Ganz große Literatur: Yu Huas "Brüder"
Wenn man dieses Buch liest, dann weiß man oft nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die Geschichte der beiden Brüder, die gemeinsam in ihrer Jugend die Kulturrevolution durchleben und durchleiden, die dann im zunehmend kapitalistischen China ihre ganz unterschiedlichen Wege gehen und die immer, trotz aller Unterschiede und Trennungen, einander verbunden bleiben durch das Schlimme, das sie erlebten, diese Geschichte hat mich gepackt von der ersten bis zur letzten Seiten. Das Buch ist für alle, die sich für China interessieren. Es ist für alle, die gerne im Leben von literarischen Figuren versinken. Es ist für alle, die wissen wollen, was Menschen (leider) bereit sind, Menschen anzutun, was sie aber auch füreinander tun. Es ist aber auch für alle, die gerne wirklich nahrhafte und hochwertige Literatur lesen, die ihre Freude daran haben, wenn eine Handlung intelligent entwickelt wird, wenn Charaktere glaubhaft und Schauplätze authentisch dargestellt sind und wenn auch sprachlich, selbst in der Übersetzung, Witz und Sprachgewalt transportiert werden. Yu Hua braucht sich nicht vor den großen europäischen und amerikanischen Autoren der Gegenwart zu verstecken, er beherrscht sein Handwerk. Und sein Stil und seine Figuren, die in ihrer Skurrilität an die Personen bei Irving und Dickens und in ihrer Durchtriebenheit an Simplicissimus erinnern, dieser Stil ist wirklich etwas Besonderes. Denn im Skurrilen schimmert das, was uns zu Menschen macht, noch viel deutlicher durch, als wenn man es ständig und ausdrücklich betonte. Und dann, wenn man als Leser sagt: Ja, so sind Menschen, so fühlen und so handeln wir, unserem Opportunismus, unserer Angst und unseren Wünschen folgend, hier hat er Menschsein erfasst - dann ist ein Stück große Literatur entstanden. Und Hua schafft es, dass er trotz der zum Teil extrem bedrückenden Dinge, die er, wenn notwendig, auch sehr drastisch beschreibt, die Sympathie für die Menschen und für sein Land nicht verliert. Er zeigt, ohne es explizit zu betonen, wie Menschen einander vergeben, wie in China der für dieses Land so typische Pragmatismus siegt und wie zwei Brüder sich zwar entzweien, wie sie aber auch nie vergessen können, was sie füreinander waren und sind.
Wenn man sich für China interessiert, dann kann man die hervorragenden Krimis von Qiu Xiaolong lesen. Wenn man als Historiker etwas über Mao erfahren will, dann liest man dessen Biographie bei Jung Chang. Wenn man sich für chinesische Geschichte und die Kulturrevoltion im Speziellen interessiert, dann sind die "Wilden Schwäne" von Jung Chang oder "Feder im Sturm" von Emily Wu zu empfehlen. Wenn man aber die chinesische Literatur der Gegenwart kennen lernen möchte und gleichzeitig einiges von dem Angesprochenen auf hohem Niveau erfahren will, dann empfehle ich Yu Hua: Brüder.