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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ganz große Literatur,
Von
Rezension bezieht sich auf: Brüder: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ganz große Literatur: Yu Huas "Brüder"Wenn man dieses Buch liest, dann weiß man oft nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die Geschichte der beiden Brüder, die gemeinsam in ihrer Jugend die Kulturrevolution durchleben und durchleiden, die dann im zunehmend kapitalistischen China ihre ganz unterschiedlichen Wege gehen und die immer, trotz aller Unterschiede und Trennungen, einander verbunden bleiben durch das Schlimme, das sie erlebten, diese Geschichte hat mich gepackt von der ersten bis zur letzten Seiten. Das Buch ist für alle, die sich für China interessieren. Es ist für alle, die gerne im Leben von literarischen Figuren versinken. Es ist für alle, die wissen wollen, was Menschen (leider) bereit sind, Menschen anzutun, was sie aber auch füreinander tun. Es ist aber auch für alle, die gerne wirklich nahrhafte und hochwertige Literatur lesen, die ihre Freude daran haben, wenn eine Handlung intelligent entwickelt wird, wenn Charaktere glaubhaft und Schauplätze authentisch dargestellt sind und wenn auch sprachlich, selbst in der Übersetzung, Witz und Sprachgewalt transportiert werden. Yu Hua braucht sich nicht vor den großen europäischen und amerikanischen Autoren der Gegenwart zu verstecken, er beherrscht sein Handwerk. Und sein Stil und seine Figuren, die in ihrer Skurrilität an die Personen bei Irving und Dickens und in ihrer Durchtriebenheit an Simplicissimus erinnern, dieser Stil ist wirklich etwas Besonderes. Denn im Skurrilen schimmert das, was uns zu Menschen macht, noch viel deutlicher durch, als wenn man es ständig und ausdrücklich betonte. Und dann, wenn man als Leser sagt: Ja, so sind Menschen, so fühlen und so handeln wir, unserem Opportunismus, unserer Angst und unseren Wünschen folgend, hier hat er Menschsein erfasst - dann ist ein Stück große Literatur entstanden. Und Hua schafft es, dass er trotz der zum Teil extrem bedrückenden Dinge, die er, wenn notwendig, auch sehr drastisch beschreibt, die Sympathie für die Menschen und für sein Land nicht verliert. Er zeigt, ohne es explizit zu betonen, wie Menschen einander vergeben, wie in China der für dieses Land so typische Pragmatismus siegt und wie zwei Brüder sich zwar entzweien, wie sie aber auch nie vergessen können, was sie füreinander waren und sind. Wenn man sich für China interessiert, dann kann man die hervorragenden Krimis von Qiu Xiaolong lesen. Wenn man als Historiker etwas über Mao erfahren will, dann liest man dessen Biographie bei Jung Chang. Wenn man sich für chinesische Geschichte und die Kulturrevoltion im Speziellen interessiert, dann sind die "Wilden Schwäne" von Jung Chang oder "Feder im Sturm" von Emily Wu zu empfehlen. Wenn man aber die chinesische Literatur der Gegenwart kennen lernen möchte und gleichzeitig einiges von dem Angesprochenen auf hohem Niveau erfahren will, dann empfehle ich Yu Hua: Brüder. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Parforceritt durch 40 Jahre chinesischer Geschichte,
Rezension bezieht sich auf: Brüder: Roman (Gebundene Ausgabe)
Yu Hua erzählt in diesem Werk die Geschichte der zwei Brüder Song Gang und Glatzkopf-Li im Verlauf der letzten vierzig Jahre bewegter chinesischer Geschichte im stereotypen Dorf Liuzhen nahe Shanghai. Der Roman gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste sich mit dem Aufwachsen der beiden zur Zeit der Kulturrevolution beschäftigt. In eindringlichen und sehr konkreten Bilder führt Hua dem Leser die aus der naiven Kinderperspektive geschilderten grauenhaften Auswirkungen der zutiefst menschenverachtenden Kulturrevolution vor Augen, in deren Verlauf die beiden Kinder aus armen Verhältnissen immer mehr auf sich selbst gestellt sind und sich in dieser brutalst gewaltsam eingeschüchterten Gesellschaft durchschlagen müssen. In diesem ersten Teil des Romans trifft in der Schilderung von der grotesken Komik über bis hin zur größtmöglichen Brutalität sehr vieles aufeinander.Der zweite Teil des Romans schildert die Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Ende der Kulturrevolution. Während der spitzfindige Glatzkopf-Li, das politische System geschickt nutzend, durch Abfall-Handel und die Bedienung gesellschaftlich neu aufkommender materialistischer Wünsche schnell zu einem der reichsten Magnaten Chinas aufsteigen kann, findet der eher unbedarfte Song Gang sein Glück in der Hochzeit der Dorfschönheit Lin Hong. Die Lebenswege der beiden Brüder, des Wirtschaftstycoons und des sich krank arbeitenden Tagelöhners und späteren Wanderverkäufers für 'Gesundheitspflegemittel', der auch unter dem größtmöglichen körperlichen Einsatz nicht zu Geld zu kommen vermag, gehen immer weiter auseinander und zeigen beispielhaft die Extreme heutiger chinesischer Lebenswirklichkeit auf. Der extreme, der Gesellschaft übergestülpte Wandel vollzieht sich exemplarisch am Dorf Liuzhen, das zu einer mit Neonreklamen, Glaspalästen und breiten Asphaltstraßen zugepflasterten Stadt im neuen China wird. Mit dem radikalen Wandel werden Dorfbewohner zu Nutznießern und (Aktien-)Gewinnern des neuen radikal-liberalen Wirtschaftssystems, die den materialistischen Werten westlicher Industrienationen nacheifern, oder zu dessen existenziellen Verlierern. Der hier vorgeführte exzessive gesellschaftliche Wandel, den Hua eindringlich konkret an einem überschaubaren stereotypen Personenkreis vorführt, lässt am Ende keinen moralisch integeren, glücklichen Helden zurück, sondern nur einen von der Suche nach Glück getriebenen Glatzkopf-Li, der auf seinem vergoldetem Klo sitzend nach dem letzten verbliebenen großen Wunsch, der Reise ins Weltall, strebt. So bleibt entweder der große wirtschaftliche Gewinn oder der Untergang des Einzelnen in der schönen neuen kapitalistischen chinesischen Konsumwelt. Hua ist ein auffallend ausfallendes Buch gelungen, in dem sich sehr stimmig schreiend komische, brutale von Blut und Eiter triefende aber auch gefühlvoll traurige Szenen in schnellen Übergängen abwechseln. Es überwiegt jedoch ein zumindest oberflächlich naiv, lustiger Grundton, der oftmals noch das vermeintlich positive der aufgezeigten Missstände aufzeigt. Einiges, auch in der leider oftmals etwas holzschnittartigen und karikaturenhaften Personencharakterisierung, erinnert an einen Schelmenroman. Viele Passagen, wie etwa eine von Glatzkopf-Li veranstaltete Jungfrauen-Parade oder die Machenschaften des Hochstaplers Zhou, sind märchenhaft abstrus, tragen aber wahrscheinlich in ihrer allegorischen Übertreibung oft viel Wahrheit in sich. Der kritische Bezug auf das moderne China mit seinem exzessiven Wirtschaftswachstum ist teils sehr direkt und unverkennbar deutlich. Die Themen sind in ihrer literarischen Ausführung jedoch oftmals so stark ins grotesk ironische überdreht, dass sie wahrscheinlich weit über die real existierenden chinesischen Verhältnisse hinausschießen, und sie nur noch bedingt als ernstzunehmende Kritik an der Realität anzusehen sind. Man mag nicht glauben, dass der brutal-liberale Kapitalismus und das weitestgehend hemmungslose Streben nach individueller wirtschaftlicher Prosperität in China wirklich schon annähernd die in diesem Roman geschilderten Ausmaße erreicht hat. Zusammenfassend ist dies ein sehr guter und empfehlenswerter zeitgenössischer chinesischer Roman. Einige Stellen hätten durchaus gekürzt werden können, Langeweile kommt jedoch beim Lesen nicht auf. Lobend zu erwähnen ist auch die sehr gute deutsche Übersetzung, im genau richtigen Ton. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schonungsloser Schelmenroman - Weltliteratur!,
Von Tom Ripley (Bern, Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Brüder: Roman (Gebundene Ausgabe)
Glatzkopf-Li und Song Gang sind Brüder - nicht leibliche zwar, doch zwei chinesische Jungs, die in den Wirren der politischen Umbrüche im Nachkriegs-China und im Zeichen bitterster Armut zusammengeschweisst wurden. Die Eltern der beiden haben sich nach dem Tod ihrer jeweiligen Ehegatten gefunden und erleben zusammen mit Glatzkopf-Li und Song Gang eine kurze Blüte der Liebe und des familiären Glücks. Zwar mangelt es in der Heimatstadt Liuzhen am Notwendigsten, doch der Optimismus des Vaters und der Durchhaltewillen der Mutter ermöglichen der Patchwork-Familie Song wenige Momente der Zufriedenheit inmitten eines Meers von Niedertracht, Gewalt und Erniedrigung.Die beiden Brüder sind unzertrennlich. Sogar, als die Liebe zu einem wunderschönen Mädchen die Jungs zu harten Konkurrenten macht, bleiben sie sich ehrlich und treu ergeben. Das weitere Leben verläuft in der Folge höchst ungleich. Während es Glatzkopf-Li im China der marktwirtschaftlichen Öffnung und des darwinistischen Neo-Liberalismus unter sozialistischen Vorzeichen zum Multimillionär bringt, fristet Song Gang ein Dasein als kaputtes und gedemütigtes Überbleibsel des chinesischen Reformeifers. Brüder" ist ein Schelmenroman mit theatralischen und witzigen Einlagen, die im Stil an Episoden aus Volksmärchen erinnern. Streckenweise ist der Roman kindlich naiv und er steckt voller schöner Momente. Dazwischen bricht aber die Kulturrevolution mit erschreckender Brutalität in die Erzählung ein und zwingt der Geschichte einen beinharten Realismus auf. Der Ton ist witzig, zugleich aber derb und ausgesprochen explizit. Romantische Passagen werden von ungeschönten Schilderungen menschlicher Verderbtheit abgelöst. Mit der eindringlichen Schilderung des skurrilen ersten nationalen Schönheitswettbewerbs für Jungfrauen" in der Kleinstadt Liuzhen erreicht der Roman seinen parodistischen und unwiderstehlichen Höhepunkt. Wenig später entwickelt sich der Überlebens-Kampf des ungemein sympathischen Protagonisten Song Gang zu einer derart widerlichen und traurigen Geschichte, dass ich manchmal fast widerwillig weiterlas. Der Autor bringt einem seine Hauptfiguren so nah, dass deren Schicksal ganz einfach ans Herz geht. Hu Yua gelingt es, Eigensinn, Korruptheit, Rohheit und Niedertracht der Menschen zu entlarven. Zuerst sind es die politischen Wirren, welche rohe Brutalität entfesseln und den Starken das Recht geben, die Schwachen, antisozialistischen und volksschädigenden Elemente zu verfolgen, zu demütigen und zu töten. Später ist es der schrankenlose Kapitalismus, den es eigentlich im sozialistischen Staat gar nicht gibt, der die Moral der Menschen zerstört. Doch nicht nur die private und öffentliche Moral sind Opfer auf dem Weg Chinas zur globalen Wirtschaftsmacht - letztlich führt die Entwertung des Moralkodex nicht zuletzt zur Selbsterniedrigung des Individuums, denn alles wird getan, nur um an die Geldbeutel der Anderen zu kommen. Ich empfehle den Roman unbedingt. Einerseits bietet die ungewohnte Erzählweise ein herrliches Leseerlebnis. Andererseits wirken die Schonungslosigkeit und das hoffnungsvolle Element dieses Buches lange nach. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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