Neue Zürcher Zeitung
Parteinahme im Nahostkonflikt Der Nahe Osten bleibt ein Pulverfass. Die traurige Bilanz von Gewalt und Gegengewalt: bisher etwa 3000 tote Palästinenser, 1000 tote Israeli. Westliche Regierungen verurteilen vehement die Anschläge der radikalen Palästinensergruppen, schweigen aber überwiegend zu den brutalen Gegenmassnahmen des israelischen Militärs. Felicia Langer, früher Menschenrechtsanwältin in Israel und seit 1990 in Deutschland lebend, deckt dies als «Heuchelei» in ihren Buch schonungslos auf. Die Autorin hat zahllose Statements von Politikern, Berichte von Menschenrechtsorganisationen und Friedensgruppen sowie Zeitungskommentare über Israel und Palästina zusammengetragen und kenntnisreich interpretiert und politisch eingeordnet. Sie weist auf die einseitige Sichtweise der USA hin, die durch Präsident Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice so formuliert wurde: Israel sei die Seite, die den Frieden wolle, und die Sicherheit Israels sei der Schlüssel zur Sicherheit der Welt. Warum verniedlicht Rice die Rolle der einzigen Supermacht so? Selbstmordattentate und Besetzung gehören zusammen wie siamesische Zwillinge. Die Autorin verurteilt beides, hält aber fest, wer ihrer Meinung nach dafür die Verantwortung trägt: «Israel hat alle Pforten zum palästinensischen Leben hermetisch abgeriegelt und die Palästinenser durch Unterdrückung, Demütigung und den Kampf gegen ihre Existenz zur suizidalen Verzweiflung gebracht.» Eindeutig äussert sich Langer zur Antisemitismusdebatte in Deutschland, die sich in den Politikern Jamal Karsli und Jürgen Möllemann personifiziert hat. Ersterer wurde in die politische Bedeutungslosigkeit verdammt, Letzterer sprang wohl wegen der Auseinandersetzung um seine Person und finanzieller Unregelmässigkeiten in den Tod. An dem Streit waren der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland und sein Stellvertreter massgeblich beteiligt. «Jüdische Gemeinden erwecken oft den Eindruck, als seien sie Filialen der israelischen Botschaft», schreibt die Autorin. «Diejenigen, welche die Antisemitismus-Debatte anzettelten, hatten das Ziel, die Stimmen der Kritik an Israel zum Schweigen zu bringen.» Ist dies wirklich so? Gibt es nicht zuhauf Kritik an Sharons Politik? Langer hat einen schonungslosen Bericht zur Lage in Israel und Palästina gegeben. Nach der Lektüre sind selbst die treuesten Verteidiger Israels aufgefordert, die Regierung Sharon zur Umkehr und zur Achtung des Völkerrechts aufzufordern. Zu viel Hoffnung sollte man sich aber nicht machen. Das Buch lässt den Leser etwas ratlos zurück, da es kein gutes Haar an der Politik des Landes lässt. Trotzdem stellt es einen notwendigen Beitrag zum besseren Verständnis Israels dar. Ludwig Watzal
Kurzbeschreibung
Der Nahe Osten bleibt ein Brandherd. Die Menschen in Israel und Palästina kommen nicht zur Ruhe. Immer neue Gewalttaten erschüttern die Region. Nachrichten über Tote, Terroranschläge und Vergeltungsaktionen zwischen Israelis und Palästinensern erschüttern die Hoffnung auf einen Friedensprozess, der diesen Namen verdient. Die Unterdrückung der Palästinenser dauert an. Israel errichtet trotz internationaler Proteste eine bis zu acht Meter hohe "Sperranlage", die rund 650 Kilometer lang werden soll. Die "Mauer der Schande" reicht zum Teil tief in palästinensischesd Gebiet hinein.
Die israelische Anwältin und Alternative Nobelpreisträgerin Felicita Langer setzt sich kritisch mit der "Roadmap" auseinander, die in mehreren Etappen Israelis und Palästinenser zu einem friedlichen Miteinander führen soll. Sie macht deutlich, dass es keinen wirklichen Frieden geben kann, wenn man nur darauf lauert, dass die Palästinenser den Status Quo akzeptieren, am Ende gar kapitulieren. Darüber hinaus nimmt sie Stellung zur Antisemitismus-Debatte in Deutschland.