Aus der Amazon.de-Redaktion
Den Anblick des Bombenkrieges im Zweiten Weltkrieg in einem Bildband zu dokumentieren, dürfte nicht allzu schwer sein. Möchte man jedenfalls meinen. Foto- und Filmmaterial aus der Zeit ist ja für gewöhnlich genügend vorhanden. Doch so einfach ist die Sache offenbar nicht. Vor allem nicht, wenn man wie der Berliner Historiker Jörg Friedrich an einen Bestseller anknüpfen will und den Anspruch hat, nie Dagewesenes präsentieren zu wollen. Aber ob im Kino digital animiert oder im Fernsehen in Farbe, an Eindrücken von Kriegsgräueln herrscht in unserer medialen Welt ja kein Mangel. Sie sind inzwischen so selbstverständlich geworden, dass man schon fast enttäuscht ist, wenn bei Direktübertragungen aus Bagdad im Bombenhagel nur diffuses grünes Leuchten und ein paar Blitze zu sehen sind.
Live-Bilder vom Kampf ums Überleben, von der Panik in den Bunkern oder gar vom Ringen der Verschütteten nach Sauerstoff sind rar. Gott sei Dank! Die Betroffenen haben im Angesicht des Todes offenbar Wichtigeres zu tun, als mit einer Kamera zu hantieren. Dass dies in einer Zeit, in der obendrein handliche Fotoapparate nicht gerade zur alltäglichen Standardausrüstung gehörten, nicht anderes gewesen sein kann, liegt auf der Hand. Abgesehen davon, dass das nationalsozialistische Regime nicht zuletzt aus Sorge vor Defätismus zeitweise sogar ein Fotografieverbot verhängt hatte.
"Ich habe nach Bildern gesucht, die erzählen, was Worterzählungen übersteigt", schreibt Jörg Friedrich im Geleitwort zu seiner Bild-Text-Montage Brandstätten, die als Ergänzung seiner viel beachteten und kontrovers diskutierten Abhandlung Der Brand gedacht ist. Doch obwohl er eine Fülle bislang unveröffentlichten Materials enthalten soll, findet der zeitgeschichtlich Interessierte wenig, was ihm hauptsächlich aus Dokumentarfilmen über den Luftkrieg nicht schon präsent ist. Vielen der ausgewählten Fotos sieht man zudem an, dass sie ausschließlich zu speziellen beruflichen Zwecken geschossen wurden.
Dies soll aber nicht bedeuten, dass der sparsam und eigenwillig kommentierte Band nicht eine Empfehlung verdient hätte. Eindrucksvoll genug ist er trotz allem. Mitunter sogar bis an den Rand des Erträglichen, was sogar zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Autor und Verlag über "die Grenzen des Darstellbaren von Köperzerstörung" geführt zu haben scheint. Aber um mit Susan Sontag zu sprechen: "Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen -- vor allem mit eindringlichen Fotos." --Roland Detsch
Kurzbeschreibung
Seit dem überwältigenden Erfolg von Jörg Friedrichs Der Brand spricht Deutschland über den Bombenkrieg. Die jahrzehntelange Verdrängung dieses traumatischen Erlebnisses betraf auch die umfangreichen Bildbestände, die in den städtischen Archiven ruhen. Friedrich entreisst sie mit diesem bewegenden Bildband dem Vergessen. Die völlig unbekannten Fotos erzählen die Geschichte vom Untergang der Städte, von Angst und Schrecken der Bombardierten und vom Überleben der Davongekommenen.
Klappentext
Mit seinem Buch Der Brand hat der Berliner Historiker Jörg Friedrich einen sensationellen Erfolg erzielt und weltweit Beachtung gefunden. Erstmals wurde der Bombenkrieg der Briten und Amerikaner gegen Deutschlands Städte aus der Sicht der Betroffenen, der dem Bombardement ausgesetzten Zivilbevölkerung geschildert. Von der Kritik besonders hervorgehoben wurde Friedrichs erzählerische Leistung, mit der er das traumatische Geschehen in eine eigene, dichte Sprache gekleidet und damit in unser Gedächtnis zurückgerufen hat.Nun legt Friedrich einen großen Bildband zum Bombenkrieg vor, der bewegendes, weitgehend unveröffentlichtes Fotomaterial aus den Archiven deutscher Städte dem Vergessen entreisst. Gezeigt werden die gespenstische Ruinenlandschaft, die Zuflucht der Bevölkerung in Kellern und Bunkern, die Bergung der Opfer, der Alltag in den Trümmerwüsten und die infame Regie der NSDAP, die den Entronnenen Butterbrote, den Toten Staatsbegräbnisse und den Kapitulanten das Schafott bereitete. Eröffnet wird die Bilderfolge mit dem Gang durch eine Traumlandschaft: die historisch gewachsenen, zumeist mittelalterlichen Städte in der Stunde vor ihrer Zerstörung. Als Kontrast schließt der Band mit verstörenden Bildern des Wiederaufbaus, der zumeist ohne Rücksicht auf überkommene Strukturen und städtische Wurzeln erfolgt ist. Erläuternde Texte von Jörg Friedrich begleiten die Bilderzählung von den »Brandstätten«, die den Bombenkrieg, diese große Katastrophe unserer Zeitgeschichte, in die deutsche Wirklichkeit zurückholt.
Über den Autor
Jörg Friedrich, geboren 1944, hat in Standardwerken der Zeitgeschichtsschreibung die Staats- und Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus erforscht. Er hat an der „Enzyklopädie des Holocaust“ mitgewirkt, zahlreiche Fernsehsendungen über die Kriminologie des Land- und Luftkriegs produziert und für seine Arbeiten internationale Auszeichnungen erhalten. Zuletzt erschienen von ihm die Bestseller „Der Brand“, „Brandstätten“ und „Yalu“.