Das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms sprengte den bis dahin gekannten Rahmen eines Klavierkonzerts. Brahms spielte es bei der Uraufführung 1859 in Hannover eigenhändig. Es war weitaus länger als üblich, voll von dunklen Farben, scharfen Kontrasten auf der einen und sanften, intimen Motiven auf der anderen Seite. Die Komposition des Stückes dauerte vier Jahre, wobei Brahms es als Sonate begonnen, in eine Symphonie umgeschrieben und als Klavierkonzert vollendet hat. Das Werk reflektiert unter anderen den Selbstmordversuch von Robert Schumann, der den Freund des romantischen Genies deutlich mitgenommen hat. Die erste Kritik ging mit dem Klavierkonzert hart ins Gericht und bescheinigte Brahms ein "Würgen und Wühlen, ein Zerren und Ziehen". Doch heute wissen es besser. Dieses Werk war einfach seiner Zeit mehr als nur ein Stück voraus und es erfordert heute noch ein mehr an Auseinandersetzung als vergleichbare Werke.
Krystian Zimerman, der 1956 in Polen geboren wurde und heute in der Schweiz lebt, hat sich lange und intensiv damit beschäftigt, immer wieder und am liebsten bei Nacht: "In der Nacht habe ich Ruhe, in der Nacht fließt die Zeit anders, in der Nacht zu arbeiten ist fantastisch. Ich spüre plötzlich dieses Fieber, ich kann nicht mehr weg vom Flügel, und das Nächste, was ich realisiere, ist, dass es bereits sechs Uhr früh ist. Es gibt so viel zu tun - und das Lernen dauert bei mir so lange. Ich brauche eine Periode von zehn Jahren, um ein Stück wirklich fertig zu haben". Zimerman spielt nur einen kleinen Teil seines Repertoires vor Publikum und noch weniger lässt er aufnehmen und veröffentlichen. Er ist ein selbstkritischer Interpret, der sorgsam darauf bedacht ist, nur ein Optimum für die Nachwelt festzuhalten. Deshalb ließ ihn das erste Klavierkonzert von Brahms auch keine Ruhe. Er hatte es bereits mit den Wiener Philharmonikern einmal aufgenommen und war mit der Aufnahme überhaupt nicht zufrieden, u.a. weil er nicht seinen Flügel, welcher auf dem Weg nach Wien beschädigt worden war, benutzen konnte. Im Vorfeld dieser Aufnahme konnte sich Zimerman ausführlich mit dem Flügel auseinandersetzen und es vor allem nach seinen Vorstellungen vorbereiten, was Zimerman extrem wichtig ist.
Krystian Zimerman beweist mit dieser Aufnahme erneut, dass er ein absoluter Ausnahmepianist ist und wird seinem Ruf mehr als gerecht. Er ist kompromisslos in seinem künstlerischen Perfektionismus, kraftvoll und zugleich sensibel in seinem Spiel. Farbig, brillant, federnd virtuos gestaltet er die Sturm-und-Drang-Wildheit der Ecksätze, wie beflügelt von einer Kraft, die von innen kommt und die stets die Leichtigkeit der geistigen Durchdringung spüren lässt. Das Glück wird perfekt im meditativen Adagio-Satz, der bei Zimerman zum Choral wird, oder besser: zum gesungenen Gebet. Wenn er sich als Medium versteht, das dem Geist des Komponisten und der Musik so nah wie möglich zu kommen versucht, dann wird das hier am deutlichsten.
Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle begleiten Zimerman grandios, um nicht zu sagen perfekt. Wenn man sich die erste Einspielung mit den Wiener Philharmonikern anhört, fällt diese zur Interpretation von Rattle und seinen Berlinern deutlich ab. Die Berliner Philharmoniker stellen mit dieser Aufnahme wieder einmal unter Beweis, dass sie das beste symphonische Orchester der Welt sind. Die Wiener haben dagegen ihre Vorzüge mehr bei Opernaufführungen und Aufnahmen. Die Klangfarben des Orchesters unter Rattle sind eine wahre Pracht und jede Sekunde der Aufnahme ist ein purer Genuss. Dabei lassen weder Zimerman noch Rattle Effekthascherei aufkommen, diese Interpretation ist entstanden aus gründlicher Reflexion und tiefem Verständnis für die Musik von Johannes Brahms.
Es gibt keine schönere Aufnahme vom ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms. Die interpretatorische Qualität geht weit über das übliche Maß hinaus. Die Berliner Morgenpost bemerkte treffend: Es gibt viele großartige Pianisten, aber nur einen Krystian Zimerman"!
Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Kaufen und genießen!