Das Erstlingswerk von Martin McDonagh über das vielfältige Beziehungs-Spiel nicht nur zwischen belgischer Schokolade und Kindsmissbrauch wurde 2007 auf Redfords "Sundance Film Festival" vorgestellt. Doch auch zwischen Hemmungslosigkeit und Moral, zwischen Langeweile und Faszination, vor allem aber zwischen Pflichterfüllung und Freundschaft werden hier die Balancen vielschichtig und feinsinnig ausgewogen - aber mit ansatzlos auftretendem, umwerfend respektlosem, politisch absolut unkorrektem, bissig-makabrem und frappierendem Humor.
Die Londoner Auftragskiller Ken (Brendan Gleeson, 52) und Ray (Colin Farrell, 31) werden von ihrem Boss Harry (Ralph Fiennes, 45) auf Wartestellung in das schöne, alte Brügge beordert, nachdem Ray einen Job versiebt hat. Das zermürbt, aber die alten und neuen Schönheiten der Stadt (Clémence Poésy, 25) üben durchaus ihre Reize auf das unterschiedliche Killerpärchen aus. Als sich aber Harry endlich meldet und Ken seine Anweisungen gibt, heißt es Ende mit lustig.
Wenn bildungsferne, gewaltbereite Schichten ihre Straßen-Philosophie auspacken, bleibt kein Auge trocken - aber McDonagh, der auch das Drehbuch verbrochen hat, lehrt uns auch, wie gefühlvoll es in einem bezahlten Killer zugeht.
Wer möchte, kann die Geschichte bildhaft für den Konflikt zwischen der kalten Funktionsgesellschaft und den Herzensbedürfnissen des Individuums sehen - wenn es so gedacht war, hält sich doch die Gefahr, dass es so wahrgenommen wird, in engen Grenzen.
Seit diesem schwedischen Vampir-Mädchen habe ich nichts mehr gesehen, was so frisch und unkonventionell aus dem Mainstream herausgeschaut hätte. Auch wenn ich jede Menge Leute kenne, die dem Film absolut nichts abgewinnen könnten, möchte ich ihn doch wärmsten empfehlen, wenn man nach den obigen Andeutungen glaubt, in der richtigen Richtung zu liegen.
Technisch fragt man sich, wieso ein Streifen, der fast nur Nacht- und Nebel-Aufnahmen zeigt, nicht digital aufgezeichnet wird. Dennoch: was mit 35 mm heute möglich ist, wird auch gezeigt. Das 2K digital gemasterte Werk im Format 2,35:1 kommt logischerweise auf der Blu-ray in Bestform - in dieser Technik wird man heute nichts Besseres finden. Auch an den 5.1 DTS-HD Tonspuren gibt es nichts auszusetzen. Der irische Dialekt der Hauptdarsteller erfordert möglicherweise umfangreicheres Guinness-Training - der deutsche Ton ist allerdings bestens verständlich.
Die leider nur in SD vorliegenden Extras beinhalten u.a. zwei Featurettes von ca. 20 Minuten, nicht verwendete Szenen, eine Bootstour durch die Stadt und vor allem eine Sammlung aller Kraftausdrücke.
"Brügge sehen ..." lebt von seinen Überraschungen. Ob ich mir eine Wiederholung gönne, wird die Zeit zeigen. Einer gewissen Skepsis in dieser Frage wird eine mittlere Bewertung zunächst am besten gerecht. Einmal jedenfalls fand ich den Film unbedingt sehenswert - um Martin McDonaghs Zukunft als Langfilm-Regisseur braucht man sich wohl keine Sorgen zu machen.
film-jury 3* A0654 28.6.2011eg Genre: Komödie | Krimi | Drama | Thriller