Wie der durchschnittlich erfolgreiche Psychotherapeut W. B. in einem Vortrag über Neurologie von der Amygdala (Mandelkern) getroffen wurde und die - äußerst einträgliche - "Transkranielle Mandelkern-Massage" erfand - einfach Spitze. Ich musste mehrmals lauthals lachen, wie Verhaltensweisen von Ärzten und Patienten gleichermaßen und treffend parodiert wurden. Als Nebenwirkung, so zu sagen, blieb mir Amygdala / Mandelkern im Gedächtnis haften. Womit wir schon mitten drin wären: "Ein vergnügtes Gehirn lernt besser".
Der Leser bekommt zunächst eine übersichtliche Landkarte des Gehirns an die Hand (die Leserin natürlich auch, aber es ist immer noch umstritten, ob sie ebenso viel damit anfangen kann), damit er endlich weiß, wo es zum Hippocampus geht. Die Leserin wird zum Ausgleich im zweiten Kapitel durch Höhlen und Kanäle des 1000fach vergrößerten Gehirns geleitet, vorbei an blumenkohlartigen Gebilden, durch kathedralenartige Höhlen und darf erfahren, wie sich das alles anfühlt (der Leser hat derweil einen elektrischen Schlag erhalten, weil er seine Finger nicht von elektrischen (Neuronen-) Kabeln lassen konnte). Leser und Leserin (jetzt dürfte die Leserin im Vorteil sein; aber lassen wir das von nun an) besuchen die Neuroterminologie-Sprachschule. Hier gehen wir der Herkunft der Fachwörter auf den Grund; der Autor Axel Karenberg hatte dies davor schon mal geübt, indem er den Spuren der klassischen Mythen folgte, die diese im Fachwortschatz der modernen Medizin hinterlassen haben ("Amor, Äskulap & Co."). Und wenn wir dann die ganze Produktlinie vom indogermanischen 'ker' (das Oberste am Körper) über das lateinische 'cerebrum' (Gehirn), zum italienischen 'cervello' abschreiten, ist die 'cervellata', eine aus Schweinehirn bereitete Wurst nicht mehr weit. Unsere Cervelatwurst enthält zwar kein Hirn mehr, aber *ich* esse jetzt diese Wurst mit 'Verstand' (ein Hirnprodukt, wenn auch ein eher marginales).
Ein kurzer Rückklick auf die Geschichte der Hirnforschung darf natürlich nicht fehlen. Was mir hier aber zu kurz gekommen ist, ist die kritische Betrachtung. Denn, hier hört der Spaß auf. Irrwege, wie die der Kraniometrie (Schädelvermessung), haben mit falsch berechneten Statistiken, mit durch Voreingenommenheit verursachten Messfehlern und mit absurden Schlüssen die Wissenschaft und die Öffentlichkeit in die Irre geleitet. Steven Jay Gould (hätte man zitieren können) hat in "Der falsch vermessene Mensch" beispielsweise das Köpfemessen und Gehirnwiegen in zwei Kapiteln auseinander genommen und auf die Gefahren hingewiesen, was passiert, wenn man glaubt man müsse nur alles vermessen, um zu verstehen.
Themen aus dem Alltag. Warum ist Lachen ansteckend (einen Impfstoff gegen Lachepidemien zu entwickeln hat der Autor nicht in Betracht gezogen)? Parmaer haben nicht nur den Parmaschinken erfunden, sondern auch die Spiegelneuronen entdeckt. Letztere in Makakenäffchen (welche, das sei betont, nicht der Inhalt erwähnter Parmaschinken sind). Glück - und warum wir uns zu unserem Unglück daran gewöhnen. Über die Irrationalität, manche Psychodrogen zu verbieten und andere zu kultivieren. Wo die Seele sitzt und was der Seelendoktor im Mandelkern bewirkt. Warum spielen für den diagnostizierenden Arzt 'Indizien' eine ähnliche Rolle wie für Sherlock Holmes - auch wenn diese Indizien anscheinend nichts mit der Sache zu tun haben? Wie unser Gehirn Gerüche zusammendenkt! Und mit welchen Folgen, nicht nur für die Fortpflanzung. Cartoons zum Thema Gehirn. Und, für den Forscher (mit ein bisschen Statistikwissen versteht man es besser): Der Vorschlag, Varianzen (das, was man in der Statistik misst) zu handeln. Etwas für den Kenner. Eine Übung zum Mitmachen, bei der die Mundwinkel bis hinter die Ohren gezogen werden. Und aus dem Kabarett-Text, der das Buch abschließt, habe ich etliche Bonmots herausgeschrieben (ich kann mir trotz lachen doch nicht alles merken).
Das ungewöhnliche Buch lebt auch von der ungewöhnlichen Zusammenstellung der Autoren. Es wartet nicht nur mit den 'gewöhnlichen Verdächtigen' auf, sondern gibt auch den Berufen Satiriker, Karikaturist, Kabarettist eine Bühne; neben den Praktikern, Wissenschaftlern, oder Wissenschaftsjournalisten. Selbst der Leiter des Verlags griff zur Feder, und zwar gekonnt.
Was das alles mit Rainer Maria Rilke zu tun hat.
Hoffentlich lesen die Leute auch das Vorwort mit der wunderbaren Gegenüberstellung von Gedichten von Rainer Maria Rilke mit dem entsprechenden Inhalt, diesmal wissenschaftssprachlich formuliert. Mit der Einsicht, dass ein Rilke Gedicht das Gefühl 'Liebe' schöner ausdrücken kann als die Wissenschaft mit "Oxytozin" und "Dopamin", werden Wissenschaftler wieder zu Menschen (pardon). Aber vielleicht hat sich unser Gehirn an diese Begriffe nur noch nicht gewöhnt. Trotzdem, danke, Rainer Maria. Und danke, Ihr Autoren, dass Ihr das nicht vergessen habt.