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Prolog
Rot barg der Schnee den schwarzen Wald.
Die junge Frau, die von ihren Eltern Tiraato genannt wurde, war auf dem Weg zur Weisen Zetaete. Tief im Summenden Wald hatten ihr die jungen Männer des Geweihwasserdorfes aus alten, unbeschriebenen Büchern eine Hütte errichtet. Tief reichten die schneebeschwerten Zweige zu Tiraato hinab, tief sanken ihre Schritte in den schneeverborgenen Weg. Auf ihrem Rücken trug sie, von zwei gewobenen Decken gehalten und gewärmt, ihr dreijähriges Töchterchen, das krank war und nicht schlucken konnte. Zetaete würde weiterwissen. Zetaete verstand sich auf Heilkunst.
Ein Rauschen umgab Tiraato, umkreiste sie näher, und sie beschleunigte ihre Schritte. Etwas war im Wind und im rötlichen Glitzern der Eiskristalle, etwas, das sich näherte und hechelte. Sie konnte niemanden sehen, aber die Bartvögel waren geflüchtet, der schwarze Wald lag still und schattig. Nur Tiraatos Stiefel knirschten und hinterließen eine Spur, die weit zu lesen war.
Mit einem Mal trat ihr das Tier in den Weg. Tiraato erschrak, vergaß aber nicht die Gesetze der Höflichkeit.
»Verzeiht, daß ich Euren Wald betrete«, sagte sie zu dem Tier. »Aber ich muß zur Weisen Zetaete. Das Töchterchen ist krank.«
»Die Weise ist tot«, sprach das Tier unumwunden. »Die Tiere des Waldes fanden im Schnee keine Nahrung. Die Kaninchen mußten die Weise fressen.«
»Das kann nicht sein!« widersprach Tiraato. »Die Kaninchen würden niemals einen Menschen angreifen. Ihr wart das, oder einer von eurer Art!«
»Es gibt keinen zweiten von meiner Art. Ich bin einsam, schönes Kind.«
Tiraato schaute zu Boden. Der Schnee war violett, wo der Schatten des Tieres auf ihn fiel. »Das Töchterchen ist krank«, wiederholte sie leise. »Was soll ich denn jetzt tun?«
»Gib mir das Kind. Ich kann es heilen.«
»Niemals! Ihr seid doch nur ein Tier!«
»Aber du weißt, daß es meine Tochter ist, nicht wahr, das weißt du doch?«
Tiraato blickte immer noch nicht auf. »Ihr wart sehr schön, im Traum, und ich sehr schwach. So weit würde es niemals noch einmal kommen.« Dann wandte sie sich um und rannte. Sie wußte, daß alles Rennen zwecklos war, doch sie wußte auch, daß Flüchten das war, was die Menschen des Geweihwasserdorfes von ihr erwarteten.
Das Tier war über ihr, kaum daß sie zehn Schritte zurück gelegt hatte. Es zerfetzte die gewobenen Decken mit seinen Klauen und riß ihr mit den Zähnen die Kleider vom Leib. Tiraato kämpfte und spürte Krallen in ihrem Fleisch.
Die Tochter rollte in den Schnee und begann zu weinen.
Der rote Schnee verriet nichts von dem Blut.
1 Ohnmacht
Es war nicht mehr zu verhindern gewesen: Fremde gingen ein und aus im Haus des Mammuts.
Es waren zwar lediglich zwei, aber Naenn, die nun hochschwanger war und in einem Mond niederkommen würde, kam das vor wie eine sorgfältige Abfolge von Einbrüchen. Zwei von außerhalb, die das unberechenbare Warchaim mit hineinschleppten in das einzige sichere Versteck, welches das Mammut auf dem Kontinent besaß.
Aber es ließ sich nicht vermeiden nach dem ersten Schrecken, zwei trügerischen Tagen der Hoffnung und der Hilflosigkeit, die daraus erwuchs.
Bestar - der jetzt wie ein Riese aussah, langhaarig, vollbärtig, mit einer Segmentrüstung bekleidet und ein schorfiges Erzschwert tragend - und Eljazokad - der seine Magie verloren hatte in der Höhle des Alten Königs und noch bleicher und zweifelnder wirkte als sonst ohnehin schon - waren mitsamt dem verwundeten Rodraeg mitten im Versammlungszimmer aufgetaucht. Cajin, der jugendliche Hüter dieses Hauses, hatte bezeugt, wie sich aus dem Nichts heraus wabernder Rauch und ein goldenes Leuchten bildeten, bis schließlich drei Gestalten wie durch tiefgründig loderndes Rauchglas traten. Sie folgten zuerst den Weisungen, die die Riesen ihnen gegeben hatten. Sie trugen Rodraeg nach oben und weckten Naenn, die sich in Rodraegs Kammer aufgehalten hatte, um, wie sie sagte, für ihrer aller sichere Rückkehr zu beten. Naenn wusch und salbte den Bewußtlosen, dann öffnete sie mit einem Lied aus siebzehn Strophen das von den Riesen zu einem Bernsteinball zusammengefügte Licht in Rodraegs Inneren, faltete es auseinander wie die zwei Flügel eines Schmetterlingsmenschen, und in dieses Licht, das ihr eigenes Gesicht enthielt gleich einem Spiegel aus Honig und Blattgold, hüllte sie Rodraeg wie in eine warm pulsierende Decke. In dieser vom Zepter der Riesen magisch gewobenen Decke wurde Rodraeg umstrahlt von seinen Erinnerungen an Naenn, wie sie die Kapuze zurückgestreift hatte in seiner Schreibstube in Kuellen, wie sie mit ihm unter der Wachsplane gesessen hatte auf dem Wagen des Händlers Hinnis im strömenden Regen, wie sie und er allein unter dem Sternenzelt geschlafen hatten auf dem Weg nach Aldava, in der letzten Nacht, in der sie noch unberührt gewesen war, wie sie ihm ihren Garten gezeigt hatte, verwirrt und gereizt von dem bevorstehenden Geständnis ihrer Schwangerschaft, und - ganz zuletzt - wie sie ihm im Badehaus, erhitzt und eigentümlich erregt, ihren Rücken entblößt hatte mit den viel zu kleinen Schwingen, rötlich mit hellblauen Rändern. Aus einem matten, todesähnlichen Zustand ging Rodraeg über in einen regelmäßig durchatmeten Schlaf, der tiefer war als ein gewöhnlicher. Aber ihnen allen war klar, daß die vielen Bewußtlosigkeiten, die erst die Schwarzwachsvergiftung und nun auch die Pfeilwunde Rodraegs Leib aufgenötigt hatten, auf Dauer nicht gut sein konnten für ihn. Deshalb schafften Bestar und Cajin eins der Betten aus dem noch nie benutzten Gästezimmer in Naenns hellen Wohnraum und legten Rodraeg dort hinein. Und nachdem zwei Tage lang keine Besserung und kein Erwachen eingetreten waren, und das Licht der Erinnerungen verloschen und vergangen war zu einem milden Nachhall von Wildrosenwärme, holte Cajin die beiden Fremden zu Hilfe.
Zuerst war da Hebezie, eine junge Heleleschwester aus dem Haus der Siechen. Sie war die naheliegendste Wahl, weil die Heleleschwestern sich mit Heilung auskannten und das Betreuen von Kranken tagtäglich mit Sorgfalt betrieben. Hebezie war eine noch junge Frau mit Haaren, die einen leicht silbernen Schimmer aufwiesen, genau wie ihr Gewand. Sie untersuchte Rodraeg von Kopf bis Fuß und stellte dann fest, daß Rodraegs Körper »ganz seltsam« sei, »wie der eines Neugeborenen so zart und unversehrt«. Bis auf die schreckliche Pfeilwunde natürlich. Naenn und Eljazokad drucksten herum, ja, mit Magie sei der Verwundete in letzter Zeit mehrmals in Berührung gekommen, und möglicherweise sei sein Körper dadurch verändert worden. Hebezie versuchte darauf zu drängen, daß Rodraeg in das Helelehaus im Nordosten der Stadt verbracht würde, weil man ihn dort besser umsorgen und beobachten könne. Doch Naenn, die schon beunruhigt genug war über das, was Rodraegs Leib über seine bisherigen Abenteuer beim Mammut verriet, entschied sich dagegen. Statt dessen sollte Hebezie zweimal täglich vorbeikommen und nach dem Rechten sehen.
Einen Tag ging das gut so. Hebezie schäkerte mit Eljazokad. Naenn hielt während der Untersuchungen Rodraegs Hand. Bestar und Cajin standen sich gegenseitig eifrig im Weg herum. Dann bestand Hebezie darauf, einen Spezialisten heranzuziehen, zu dessen Fähigkeiten die Heleleschwestern vollstes Vertrauen hatten: Samistien Breklaris. So kam der zweite Fremde ins Haus des Mammuts.
Samistien Breklaris, der unweit des Marktes einen Laden für Kräuter & Drogen führte, erkannte Rodraeg sofort wieder. Vor wenigen Monden war Rodraeg bei ihm gewesen, um Pastillen gegen seinen schrecklichen Reizhusten zu erstehen. Schon damals war Rodraeg dem Kräuterfachmann etwas zerstreut und verrätselt vorgekommen. Nun lag er vor ihm, alle Anzeichen eines Hustens waren verschwunden, dafür hatte er einen Herzschuß erlitten, der für jeden normalen Menschen tödlich gewesen wäre, lebte aber weiter in der magischen Obhut eines hochschwangeren,...
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