Nachdem es schien, als ob das Deutsche Requiem nun fest in der Hand von "Originalklangspezialisten" oder Chorleitern sei, melden sich nun mit mächtigen Aufführungen innerhalb kurzer Zeit zwei der eigenwilligsten Dirigenten der jüngeren Generation zu Wort: Yannick Nezet-Seguin mit dem Phiharmonic Orchstra und Chor London (auf CD) und nun Thielemann mit seinen Münchner Philharmonikern und dem Chor des bayer. Rundfunks. Nezet-Seguin treibt mit äußerst langsamen Tempi, harten Pauken und Blechakzenten die Ausdruckswerte bis in die Extreme, was sicher zum Widerspruch reizen wird, aber Brahms Requiem zu monumentalen Wirkungen verhilft.
Thielemanns Brahms klingt in diesem Vergleich dann doch natürlicher, aber nicht minder monumental. Im Gegensatz zum Coverfoto leitet er das Requiem ohne Dirigierstab, beschwörend mit 10 Fingern den Chor und das Orchester fast aufsaugend, manchmal noch Textstellen skandierend, erreicht er so eine selten zu spürende Intensität. Ein bisschen "guruhaft" wirkt das dann schon, aber das hat bei den Münchnern ja Tradition.
Wie immer hält er über das ganze Werk einen gleichbleibenden Puls, wird auch in den großen Fugen am Ende der Sätze 2,3 und 6 nicht schneller. Der Klang ist wie zu erwarten dunkel und füllig, nochmals grundiert von Orgeltönen, die ich so noch nicht im deutschen Requiem gehört habe. Der Chor singt exzellent, wortdeutlich und in den Schlussabschnitten der dramatischen Sätze mit manchmal niederschmetternder Wucht. Ein Sonderlob an den Pauker, der gerade im 2.Satz ("denn alles Fleisch, es ist wie Gras") differenziert schlägt und auch in der Fortissimo-Wiederholung noch über dem Tutti den Sarabanden-Rhythmus hämmert (wie übrigens auch sein Kollege aus London bei Nezet-Seguin) - für mich keine Äußerlichkeit in Brahms vielleicht größtem Satz (neben dem 1.Satz seines 1.Klavierkonzertes).
Grandios die beiden Solisten Christine Schäfer und Christian Gerhaher, das geht nicht besser, bei Gerhaher habe ich ich die Vision, einen künftigen Amfortas vor mir zu sehen. Allein Christine Schäfers "Ihr habt nun Traurigkeit" lohnt schon den Kauf.
Klanglich wie auch die DVD mit den Bruckner-Symphonien 4 und 7 mit Thielemann ist der Dts-Sound hervorragend, selbst in den tiefen Orgelregistern noch konturenscharf bis hin zum wuchtigsten Chortutti. Die Bildregie ist manchmal etwas eigenwillig mit dem von der Seite hochfahrenden Chor und und überlappenden Bildern, aber dann auch wieder faszinierenden Einblicken, die aus dem Saal nicht möglich sind.
Über das rein musikalische hinaus ist eine Aufführung des Deutschen Requiems immer auch eine Auseinandersetzung mit "den letzten Dingen", mit Bibel, Kunst als Religionsersatz oder der sicher nicht zu klärenden Frage, ob Brahms nun gläubig war oder nicht. Das im Beiheft angsprochen Zitat von Dvorak: "Was für ein großer Mann, doch glaubt er an nichts", mag vordergründig im Hinblick auf die geballte Bibelfestigkeit Brahms nicht stimmen, aber wer weiß das schon?. Dass nach der Aufführung nicht applaudiert werden sollte, hat für mich nun wieder weniger religiöse sondern einfach musikalische Gründe - Beginn und Ende in tiefer Stille, das Publikum hat die Bitte zumindest für die Dauer der DVD akzeptiert.