukämmen lässt, dass es weh tut. Als Thriller versagt "Die Braut trug Schwarz" damit kläglich: Die Braut hat's leicht, die Opfer sind fast schon Karikaturen von Möchtegerncasanovas, und es gibt zahlreiche ziemlich unwahrscheinliche Begebenheiten (kann man jemanden wirklich in einer Kammer ersticken? Die Kammer ist nicht leergeräumt, hat der Mann nicht einen scharfen Gegenstand, um das Isolierband zu durchschneiden? Dennoch eine sehr beklemmende Szene, wie noch das Licht der letzten Ritzen verlöscht - und eine der Szenen, bei denen am deutlichsten erkennbar ist, dass Tarantinos "Kill Bill" von dem Film inspiriert ist, hier muss man das nur einmal mit Uma Thurman als Braut im Sarg vergleichen). Aber das ist ja auch kein Thriller, sondern eine Tragödie, ein Melodram der obsessiven Liebe, die zum Tod bei Täterin UND Opfern führt. Darin ist der Film hervorragend. Er lebt von Stimmungen statt von Suspense, nicht zuletzt durch die nervöse, typisch synkopische Musik von Hitchcock-Stammkomponist Bernard Hermann. Und psychologisch mag er auch bei der Männerriege bei genauerem Hinsehen gar nicht so daneben sein, wie man meinen könnte. Unsere fünf Opfer haben sich nämlich, wie es heißt, durch zwei "Steckenpferde" zu einer Clique zusammengefunden: Die Jagd und die Frauen. Es sind alles Junggesellen, die dennoch (oder deshalb) von der Jagd auf Frauen besessen sind und sich dabei hoffnungslos vergaloppieren. Merke: Wer sucht, der findet nicht. Sie alle ruhen nicht in sich, stehen unter einem Zwang, der sie vereint, unter dem Zwang, entweder so viele Frauen wie möglich oder überhaupt mal einige wenige Frauen zu "haben". Sie betrachten sie als "Objekte", wie der Maler unter ihnen es nennt. Es ist vermutlich kein Zufall, dass sie beim Herumspielen mit dem Gewehr nicht nur auf den Wetterhahn der Kirche, sondern dass stellvertretend einer "nur mal so" auf die Braut gezielt hat. Spricht man nicht auch von, ähem, einer "großen Kanone"? Und steht - so realistisch dies nun für Eheschließungen sein mag oder nicht - das Weiß der Braut nicht für Jungfräulichkeit? Es ist klar, dass hier Männer die Frau als Objekt sehen, die sie entjungfern wollen. Am Deutlichsten bekommt es der Maler heimgezahlt, der die Braut als Diana, Göttin der Jagd, malt, die ihn natürlich beim Posieren mit dem Pfeil der Jagdgöttin niederstreckt.
"Die Braut trug Schwarz" ist daher ein faszinierendes und stimmiges Drama, trotz diverser Zitate in "Kill Bill" weit mehr als nur Tarantino-Inspirationsquelle, und umgekehrt viel mehr als nur Hitchcock-Reverenz, Truffauts Verehrung für den Meister und Bernard Hermanns Musik hin oder her. Am Rande sei erwähnt, dass der Rezensent Hobby-Mandolinist ist und den leitmotivischen Einsatz eines Vivaldi-Mandolinenkonzerts sehr genossen hat, wenngleich er noch eine Weile leben und leben lassen möchte.