Es gibt wirklich nur ganz wenige Alben, auf denen mir fast jeder einzelne Song gefällt. Mikas "The boy who knew too much" gehört definitiv dazu. Lediglich mit "By the time" kann ich mich bisher nicht so richtig anfreunden, aber jeder andere Song auf diesem Album ist einfach super.
Wer den Tiefgang bei Mika vermisst, sollte sich mal die Texte genauer anhören und sich vielleicht ein paar Hintergrund-Infos besorgen. ;-) Klar, auf den ersten Blick sind es einfach nur eingängige Popsongs. Sie bleiben im Ohr, und das soll auch so sein. Aber wer genauer hinhört, entdeckt, dass Mika in seinen Texten das ganze Spektrum an Gefühlen verarbeitet, das ein Teenager auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchlebt. Etwa die Identifizierung mit der eigenen Sexualität ("Toy Boy"), die Angst vor Zurückweisung ("I see you"), imaginäre Freunde ("Dr John"), der Kampf mit sich selbst ("One Foot Boy"), oder die bittere Erkenntnis, dass der Partner einen nicht als den akzeptieren will, der man ist ("Rain"). "We are Golden" ist eine Hymne gegen das Mobbing, das Mika in seiner Schulzeit durchleiden musste - "Ich bin nicht das Stück Dreck, als das ihr mich behandelt - ich bin aus Gold gemacht!".
Das alles verpackt in Gute-Laune-Songs, die man einfach so genießen kann, oder sich über die Message dahinter Gedanken machen kann - jeder, wie er will.
Ebenso gelungen finde ich das Booklet, das von Mika und seiner Schwester gestaltet wurde. Ein Bild zeigt etwa Mika mit traurigem Blick inmitten seiner "grauen" Schulklasse, und auf dem nächsten Bild lächelnd im Kreis seiner selbst geschaffenen Charaktere wie Lollipop Girl oder Dr John. In dem Booklet finden sich Hinweise auf jeden der Songs wieder - was auf den ersten Blick wie ein wild zusammengewürfelter Haufen Einzelbilder erscheinen mag, erzählt eine ganz eigene Geschichte - die wieder jeder für sich nach Belieben interpretieren kann. Oder einfach nur die schönen Bildchen anschauen. ;-)
Meine persönlichen Favoriten auf dem Album sind "Touches You" und "Pick up off the Floor". Ersteres reißt mich einfach total mit und schafft es jedes Mal, mich in eine geradezu euphorische Stimmung zu versetzen. Letzteres ist ein ganz anderer Stil, der mir aber sehr gut gefällt. Die Melodie, die Geigen, das Orchester jagen mir wohlige Schauer über den Rücken - und der Text ist traurig und optimistisch zugleich. Die Gegensätze von Moll zu Dur, von Spannungsaufbau und -auflösung, von traurig zu hoffnungsvoll, leise zu laut, vereint Mika in diesem Song zu einer perfekten Harmonie.
Last but not least noch ein Wort zu dem Konzert auf CD2 der Deluxe Edition - auch dieses ist absolut hörenswert. Normal bin ich kein großer Fan von Live-Aufnahmen, aber diese Reise quer durch Mikas Song-Repertoire reißt genauso mit wie das Album, und Mikas Kommentare zwischendrin sind auch noch für ein paar Lacher gut - etwa wenn er die von Stage-Designerin Es Devlin sorgfältig zusammengestellte silberne Bühnendeko als "Kaugummipapier" bezeichnet. ;-)
Fazit: Ein Muss für Fans guter Popmusik!