Torsten Schulz, 44, Berliner, Drehbuchautor, Regisseur und Professor für Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam hat nach einigen Drehbüchern, einem Buch zum Film und einem Sachbuch endlich einen Roman geschrieben. "Boxhagener Platz" heißt sein charmantes Werk, dass einem auf 191 Seiten das Leben Ende der 60er in der ehemaligen DDR nahe bringt.
Dies tut er gekonnt mit Hilfe einer Ostberliner Familie, den Jürgens', die alles andere als durchschnittlich und normal ist. Oma Otti, die rüstige Rentnerin, die Grabpflege zu ihren Hobbys zählt. Vater Jürgens, der ABV (Abschnittsbevollmächtigte), der seinen Dienst sehr ernst nimmt und ständig um den Boxhagener Platz schleicht. Mama Jürgens, die ab und zu ins Café NORD oder zu RENI geht, da Vater Jürgens sein Pulver bereits verschossen hat und Holger, der Sohn der Familie. Er steckt irgendwo zwischen Kindheit und Pubertät und versucht stetig seine Wissenslücken in punkto Sex zu schließen, was hauptsächlich auf dem Boxhagener Platz geschieht, wo Holger und seine Freunde ihre Zeit verbringen.
Oma Otti, eigentlich Ottilie, hat bereits fünf Ehemänner ins Grab gebracht und um den sechsten ist es auch nicht gut bestellt. Sie bedauert zwar, "dass de Männer aber ooch immer so schnell schlapp machen", aber dass findet sie immer noch besser als wenn sie selbst "abnibbeln" würde. Lieber auf dem Friedhof Blumen gießen, als selbst begossen werden scheint das Motto der rüstigen Alten zu sein, die die Männerherzen der über 60 jährigen rund um den FEUERMELDER, einer Kiezkneipe, höher schlagen lässt. "Die Kerle könn' noch so alt sein, aber von `n Weibern könn' se bis zum Schluss nicht lassen". Und weil Ehemann Nummer sechs zwar noch nicht tot ist, aber eben auch nicht mehr so richtig lebendig, schaut sich Oma Otti schon einmal nach jemand neuem um. Sie braucht natürlich nicht lange zu suchen, sind doch gleich zwei Bewerber zur Stelle. Fisch-Winkler, "der hässliche Karpfenkopp", der sie mit Gratis-Fisch gewinnen will und Karl Wegner, der Oma Otti erst zum Grabgießen einspannt, um ihr dann "den ersten Preis für Grabpflege" zu überreichen.
Eines Morgens jedoch wird der alltägliche Wahnsinn rund um den Boxhagener Platz gestört. Ein Mord ist geschehen. Ein Unbekannter hat Fisch-Winkler in seinem Laden mit einer Bierflasche erschlagen. "Um Fisch-Winkler, den ollen Karpfenkopp, isset ja nun wirklich nicht schade" findet Oma Otti, dennoch ist der Mord an Fisch-Winkler Wochenlang Kiezgesprächsthema Nummer eins.
Torsten Schulz schafft es mühelos durch die plötzlich auftauchenden Gerüchte so viele Verstrickungen zu schaffen, dass eigentlich jeder der Täter sein könnte: der fast-tote Opa Rudi, ein Saufkumpan aus dem FEUERMELDER, der Nachbar von gegenüber. Alles und jeder ist verdächtig und schließlich ist auch ein Komplott aus dem Westen nicht mehr ausgeschlossen. Bis zum Schluss werden die wüstesten Theorien gesponnen und nebenbei auch Skandale aus den elterlichen Schlafzimmern aufgedeckt.
"Boxhagener Platz" ist eine Ostberliner Komödie, die nicht nur durch ihre komischen Charaktere und deren Berliner Schnauze amüsiert, sondern auch jedes nur denkbare Klischee karikiert, so dass der Leser nicht nur der Aufklärung des Mordes, sondern auch Oma Ottis nächster Äußerung entgegenfiebert.