Der trotz seiner bald 20jährigen Karriere immer noch junge russische Pianist Evgeny Kissin hat schon vor einigen Jahren mit einer hervorragenden Einspielung von Brahms' Paganini-Variationen (RCA) beeindruckt. Nun kehrt er mit der dritten Klaviersonate und einigen kleineren Stücken zu ihm zurück - und zwar auf eine ebenso imponierende Art und Weise. Nachdem er diese Sonate häufig in seinen Konzertprogrammen gespielt hat (daneben übrigens auch das zweite Klavierkonzert), hat er sie Ende 2001 nahezu zeitgleich mit der schon vor einigen Monaten erschienenden Schumann-CD aufgenommen.
Die Klaviersonaten von Brahms wurden schon von Schumann als "verschleierte Sinfonien" bezeichnet und sind in ihrer weitläufigen Konzeption tatsächlich von orchestralem Gestus geprägt. Alle drei sind dem Frühstil des Komponisten zuzuordnen, der von unbändiger Energie, eindrucksvollen Akkordballungen und einem nahezu imperialen Auftritt gezeichnet ist. Dies wird nirgendwo deutlicher als im ersten Satz der hier eingespielten f-moll-Sonate: Allegro maestoso steht dort, und genau so interpretiert Kissin ihn auch. Mit fabelhafter Grifftechnik, einem kraftvollen und nie angestrengt wirkendem Klang sowie fulminanter Virtuosität wirft er sich in diesen Anfangssatz. Nur äußerst selten bekommt man die gigantischen Oktavsprünge in einem so atemberaubenden Tempo und doch ohne jede Flüchtigkeit geboten; es fehlt auch in keinem Moment an der nötigen Dramatik. Auch das folgende Andante ist ausdruckstark interpretiert und weist in seinen dunklen Klangfarben schon auf die späteren Klavierstücke von Brahms voraus, behält jedoch immer eine optimistische Grundhaltung. Im äußerst schwierigen 3. Satz wie auch im Schlußsatz stellt Kissin wieder einmal unter Beweis, dass es technisch nur sehr wenige Pianisten gibt, die ihm das Wasser reichen können. Insbesondere der manchmal an einen Triumphmarsch erinnernde Schlußsatz ist mit beeindruckender Dramatik interpretiert. Ähnlich packend spielt das höchstens noch Nelson Freire (Philips), mit ähnlichem Schwung jedoch nicht ganz so kraftvoll auch noch Hélène Grimaud (Denon) oder Gerhard Oppitz (RCA) - andere auch empfehlenswerte Einspielungen wie beispielsweise Zimerman (DG) oder Sokolov (Opus 111) fallen da doch etwas ab. Man kann sich gut vorstellen, dass der junge Brahms dies ebenso leidenschaftlich angegangen ist, als er sie mit 21 Jahren seinem Mentor Schumann vorgespielt hat.
Einige "Zugaben" (von Kissin tatsächlich als solche oft eingesetzt) runden die Einspielung ab, wobei die zwei Klavierstücke des op. 76 nicht ganz so gelungen sind wie die mitreißenden Ungarischen Tänze. Letztere gibt es in vielen Bearbeitungen, allein Brahms selbst hat sie für Klavier zu zwei und vier Händen sowie für zwei Klaviere arrangiert. Die zweihändige Version ist dabei sicher die schwerste, und hier ist wieder einmal deutlich zu merken, mit welch außerordentlicher technischer Begabung der Russe gesegnet ist. So schwungvoll wie etwa den ersten oder zweiten Tanz hat das noch kein Pianist eingespielt - auch Cziffra (EMI) oder Katchen (Decca) nicht. Unbändige Spielfreude teilt sich da mit - aber auch eine Prise Humor etwa in der Nr. 3. Leicht kann man sich vorstellen, zu welchen Begeisterungsstürmen Kissin das Publikum mit solchen Zugaben hingerissen hat.
Fazit: Eine CD, die in jeder Hinsicht eine exemplarische Deutung der Sonate sowie der Ungarischen Tänze darstellt - im Verein mit der gewohnt exzellenten Klangqualität eine der bemerkenswertesten Erscheinungen der letzten Zeit und für mich die beste Kissin-CD seit langem.