Abbado und Bach - eine noch vor wenigen Jahren schwer vorstellbare Kombination. Nun, der kluge, elegante Sinfoniker, als Vorläufer Simon Rattles in Berlin mit Einspielungen von Beethoven, Brahms, Bruckner und Mahler (!) weltberühmt geworden, widmet sich mit dem von ihm gegründeten Orchestra Mozart seit einigen Jahren der Barockmusik - bemerkenswert bereits seine Pergolesi-Trilogie.
Abbados neues musikalisches Leben. Jüngst also Bachs "Brandenburgische Konzerte" in einem Konzertmitschnitt von 2007. Und ein durchaus gelungener. Zweierlei daran ist besonders zu loben, erstens die fast atemberaubende Klangqualität und zweitens die Virtuosität des gesamten Orchesters. So plastisch hat man die "Brandenburgischen Konzerte" selten zu hören bekommen.
Indes, die durchgehende Akkuratesse und Virtuosität dieser Aufnahme ist auch ein wenig ihr Problem. Weniger die von manchem Kritiker bemerkte Geschwindigkeit. Sicher, die bevorzugte Gangart der Italiener ist eher das Allegro denn das Andante. Sei's drum. Nein, dieser Aufnahme fehlt es in Teilen an Innerlichkeit, an Verinnerlichung; Abbados Bach ist auf Hochglanz poliert; einer aus Edelstahl und Glas, kein zaudernder, kein suchender, keiner, der den Raum zwischen Ursprung und Transzendenz musikalisch vermisst. Harnoncourts Aufnahme von 1964 spricht da wahrlich Bände.
Trotzdem: Ein Sinfoniker, der sich - historische Informiertheit hin oder her - an Bach wagt, hätte etwas Anderes vermuten, ja befürchten lassen. Man darf sich noch mit Schaudern an Einspielungen Karajans erinnern, in denen noch die empfindlichsten Preziosen der Barockmusik mit allen Mitteln zwanghaft romantisierender Sinfonik zermatscht worden sind. Nichts von alledem beim Nachfolger Karajans. Stattdessen gewohnte Präzision, musikalische Sensibilität und eine erstaunliche Durchhörbarkeit und Klangpräsenz. Auch Abbados Barockaufnahmen haben Klasse und Größe, wenn auch eine etwas kühle Eleganz.