Das Deutsche Requiem von Johannes Brahms kannte ich bis zum Beginn dieses Jahres überhaupt nicht. Deswegen kann ich der fachlich fundierten Rezension von Herrn Kass vermutlich nicht viel hinzufügen. Vielleicht bringt es dem einen oder anderen, der das Werk ebenfalls für sich entdecken möchte etwas, wenn jemand über diese Aufnahme schreibt, der das Werk nicht seit Jahren/Jahrzehnten kennt.
Mit der zweiten Ausgabe der 111er-Box der Deutschen Grammophon habe ich vergangenes Jahr die Karajan-Aufnahme des Deutschen Requiems erworben. Neben der hier zu besprechenden habe ich als großer Fan des Dirigenten auch die Aufnahme von Paavo Järvi mit Natalie Dessay, Ludovic Tézier, dem schwedichen Radiochor und dem hr-Sinfonieorchester erworben. Einmal sah ich das Deutsche Requiem im Fernsehen (Naganos Benefizkonzert für Fukushima) und einmal im Internet (Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker - Dirigent: Donald Runnicles). Davor hatte ich das Werk noch nie bewusst gehört.
Da die Kritiken zu Harnoncourts Aufnahme überschwänglich waren, habe ich sie ebenfalls erworben. Im Vergleich mit Karajan und Järvi muss ich sagen ragt für meinen Geschmack diese Aufnahme weit heraus. Hierfür verantwortlich ist aus meiner Sicht die hervorragende Leistung des Arnold-Schönberg-Chors und die hervorragende interpretatorische Leistung von Nicolaus Harnoncourt. Ich bin kein grundsätzlicher Anhänger Harnoncourts. Viele seiner Aufnahmen, insbesondere seine Beethoven-, Schubert- und einige Bach-Aufnahmen haben mich eher gelangweilt und enttäuscht. Aber diese Aufnahme des Deutschen Requiems finde ich hervorragend.
Hervorstechend ist vor allem die unglaublich Transparenz des Orchesterklangs. Es treten ungeheuer viele Details der Partitur hervor, wo Järvi eher auf die Wucht des Großorchesters zu setzen scheint. Karajans Aufnahme bietet vielleicht auch wegen aufnahmetechnischer Mängel weder das eine noch das andere. Durchhörbarkeit und Detailreichtum sind natürlich keine Werte an sich. Es gibt Klassik-Aufnahmen, bei denen sie zwar jede Nebenstimme und jedes Detail der Begleitung hören, dies aber zulasten des Gesamtklangbildes geht. Sie hören dann Details, die ansonsten zurecht eher im großen Ganzen aufgehen, weil sie einfach an sich nicht schön klingen.
Doch bei dieser Aufnahme sehe ich das nicht so. Herrlich, wie beispielsweise die einzelnen Blechbläser hier heraushörbar sind, ohne dass sie sich irgendwie aufdrängen würden. Gleiches gilt für die Holzbläser und Streicher. In bestimmten Passagen erinnert die Aufnahme fast an Brahms Serenaden, wobei Sie das nicht so missverstehen dürfen als ginge dadurch der feierliche Charakter des Stücks verloren.
Die Tempi scheinen mir nicht extrem, verglichen mit Järvi ist Harnoncourt mal schneller mal langsamer, einen wirklich bedeutsamen Unterschied höre ich nicht. Karajan wählt deutlich niedrigere Tempi. Insgesamt klingt Harnoncourt für mich lebhafter. Karajans Deutsches Requiem klingt für mich eher wirklich wie eine feierliche Totenmesse. Harnoncourt wird dem erbaulichen, sich stärker auf die Lebenden konzentrierenden Charakter dadurch m.E. besser gerecht.
Der Arnold-Schönberg-Chor wirkt auf mich auf eine angenehme Weise vordergründig. Damit meine ich, dass bei meinen beiden Alternativen der Chor klanglich entweder nicht voll eingefangen werden konnte oder durch Übergröße sich klanglich etwas selbst im Weg steht. Der Arnold-Schönberg-Chor artikuliert sehr schön deutlich, der Text ist gut verständlich, ohne dass es krampfhaft wirken würde.
Thomas Hampson macht seine Sache großartig. Wie so häufig besticht er durch nahezu akzentfreie, deutliche Artikulation. Was Hampson meistens, aber nicht immer gelingt, gelingt ihm hier: sein Deutsch klingt natürlich, nicht überinterpretiert wie ihm das vor allem bei heiteren Stücken manchmal unterläuft.
Genia Kühmeier macht ihre Sache ebenfalls sehr gut, wobei mir Gundula Janowitz (Karajan) fast noch besser gefällt. Beide singen relativ vibratoarm, singen also nicht als sei es eine Oper (ein ganz kleine Manko bei Dessay (Järvi)). Kühmeiers Stimme kann für meinen Geschmack nicht ganz mit der von Janowitz und auch nicht mit der von Dessay mithalten. Von der dramatischen Gestaltung stellt Janowitz aus meiner Sicht beide in den Schatten.
Dennoch: die Leistung von Frau Kühmeier ist richtig gut.
Als Gesamtfazit bleibt für mich eine Aufnahme, die ungeheuer viel Kraft hat, gerade weil sie diese nicht aus der schieren Wucht von Chor und Orchester bezieht, sondern aus der engagierten Interpretation. Klangdetails bereichern den Klang auf eine sehr angenehme Weise. Thomas Hampson macht seine Sache exzellent, Genia Kühmeier sehr gut. Der Arnold-Schönberg-Chor singt exquisit.
Von den drei mir bekannten mit Abstand die beste Aufnahme, so viel kann ich sagen. Ob es eine Referenzaufnahme ist, kann ich noch lange nicht beurteilen, da ich Klemperer, Kempe, Gardiner, Herrweghe, Abbado u.v.a. noch nicht kenne. Unter diesem Vorbehalt: absolute Empfehlung!