Warum das US-Magazin Time den dänischen Werber und Marketer Martin Lindstrom für einen der 100 einflussreichsten Menschen der Welt zählt, weiß ich nicht. An Lindstroms wissenschaftlichen Beiträgen kann es jedenfalls nicht liegen. Denn was der begnadete Selbstvermarkter über die Funktionsweise und den Aufbau des menschlichen Gehirns erzählt, wird in Fachkreisen eher belächelt, falls seine Studien überhaupt wahrgenommen werden. Tatsache ist allerdings, dass viele global tätige Unternehmen die Ratschläge des umtriebigen Dänen für teures einkaufen, wobei es wohl kein Zufall ist, dass vor allem amerikanische Marketingverantwortliche zu Lindstroms Bewunderern gehören. Im deutschsprachigen Raum begegnet man seinen Übersetzungen neurobiologischer Erkenntnisse jedenfalls skeptischer.
Von Beruf bin ich internationaler Branding Fachmann, schreibt Lindstrom im ersten Kapitel seines letzten Buches Buyology, um dann weiter preiszugeben, dass er pro Jahr dreihundert Tage im Flieger sitzt, um Präsentationen zu geben, Analysen vorzustellen und Reden zu halten. Danach kommt er auf sein jugendliches Aussehen zu sprechen, das sein Markenzeichen sei. Und nett ist natürlich auch die Geschichte, dass er als Zwölfjähriger seine erste Werbeagentur gegründet habe. Und selbstverständlich war auch er es, der die weltweit größte Neuromarketing-Studie durchführte. Ich rufe einige "Fakten" aus Lindstroms phantastischer Vita deshalb auf, um die Kluft zwischen seiner Selbstdarstellung und dem Inhalt dieses Buches klarer zu machen. Von mir aus kann jeder über sich erzählen, was er will, solange ich daraus keine Beweismittel für wissenschaftliche Theorien ableiten muss.
"Schnallen Sie sich an. Sie gehen auf eine Reise der Sinne - die, so hoffe ich, dafür sorgen sollte, dass Sie eine Marke nie wieder so sehen (oder riechen) werden wie zuvor." So lautet die Aufforderung am Schluss des ersten Kapitels, der allerdings niemand nachkommen muss, der sich nebst seiner täglichen Arbeit manchmal in einem Lehrbuch für Wahrnehmungspsychologie verirrt. Denn was Lindstrom zu erzählen weiß, ist entweder längst bekannt oder überholt. Daher erstaunt es auch nicht, dass Lindstrom die triumphale Siegesstory von Nokia in sein Buch aufnimmt, wobei ich für ihn nur hoffen kann, dass er seine Honorare nicht in Aktien seines Vorzeigeunternehmens anlegte.
Um dem Buch doch einigermaßen gerecht zu werden, möchte ich ausdrücklich festhalten, dass auch Dinge darin stehen, die Markenmanager wissen und beherzigen sollten. Und wenn die Lektüre dazu führen sollte, dass sie ihre Produkte künftig über mehrere Sinneskanäle vermarkten, hat sich das Unternehmen "Lindstrom lesen" schon gelohnt. Auch wenn er nur selten erfährt, an welchen Erfolgsgeschichten der internationale Branding Fachmann direkt beteiligt war. Wenn ich nach der Lektüre von 212 Seiten, inklusive Anmerkungen und Register, bei meiner Behauptung bleibe, dass der wissenschaftliche Gehalt dieses Buches unterdurchschnittlich ist, so hat das auch mit den verwendeten Quellen zu tun. Denn allzu oft stößt man auf Jahreszahlen oder Namen, die daran zweifeln lassen, dass es der Autor mit seinen Beweisführungen ernst meint.
Mein Fazit: Möglich, dass in meiner Besprechung zu viel vom Autor und zu wenig vom Inhalt die Rede ist. Aber alles aufzulisten, was wissenschaftlich nicht haltbar ist, könnte ebenfalls als Zumutung aufgefasst werden. Und so komme ich zur schlichten Einschätzung, dass Martin Lindstrom mit seinem Buch hoffentlich dazu beitragen wird, dass sich Markenmanager vermehrt für neurowissenschaftliche Erkenntnisse interessieren. Eines der fünf besten Marketing Bücher, die je erschienen sind, ist Lindstroms Werk sicher nicht. Auch wenn "The Wall Street Journal" dies in bester amerikanischer Übertreibung behauptet.