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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die kleine Welt von Wischegrad als Spiegel der Weltgeschichte,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Brücke über die Drina. SZ-Bibliothek Band 69 (Gebundene Ausgabe)
Am Anfang hat Gott die ganze Erde topfeben geschaffen, heißt es in einer der zahlreichen Erzählungen des vorliegenden Buches, damit sich die Menschen ohne große Schwierigkeiten von einem Ort zum nächsten bewegen können. Dann aber zerkratzte der Satan in seiner Missgunst die ganze Erdoberfläche, so dass Berge, Schluchten und Täler entstanden. Damit die Menschen sich auch weiterhin auf der Erde fortbewegen können, schenkte ihnen der Herr in seiner Gnade die Brücke, die neben dem Brunnen größte Gabe der Schöpfung an das Menschengeschlecht.Von einer solchen Brücke, der Brücke über die Drina, handelt auch das vorliegende Buch. Entstanden ist die Brücke als Geschenk des weisen Wesirs Mechmet Pascha, der im 16. Jhdt. von den Türken aus seiner Heimat im Umkreis der Stadt Wischegrad verschleppt wurde. Unter unsäglichen Mühen und unter Einsatz schockierender Gewalt erbaut, wird sie mit der Zeit zum Symbol einer kosmopolischen balkanesischen Welt, in der die Angehörigen der moslemischen, christlichen und der jüdischen Bevölkerung friedlich nebeneinander auf der Kapija, der terrassenförmigen Mitte der Brücke, sitzen um ihren Kaffee zu trinken oder ihre Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten und Mythen der Menschen von der Drina machen einen Großteil des vorliegenden Buches aus. Es sind Sagen von eingemauerten Kindern, unglücklichen Liebespaaren, Helden und Halunken jeder Art, die alle mit der Brücke zu tun habe, sei es, dass sie die Brücke zerstören wollen, dass sich dort in der Nacht die Liebenden treffen oder die Bösewichter dort ihre schrecklichen Strafe erleiden. Doch unmerklich gerät die Weltgeschichte in Bewegung und verändert die scheinbar so unverrückbare Welt von Wischegrad. Zuerst ziehen sich um 1700 die Türken aus Ungarn zurück, die regelmäßigen Einkünfte zum Unterhalt der Karawanserei entfallen, und die erste Ruine entsteht. Als nach 1800 die serbischen Aufstände gegen die Türkenherrschaft den Balkan erschüttern, erhält die Brücke ein Wache und bald verunzieren die Köpfe ermordeter Christen die Brücke über die Drina. 1878, nach dem Berliner Kongress, kommt Bosnien- Herzegowina und damit auch Wischegrad unter österreichisch-ungarische Verwaltung, und mit den gepflegten und agilen "Schwaben" ( ein Sammelbegriff für die Mitteleuropäer) zieht mit Macht die Moderne ein. Es entstehen Hotels, Eisenbahnen, Freudenhäuser, Spielkasinos, Straßenbeleuchtung und eine allgemeine Wehrpflicht. Die Schwaben und ihre rätselhaften Errungenschaften beschleunigen das Leben auf eine beunruhigende Weise, es wird leichter Geld verdient, aber auch verloren, die Jugend arbeitet nicht mehr auf den Feldern sondern geht auf das Gymnasium nach Sarajewo und kommt mit halbgaren Ideen von serbischer Freiheit nach hause. Als nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo der Erste Weltkrieg ausbricht, ist es mit dem gedeihlichen Leben in Wischegrad entgültig vorüber. Die Stadt wird geräumt, die Brücke wird gesprengt, und die multikulturelle Eintracht an der Drina verschwindet im Orkus der Geschichte. Es ist ein Roman zwischen Märchen und Tragödie, die Ivo Andric auf über 400 Seiten so erzählt, als säße er selbst auf einer wieder erbauten Kapija. Dutzende Geschichten aus vier Jahrhunderten werden zu einem west-östlichen Diwan verwoben, in dem es keine Schwarz-Weiß-Urteile gibt, sondern in denen jede Seite, die moslemische, die christliche und die jüdische ihr Recht erhält. Erst am Ende, als die Dinge nach der vielleicht etwas idealisierten guten alten Zeit, aus dem Ruder zu laufen beginnen, bezeiht das Buch Position - gegen den Nationalismus, der als eine Variante der menschlichen Eitelkeit erscheint, gegen die ideologisierte Jugend und die modernen Pseudointellektuellen, die jegliche Bodenhaftung zum Volk verloren haben. Der erste Weltkrieg, mit dem das Buch endet, verschlingt dann alles, ohne dass klar wird, in welche Richtung sich die Geschichte weiter entwickeln wird. "Die Brücke an der Drina", in einer abgehobenen, poetisch ambitionierten Sprache erzählt wird, ist Literatur im besten Sinne. Der Roman unterhält und unterrichtet zugleich und wäre die ideale Lektüre für eine Reise nach Srebenitza, Banja Luka oder Sarajewo, wenn nicht dort die Entzweiung, die am Ende des Buches beschrieben wird, in extrem verstärkten Formen weiter leben würde. Denn mit der zerstörten Brücke von Mostar hat die Wirklichkeit die Literatur auf eine schreckliche Weise bestätigt und überboten. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
34 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Balkan - 1000 Meinungen und Wahrheiten,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik (Taschenbuch)
Kurzum: Dieses Buch ist zurecht eines der Meisterwerke der Weltliteratur. Andric als "bosnischen Serben" zu bezeichnen, ist aber nur eine der vielen Meinungen und "Wahrheiten" die sich in den Rezensionen ebenso wiederspiegeln, wie im Buch selbst. Obwohl Kroate, war Andric ein Mensch der sich in erster Linie als eben dies sah: Als Mensch! Oftmals Ziel nationalkroatischer Kritiker, die ihm "Serbennähe" unterstellten, war er doch ein Mann der die südslawische Seele aller Balkanvölker verstand und dies in seinem Buch sehr gut zum Ausdruck brachte.Vor allem Personen, die die tieferen Zusammenhänge des Balkans verstehen wollen, sei dieses Buch ans Herz gelegt. Obwohl die Erzählungen zum Teil frei erfunden sind, so kommen sie der Wahrheit doch viel näher als es ein Geschichtsbuch je könnte. Von den ersten Türken am Balkan bis zum letzten Österreicher, von der Selbstfindung der Moslems bis zum nationalen Freiheitsdrang der Serben - wer die Antworten sucht, findet sie hier. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Leben und Menschsein,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Brücke über die Drina: Roman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
In Andrics Buch „Die Bücke über die Drina" begleiten wir die Geschichte eines Bauwerkes, eben die jener Brücke bei Wischegrad. Sie beginnt schon im Jahre 1516 kurz vor ihrer im Jahre 1571 vollendeten Errichtung und endet im Jahre 1914 mit ihrer tragischen Teilzerstörung.Die Brücke über die Drina verdankt ihre Existenz machtpolitischer Notwendigkeit. Sie erst hat das Eindringen des Osmanischen Reiches nach Mitteleuropa ermöglichen sollen. Auch die teilweise Zerstörung knapp vier Jahrhunderte später folgt derselben machtpolitischen Logik. Ziel war es, zum Schutz der zu Beginn des Ersten Weltkrieges bestehenden politische Struktur Mitteleuropas beizutragen. Beide Vorhaben sind gescheitert. Nichts liegt nun näher, als zu vermuten, es handele sich bei der Brücke um ein rein politisches Bauwerk - das Gegenteil ist der Fall. Das Buch Andrics beschreibt vielmehr die Geschichte der Inbesitznahme dieser Brücke durch und für die örtlich ansässige Bevölkerung, die im Grunde nur eines will: Leben und Menschsein! Es war dabei einerlei, welcher Religion, welcher Volksgruppe man angehörte. Der Leser begleitet so, über die verstreichenden Jahrhunderte hinweg, das Schicksal vieler verschiedener Menschen, in deren Leben eines gemeinsam ist: Die Brücke über die Drina. Wir lernen dabei eine unglückliche Braut, einen geheilten Spieler, eine tüchtige Hotelbesitzerin und einen leichtsinnigen Trinker kennen. Auch geistliche Würdenträger, seien es Popen, Mullahs oder Rabbiner begegnen uns über die Zeit hinweg mit ihrer Weisheit und ihren Schwächen. Stellvertretend stehen sie für all die anderen, welche Andrics Chronik mit Leben erfüllen. Die Brücke, so unerschütterlich fest der Drina trotzend, stellt den ruhenden Pol, den Mittelpunkt und den Garanten des Zusammenlebens in einem dar. Nur der Leser weiß, daß sie gleichsam grausames Menetekel einer zukünftigen unseligen Zeit war - einer Zeit, in der mehr Brücken eingerissen, als neue geschlagen wurden. Andric beschreibt in seinem Werk, was als Ursache und Wegbereiter für die noch immer andauernden großen Probleme der vergangenen neun Jahrzehnte angesehen werden kann: Das allgemeine Umsichgreifen politischer Ideen in den Köpfen derjenigen Menschen, welche nicht mehr mit Leib und Seele in ihrer Heimat verwurzelt sind. Lest deshalb wie schön es war in dieser Region Europas, wenngleich als Spielball der Politik, so doch ein unpolitisches Leben geführt zu haben! Laßt die Geschichte der Menschen, welche in Wischegrad bis zur besagten Teilzerstörung der Brücke zusammengelebt haben, Vision für eine neue Zeit sein! Das Buch ist ein Geschenk Andrics an die Menschheit. Er ist dafür zurecht 1961 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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