Johannes Brahms zählt ohne Zweifel zu den großen Kammermusikern des 19. Jahrhunderts und bereicherte mit seinen größtenteils sehr intimen Stücken den Fundus an romantischen Kammermusiken ungemein. Auf diesem wunderbaren Box Set sind sämtliche Kammermusikwerke ohne Klavierbegleitung sowie das Klavierquintett und das Klarinettentrio vereint.
Die frühesten kammermusikalischen Werke im Bereich Streicher solo sind die beiden Streichsextette opp. 16 und 36. Im Schatten der gewaltigen Streichquartette Beethovens wählte Brahms den Umweg über das Streichsextett, um sich allmählich einen Weg zum Streichquartett zu bahnen. Das erste Sextett in B Dur ist ein tief empfundenes, typisch romantisches Streicherensemble. Vor allem der Variationszyklus des zweiten Satzes rührt und ist stark expressiv. Auch das zarte Finale hat durchaus seine Reize.
Das zweite Sextett in G Dur erweist sich als etwas schroffer als das erste. Hier gefällt insbesondere der fröhliche Kehraus des Finals, der von etlichen andächtigen Momenten unterbrochen ist.
Mit seinen opp. 51 und 67 wagte es Brahms dann schließlich, zur Gattung des Streichquartetts aufzurücken. Mit seinem ersten Quartett op. 51,1 in c moll gelingt ihm auch gleich ein großer Wurf: Es steckt voll subtiler Emotion und latenter Trauer, die sich in wildes Aufbegehren oder Schlaflieder hüllen.
Das a moll Quartett op. 51,2 ist gemäßigter und scheint in Erinnerungen zu schwelgen und verweilen zu wollen. Davon zeugt auch das althergebrachte Menuett im dritten Satz, ein probates Mittel, wie Brahms schon in seiner Cellosonate op. 38 bewiesen hatte. Es ist ein liebliches, graziles Werk ohne übermäßiges Pathos.
Brahms' letztes Streichquartett op. 67 steht in B Dur. Es ist wieder von romantischem Gestus durchzogen. Dennoch entbehrt es nicht jener Schroffheit, die die späten Beethoven und Schubert Quartette so phänomenal auszeichnet.
Als Brahms noch einmal zum Genre Streicher solo zurückkehrte, widmete er sich überraschenderweise dem Streichquintett. So entstanden zwei Meisterwerke. Das erste Quintett op. 88 in F Dur wartet mit einem einprägsamen Hauptthema auf und mündet in einen interessanten zweiten Satz, dessen langsame, andächtige Sequenzen immer wieder durch aufbegehrende unterbrochen werden, so dass es Brahms gelingt, eine Synthese aus langsamem Satz und Scherzo zu schaffen. Dementsprechend ist der dritte Satz dann auch der letzte des Werkes: ein aufbrausendes Allegro.
Das zweite Streichquintett op. 111 in G Dur sollte ursprünglich das Werk werden, mit dem sich Brahms aus der Musikszene verabschieden wollte, um nicht mehr publizieren zu müssen. Negativ angelastet werden kann der vorliegenden Interpretation, dass die Reprise des ersten Satzes ausgespart wurde. Der zweite Satz ist von tiefster Empfindung und das Finale besticht durch seinen Themenreichtum.
Aus seinem Vorsatz wurde nichts und so kehrte Brahms furios zurück mit vier kammermusikalischen Werken für Klarinette, Streicher und/ oder Klavier. Das Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello in a moll op. 114 ist eines seiner besten Werke. Ein trauriges, schweres Allegro eröffnet das Stück voller Inbrunst. Es folgen zwei langsame, beinahe meditative Sätze, die an Brahms' Violinsonaten erinnern. Das Finale berauscht.
Eines der großartigsten Werke der Musikgeschichte schaffte Brahms mit seinem Quintett für Klarinette und Streichquartett in h moll op. 115, dem sogenannten Klarinettenquintett. Ein schwer appassioniertes Allegro beschreibt den wundervollen ersten Satz; eines der großartigsten Adagios des Meisters umfasst den zweiten. Auch die beiden Schlusssätze entzücken durch ihre ungeheure Farbenvielfalt, ihre Eleganz und ihren Reichtum an tollen Melodien. Ein Meisterwerk!
Für viele Kenner ist das Klavierquintett in f moll op. 34 eines der besten Werke Brahms'. Das schnell zugängliche Hauptthema macht es zu einem der populärsten Werke des Komponisten. Die anderen Sätze sind allerdings für meinen Geschmack weniger einfallsreich.
Das Amadeus Quartett interpretiert diese herrlichen Werke voller Energie, Texttreue und Transparenz. Verstärkt durch Christoph Eschenbach (Klavier), Cecil Aronowitz (Viola), William Pleeth (Violoncello) und Karl Leister (Klarinette) werden die Kammermusiken des großen Hamburgers mit sehr viel Freude und Liebe dargeboten.
Fazit: Eine absolut empfehlenswerte Einspielung dieser kammermusikalischen Perlen! Als Gesamtaufnahme unerreicht!