Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Brandherd. 4 Cassetten.
 
Größeres Bild
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Brandherd. 4 Cassetten. [Hörkassette]

Patricia Cornwell , Franziska Pigulla
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (62 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Die Erwartungen sind verständlicherweise sehr hoch, schließlich gilt sie als "erfolgreichste Thrillerautorin der Welt", hat Preise eingeheimst im In- und Ausland: Patricia Cornwell hat Stil, Biss und Engagement, auch in ihrem neuen Buch. Vertraute Personen, altbekannte Freundschaften, wer mehr als einen Krimi dieser Autorin gelesen hat, der fühlt sich irgendwie gleich zu Hause. Da ist Dr. Kay Scarpetta, die Chefin der Gerichtsmedizin in Virginia, ihr Lebensgefährte, FBI-Agent Wesley und ihre Nichte Lucy, Computerspezialistin.

Mit einem Drohbrief der vor Jahren überführten psychopathischen Killerin Carrie startet das Spannungskarussell. Parallel ein mysteriöser Brandanschlag auf das Anwesen des "Medienmoguls" Sparkes, in den Brandtrümmern die Leiche einer jungen Frau. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, die Hiobsbotschaft lässt nicht auf sich warten: Carrie ist aus der Psychiatrie ausgebrochen. "Ich hab so ein Gefühl, dass wir von ihr diesmal weit Schlimmeres zu erwarten haben," mutmaßt Kay Scarpetta und sie soll recht behalten.

Patricia Cornwell, die einmal Tennisprofi werden wollte, dann aber doch in der Gerichtsmedizin arbeitete und sich mit Polizeireportagen einen Namen machte, recherchiert penibel und äußerst detailliert. Da wird aus beachtlichem Fundus beruflicher Erfahrungen geschöpft, da hat alles Hand und Fuß, stellenweise liest sich der Thriller wie ein Tatsachenbericht aus der Gerichtsmedizin. Das ist weder unspannend noch nervenschonend, aber: für zart besaitete Seelen, für Liebhaber des eher psychologisch raffinierten, feineren Krimis ist der neue Roman eher nichts. Denn hier geht es zur Sache, deutlich, direkt, schonungslos. "Der untere Teil des Gesichts bestand aus verbrannten, kalkweißen Knochen... und bröckeligen Zähnen. Von den Ohren war das meiste weg, doch von den Augen aufwärts war das Fleisch gekocht..."

Scarpetta, eine abgebrühte Frau, manchmal knallhart und doch -- Gott sei Dank -- mit menschlichen Regungen. Nach mehrfachen Auftritten in vorherigen Romanen hat sie angenehm an Profil gewonnen. "Ich muss zugeben, dass es mein größter Wunsch ... ist, sie tot zu sehen", sagt die Gerichtsmedizinerin über Carrie und weiß, dass sie in äußerster Lebensgefahr ist. --Barbara Wegmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Die Thrillerautorin Patricia Cornwell sorgt wieder für schlaflose Nächte: Bedrohliche Brandanschläge und eine gefährliche Psycho-Killerin auf der Flucht - ein neuer, unheimlicher Fall für die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta.

Klappentext

"Man hat fast den Eindruck, als liege ein Hauch von Zärtlichkeit über dem Verwesungsgeruch, der Patricia Cornwells Bücher erfüllt."
Süddeutsche Zeitung

"In 'Brandherd' laufen Patricia Cornwell und mit ihr Kay Scarpetta zu Hochform auf."
Westfälische Rundschau

"Der neue Thriller der Erfolgsautorin Patricia Cornwell hat alles, was ihre Fans fasziniert zittern lässt. Er ist ein bisschen pervers, intelligent durchkomponiert, er fesselt mit der Psychologie ihrer Täterin ebenso wie mit der ihrer Fahnder und ist durch und durch professionell in den wissenschaftlich-technischen Details. Carrie, das unsichtbare Monster, raubt nicht nur Scarpetta den Schlaf, sondern auch den Lesern."
Frankfurter Rundschau -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Patricia Cornwell, geboren 1956 in Miami, arbeitete als Gerichtsreporterin und Computerspezialistin in der forensischen Medizin, bevor sie mit ihren Thrillern um Kay Scarpetta internationale Erfolge feierte und mit hohen literarischen Auszeichnungen bedacht wurde. Die Autorin lebt derzeit in New York und Florida.Franziska Pigulla ist seit 1985 freiberuflich als Sprecherin und redaktionelle Mitarbeiterin für diverse Rundfunk-und TV-Sender, Filmproduktions-und Synchronfirmen aktiv. Ihre unverwechselbare Stimme ist durch zahlreiche Synchronisationen ausländischer Schauspielerinnen (Gillian Anderson, Demi Moore, Fanny Ardant, Lena Olin, Sharon Stone, Sean Young ...) bekannt. Seit 1998 hat sie einigen Hörbüchern ihren individuellen Charakter verliehen. Darunter "Nirgendwo in Afrika" von Stefanie Zweig.

Auszug aus Brandherd von Patricia D. Cornwell, Karin Kersten. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Benton Wesley zog sich gerade in meiner Küche die Laufschuhe aus, als ich auf ihn zustürzte. Das Herz schlug mir vor Angst, Hass und schrecklicher Erinnerung fast bis zum Hals. Carrie Grethens Brief hatte in einem Stapel Post und Unterlagen gelegen, den ich erst einmal ungeöffnet beiseite geschoben hatte, bis vor einem Augenblick, als ich beschlossen hatte, mir in der Ungestörtheit meines Hauses in Richmond, Virginia, eine Tasse Zimttee zu machen. Es war Sonntagnachmittag, der achte Juni, vierzehn Uhr zweiunddreißig.
»Ich nehme an, sie hat ihn dir ins Büro geschickt?«
Er wirkte nicht beunruhigt, als er sich niederbeugte und sich die weißen Nike-Socken von den Füßen rollte.
»Rose liest keine Post, die als persönlich und vertraulich gekennzeichnet ist«, fügte ich hinzu. Er wusste das, und mir pochte das Blut in den Adern.
»Sollte sie vielleicht besser. Du scheinst eine Menge Fans da draußen zu haben.«
Ich beobachtete ihn, wie er die bleichen Füße auf den Boden setzte, die Ellenbogen auf die Knie stützte und den Kopf gesenkt hielt. Schweiß rann ihm über Schultern und Arme, die wohlgeformt waren für einen Mann seines Alters, und mein Blick wanderte von den Knien zu den schlanken Fesseln hinab, an denen sich noch das Muster seiner Socken abzeichnete. Er fuhr sich mit den Fingern durch das feuchte, silbergraue Haar und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
»Herrje«, murmelte er, während er sich das Gesicht und den Hals mit einem Handtuch abwischte. »Ich bin zu alt für diesen Mist.«
Er holte tief Luft und atmete langsam aus, mit wachsendem Unmut. Die Armbanduhr, die ich ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, eine Breitling Aerospace aus rostfreiem Stahl, lag auf dem Tisch. Er nahm sie und ließ sie um sein Handgelenk schnappen.
»Verdammt noch mal. Solche Leute sind schlimmer als ein Krebsgeschwür. Lass mich mal sehen«, sagte er.
Der Brief war handgeschrieben, in bizarren roten Blockbuchstaben, und am oberen Seitenrand befand sich die unbeholfene Zeichnung eines Vogels mit Schopf und langen Schwanzfedern. Darunter, rätselhaft, das lateinische Wort ergo, d. h. folglich, mit dem ich in diesem Zusammenhang überhaupt nichts anzufangen wusste. Mit spitzen Fingern entfaltete ich das Blatt, schlichtes weißes Schreibmaschinenpapier, und legte es vor ihn auf den alten französischen Frühstückstisch aus Eichenholz. Ohne das Dokument zu berühren, das möglicherweise noch als Beweisstück dienen würde, nahm er aufmerksam Carrie Grethens merkwürdige Worte in sich auf und begann, sie in die Datenbank seines Gehirns einzufügen.
»Der Poststempel ist New York, und natürlich hat es im Zusammenhang mit ihrem Prozess dort einiges an Presse gegeben«, sagte ich in dem verzweifelten Wunsch, der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen. »Vor zwei Wochen erst ist ein sensationsheischender Artikel über sie erschienen. Praktisch jeder hätte den Namen Carrie Grethen aus dieser Quelle erfahren können. Mal abgesehen davon, dass die Anschrift meiner Dienststelle jedermann zugänglich ist. Vermutlich stammt dieser Brief gar nicht von ihr. Vermutlich ist er von irgendeinem Verrückten.«
»Er ist wahrscheinlich von ihr.« Er las weiter.
»Du meinst, sie könnte so was aus der geschlossenen Abteilung einer forensischen Psychiatrie verschicken, ohne dass es jemand kontrollieren würde«, entgegnete ich, während die Angst mir das Herz zuschnürte.
»Saint Elizabeth’s, Bellevue, Mid-Hudson, Kirby.« Er schaute nicht auf. »Die Carrie Grethens, die John Hinckley juniors, die Mark David Chapmans sind Patienten, keine Häftlinge. Sie genießen die gleichen bürgerlichen Rechte wie wir, während sie in Strafvollzugsanstalten und forensischen Psychiatrien herumhocken, pädophile Anschlagbretter fürs Internet entwerfen und per E-Mail Serienkillertips verkaufen. Und höhnische Briefe an Chief Medical Examiners verschicken.«
Seine Stimme klang jetzt aggressiver, seine Worte schärfer. In Bentons Augen war Hass, als er endlich den Blick hob und mich ansah.
»Carrie Grethen macht sich über dich lustig, Big Chief. Über das FBI. Über mich«, fuhr er fort.
»FIB«, murmelte ich und hätte das bei anderer Gelegenheit sogar komisch gefunden.
Wesley stand auf und warf sich das Handtuch über die Schulter.
»Nehmen wir also mal an, sie war es«, fing ich wieder an.
»Sie war es.« Er schloss jeden Zweifel aus.
»Na gut. Dann steckt aber mehr dahinter als ein bisschen Spott, Benton.«
»Klar. Wir sollen nicht vergessen, dass sie und Lucy ein Verhältnis hatten, etwas, das die Öffentlichkeit noch nicht weiß – noch nicht«, sagte er. »Jedenfalls beweist dieser Brief, dass Carrie Grethen noch nicht damit fertig ist, anderer Menschen Leben zu ruinieren.«
Es war mir unerträglich, auch nur ihren Namen zu hören, und dass sie es geschafft hatte, in mein West-End-Zuhause einzudringen, machte mich rasend. Sie hätte ebenso gut mit uns am Frühstückstisch sitzen und die Luft mit ihrer verdorbenen, bösartigen Anwesenheit verpesten können. Ich sah ihr herablassendes Lächeln und ihre merkwürdig hellen Augen vor mir und fragte mich, wie sich die fünf Jahre hinter Gittern und der ständige Umgang mit geisteskranken Verbrechern wohl auf ihr Äußeres ausgewirkt haben mochten. Carrie war nicht wahnsinnig. War es nie gewesen. Sie war ein entgleister Charakter, eine Psychopathin, ein gewalttätiges Wesen ohne jedes Gewissen.
Ich blickte hinaus auf den Zierahorn in meinem Garten, der im Wind schwankte, und auf die unvollendete Mauer, die mich nur unzureichend vor meinen Nachbarn verbarg. Das Telefon läutete, und ich zögerte abzunehmen.
»Dr. Scarpetta«, sagte ich, während ich beobachtete, wie Bentons Blick abermals jene rote Kugelschreiberschrift abtastete.
»Yo«, ertönte Pete Marinos vertraute Stimme. »Ich bin’s.«
Captain Marino war Leiter der Mordkommission beim Police Department von Richmond, und ich kannte ihn gut genug, um seinen Tonfall einschätzen zu können. Schon wappnete ich mich innerlich gegen weitere schlechte Nachrichten.
»Was gibt’s?«, fragte ich ihn.
»Ein Gestüt in Warrenton ist letzte Nacht in Flammen aufgegangen. Vielleicht haben Sie in den Nachrichten davon gehört«, sagte er. »Ställe, an die zwanzig Spitzenpferde und das Wohnhaus. Alles niedergebrannt bis auf die Grundmauern.«
Bis jetzt ergab das alles noch keinen Sinn. »Marino, seit wann rufen Sie mich an, wenn es irgendwo gebrannt hat? Mal abgesehen davon, dass Sie in Northern Virginia gar nichts verloren haben.«
»Von nun an ja«, erwiderte er.
Meine Küche schien klein und stickig zu werden, während ich auf den Rest wartete.
»Das ATF hat gerade eben das NRT alarmiert«, fuhr er fort.»Das heißt, uns.«
»Bingo. Ihren und meinen Arsch. Gleich morgen früh.« Das National Response Team, abgekürzt NRT, die Spezialeinheit des Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms (ATF), kam zum Einsatz, wenn Kirchen oder Geschäftshäuser brannten, bei Bombenexplosionen und sonstigen Katastrophen, für die das ATF zuständig war. Marino und ich gehörten zwar nicht unmittelbar zum ATF, es war jedoch nichts Ungewöhnliches, dass diese und andere Polizeieinheiten uns bei Bedarf rekrutierten. In jüngster Zeit hatte ich das World-Trade-Center- und das Oklahoma-City-Bombenattentat und den Absturz der TWA-Maschine zu bearbeiten gehabt. Ich hatte bei der Identifizierung der Branch Davidianer in Waco mitgeholfen und die Verstümmelten und Toten untersucht, die auf das Konto des Unabombers gingen. Ich wusste aus leidvoller Erfahrung, dass das ATF mich nur dann zu einem Einsatz hinzuzog, wenn Menschen zu Tode gekommen waren, und wenn Marino ebenfalls angefordert wurde, lag der Verdacht nahe, dass es sich um Mord handelte.
»Wie viele?« Ich langte nach meiner Schreibunterlage.
»Es geht nicht darum, wie viele, Doc. Es geht darum, wer. Der Besitzer der Farm ist nämlich Kenneth Sparkes, der Medienmogul, er und kein anderer. Und gegenwärtig sieht’s so aus, als hätt’ er’s nicht geschafft.«
»O Gott«, murmelte ich, und schlagartig verfinsterte sich meine Welt. »Und das wissen wir genau?«
»Na ja, er wird jedenfalls vermisst.«
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu erklären, warum ich das gerade jetzt erfahre?«
Ich fühlte Wut aufsteigen und war kurz davor, sie an ihm auszulassen, denn sämtliche unnatürlichen Tode in Virginia gehörten in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich hätte nicht erst von Marino über diesen Fall informiert werden dürfen und ärgerte mich über mein Northern-Virginia-Büro, das mich nicht zu Hause angerufen hatte.
»Nun regen Sie sich mal nicht über Ihre Docs in Fairfax auf«, sagte Marino, der meine Gedanken lesen zu können schien. »Fauquier County hat das ATF gebeten, zu übernehmen, sodass das der normale Gang war.«
Es gefiel mir zwar immer noch nicht, aber es war an der Zeit, zur Sache zu kommen.
»Ich darf wohl annehmen, dass man noch keine Leiche entdeckt hat«, sagte ich und schrieb schnell mit.
»Zum Teufel, nein! Damit dürfen Sie sich amüsieren.«
Ich ließ den Kugelschreiber einen Augenblick auf dem Notizblatt ruhen. »Marino, wir haben es mit dem Brand eines allein stehenden Privathauses zu tun. Selbst wenn Verdacht auf Brandstiftung besteht und der Fall exponiert ist, sehe ich nicht, wieso das ATF sich dafür interessiert.«
»Whiskey, Maschinengewehre, vom An- und Verkauf von Klassegäulen ganz zu schweigen; und schon sind wir bei einem Unternehmen«, antwortete Marino.
»Na großartig«, murmelte ich.
»Das können Sie laut sagen. Die Sache ist ein verdammter Alptraum. Der Fire Marshal wird Sie im Laufe des Tages anrufen. Packen Sie besser gleich Ihr Zeug zusammen. Der Hubschrauber erwartet uns vor Tagesanbruch. Ungünstiges Timing, wie immer. Schätze, dass Sie Ihren Urlaub abschreiben können.«
Benton und ich wollten eigentlich am Abend nach Hilton Head fahren und eine Woche Urlaub am Meer machen. Wir hatten in diesem Jahr noch keine Zeit für uns allein gehabt und waren beide ausgelaugt und mit unseren Kräften am Ende. Ich mochte ihm nicht in die Augen blicken, nachdem ich aufgelegt hatte.
»Es tut mir Leid«, sagte ich zu ihm. »Du wirst wohl mitbekommen haben, dass da ein Riesenunglück passiert ist.«
Ich zögerte, während ich ihn beobachtete. Er wollte mich nicht ansehen und fuhr fort, Carrie Grethens Brief zu entziffern.
»Ich muss da hin. Gleich morgen früh. Vielleicht kann ich ja Mitte der Woche zu dir stoßen.«
Er wandte sich ab, weil er davon nichts hören wollte.
»Bitte, versteh doch«, sagte ich zu ihm.
Er schien mich nicht zu hören, und ich wusste, er war schrecklich enttäuscht.
»Du hast doch diese Torso-Morde bearbeitet«, sagte er, während er las. »Diese Verstümmelungen in Irland und hier. ›Abgesägtes Bein‹. Dabei phantasiert sie über Lucy und masturbiert. Kommt unter der Bettdecke jede Nacht mehrmals zum Orgasmus. Angeblich.«
Sein Blick wanderte weiter den Brief hinab, während er mit sich selbst zu sprechen schien.
»Sie sagt, sie hätten immer noch ein Verhältnis, Carrie und Lucy«, murmelte er. »Dieses Wir-Gerede ist ihr Versuch, einen Fall von Persönlichkeitsspaltung vorzutäuschen. Sie sagt, sie ist nicht anwesend, wenn sie ihre Verbrechen begeht. Jemand anders begeht sie. Verschiedene Persönlichkeiten. Ein vorhersehbares und langweiliges Plädoyer auf Unzurechnungsfähigkeit. Ich hätte gedacht, sie wäre ein bisschen origineller.«
»Sie ist absolut zurechnungsfähig«, antwortete ich in einer Anwallung neuen Zorns.
»Du und ich, wir wissen das.« Er trank Evian aus einer Plastikflasche. »Woher kommt eigentlich der Name Lucy Boo?«
Ein Tropfen Wasser rann ihm das Kinn hinab, und er wischte ihn mit dem Handrücken weg.
Ich stockte einen Augenblick. »Ein Kosename, mit dem ich meine Nichte angeredet habe, bis sie in den Kindergarten kam. Dann wollte sie nicht mehr so genannt werden. Manchmal rutscht er mir noch heraus.« Ich schwieg erneut, als ich mich erinnerte, wie sie damals war. »Ich vermute, dass sie Carrie von diesem Kosenamen erzählt hat.«
»Na ja, wir wissen, dass es eine Zeit gab, da Lucy Carrie ziemlich vertraut hat.« Benton stellte nur fest, was ohnehin nicht zu übersehen war. »Sie war Lucys erste Geliebte. Und wir wissen auch, dass man das erste Mal nie vergisst, egal wie lausig es war.«
»Die meisten Menschen wählen sich allerdings fürs erste Mal keinen Psychopathen aus«, sagte ich und konnte es immer noch nicht fassen, dass meine Nichte Lucy genau das getan hatte.
»Die Psychopathen sind wir, Kay«, sagte er, als hätte ich diesen Vortrag noch nie gehört. »Der attraktive, intelligente Mensch, der im Flugzeug neben dir sitzt, hinter dir in der Schlange steht, dir an einem x-beliebigen Ort begegnet, über das Internet Kontakt zu dir aufnimmt. Brüder, Schwestern, Klassenkameraden, Söhne, Töchter, Liebhaber. Sehen aus wie du und ich. Lucy hatte keine Chance. Gegen eine Carrie Grethen konnte sie nicht das Geringste ausrichten.«
Auf dem Rasen hinter meinem Haus wuchs zu viel Klee, aber das Frühjahr war unnatürlich kühl und ideal für meine Rosen gewesen. Jetzt krümmten sie sich und erzitterten im stürmischen Wind, und blasse Blütenblätter sanken zu Boden. Benton Wesley, der pensionierte Chef der Profiling-Abteilung des FBI, dort, wo die Täterprofile erstellt wurden, fuhr fort, seine Gedanken zu entwickeln.
»Carrie will Fotos von Gault. Fotos vom Tatort, Autopsiefotos. Du bringst ihr die, und im Gegenzug wird sie dir Einzelheiten liefern, die die Ermittlungen betreffen, forensische Juwele, die dir vermutlich entgangen sind. Solche, die der Anklage helfen könnten, wenn der Fall nächsten Monat zur Verhandlung kommt. Darüber spottet sie, dass dir etwas entgangen sein könnte. Dass es in irgendeiner Weise mit Lucy zusammenhängen könnte.«
Seine Lesebrille lag zusammengelegt neben seinem Tischset, und er entschied sich, sie aufzusetzen.
»Carrie möchte, dass du sie besuchen kommst. In Kirby.«
Sein Gesicht war angespannt, während er mich über die Brillengläser hinweg ansah.
»Das ist sie.«
Er zeigte auf den Brief.
»Sie taucht wieder auf. Ich wusste es.« Seine Stimme klang erschöpft.
»Was meint Carry mit dem dunklen Licht?«, fragte ich und stand auf, weil ich keinen Augenblick länger sitzen bleiben konnte.
»Blut.« Er schien sich ganz sicher zu sein. »Als du Gault in den Oberschenkel gestochen und seine Arterie getroffen hast und er verblutet ist. Oder verblutet wäre, wenn nicht der Zug den Rest erledigt hätte. Temple Gault.«
Er nahm seine Brille wieder ab, weil er innerlich aufgewühlt war. »Solange Carrie Grethen ihr Unwesen treibt, tut er es auch. Die bösen Zwillinge«, setzte er hinzu.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
‹  Zurück zur Artikelübersicht