Flaubert ist Realist, dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man dieses Buch aufblättert. Ähnlich wie Balzac, aber nicht naturalistisch-streng wie Zola, entfaltet hier einer im ausgehenden 19. Jahrhundert weniger eine Parodie seiner Mitmenschen, sondern eine stille Bestandsaufnahme der Beschränkungen einer sich transformierenden Gesellschaft. Bei Balzac sind die Anklänge an das vorrevolutionäre Frankreich stets offen und präsent und in den Charakterzügen seiner "menschlichen Komödie" als Antidot eingeschrieben. Von Flaubert, dem "Idioten der Familie" (Sartre), der sich selbst als irre beschrieb, weil sein Empfinden und sein persönliches Abweichen nur auf Ablehnung stieß, ist der Satz überliefert, dass er schon früh eine Art Vorgefühl vom Leben gehabt haben soll. Dieses Vorgefühl sei einem üblen Küchengeruch gleich, von dem man würde unweigerlich kotzen müssen. Dies der Realismus, auf den er abstellt. Es handelt sich um abgewandtes Leben, die Zeilen die er schreibt sind weniger Beschreibungen - auch wenn Wert auf Illustrationen gelegt wird, so doch mehr beiläufig -, sondern Sentenzen und stille Beschwerden gegen ein Noch-nicht-Dasein in der Welt, eine nicht verwirklichte Existenz, die in ihren Verlaufsformen einer frühkapitalistischen Umwelt überall auf Hohn und Gelächter trifft. Macht man sich diesen Weltschmerz Flauberts nicht bewusst, so bleiben alle seine Werke eigentümlich leer (dabei ragt "Madame Bovary" wohl an Leere heraus).
Die oberflächliche Lesart bietet zwei Angestellte im Paris um 1840, also lange nach der Julirevolution, inmitten einer restaurierten Monarchie, die gar nicht thematisiert wird, oder wenn, so nur in wenigen Sticheleien gegen Arrivierte und Korrumpierte, die als Repräsenten gesellschaftlicher Klassen sich auch im Landleben ein Stelldichein geben. Bouvard und Pécuchet werden als Antagonisten gezeichnet, die nie zueinander finden, selbst dann nicht, wenn sie sich jauchzend in die Arme fallen und ihr Leid sowie die Beschränktheit ihrer Umgebung beklagen. Flaubert gibt sich alle Mühe sie frühzeitig als Extreme zu zeichnen, sodass man glauben möge, hier würden Puzzleteile ineinandergefügt. Doch nachdem eine plötzliche Erbschaft des einen sowie der frühe Renteneintritt des anderen es ihnen erlauben, aus dem langweiligen und faden Dasein als Büroangestellte austreten zu können, verflüchtigen sich alsbald die Träume von "anderen Leben", das mehr antizipiert wird, als dass es je realisiert werden könnte. Flauberts Figuren üben sich in allen aufkommenden Disziplinen und bemerken mehr und mehr nicht allein ihr Scheitern aufgrund fehlender Profession, sondern auch die Hilflosigkeit der Wissenschaft, wenn es darum geht, ein "Anderes" zu zeichnen. Man könnte daher geneigt sein, das Buch als sturen Fortschrittsskeptizismus oder als tumbe Wissenschaftskritik zu geißeln, aber auch das würde fehlgreifen. Hier wird in keinen systematischen Diskurs eingeführt, genauso wenig werden vermeintlich alternative Zugangsformen zur Erfahrung aufgezeit. Was Flaubert um 1870 vorwegnimmt, das ist ein kollektives Gefühl der Mattigkeit und Abgeschlagenheit, der geringen Tragfähigkeit von Ideen als solche in kontextfreien Räumen. Es ist interessant, wie lang ein solches Thema (bis heute) variiert werden kann, ohne nach Lösung zu fordern.
So gibt es denn auch für Bouvard und Pécuchet kein Entrinnen. Sie landen schlussendlich wieder in ihrem piefigen, kleinbürgerlichen Dasein und fügen sich dessen, was ihn zu gehören scheint. Das Ende umschreibt jenen Küchengeruch, von dem man wird kotzen müsssen. Das sagt Flaubert nicht in dieser Form, aber der Schnodder ist in den Zeilen eingeschrieben. Es wäre falsch zu glauben, dass es sich hier um ein geruhsame Lektüre für einen heiteren Sonntagnachmittag handelt. Die Psychologie, zur Zeit Flauberts gerade einmal in der Gründung begriffen, hätte es als nosologisches Pamphlet gelesen, als eine veritable Beschreibung von Überdruss und Unbehagen in der Gesellschaft. Das Ausradieren der Figuren erfolgt im Wege der Nichtung ihrer für möglich geglaubten Existenz (vgl. das Nicht-Dasein von Bartleby in Melvilles Novelle). Sie bleiben zurück als gescheiterte Individuen, innerer Rückzug wäre das letztliche Mittel, so auch für Flaubert selbst. Erst einige Jahrzehnte später wird versucht dem beizukommen durch die Trias aus Gott, Analytiker und Partei (Zizek), d.h. erst allmählich wird versucht dem Unbehagen auf die Spur zu kommen und es wird entweder für abhängig befunden und zum Glauben bekehrt, für krank befunden und therapiert oder aber für instrumentalisierbar befunden und einer politischen Führung oder Bewegung subsumiert. Flaubert würde heute keine Literatur mehr schreiben, Menschen wie er hätten vielleicht versucht, in der Schauspielerei/des Theaterspiels etwas von ihrer Identität hinüberzuretten, aber heute bliebe ihnen wohl nur noch der Weg des stumpfen Dagegenseins, das sich auflöst in der entkörperlichten Formengebung des abstrakten Expressionismus, er wäre also vielleicht noch Maler.
Drei Essays versuchen sich zum Abschluss mit je verschiedener Lesart dem Werk Flauberts zu nähern. Dabei scheint mir insbesondere die Arbeit von J.L. Borges anschlussfähig, der den Wisperton Flauberts - im 19. Jahrhundert nur als Indignation fassbar -, zu transformieren suchte in eine neue Zeichensprache, eine neue Semantik des Verschwindens. Apathisch bleibt dies gleichwohl auch. Die Erfindung der Möglichkeiten ist bis heute nicht abgeschlossen und übrig bleiben jene Ideen, deren Verwirklichung versäumt wurde. Flaubert hier lesen ist wie Erik Satie hören: Weghören und Weglesen als abgewandtes Leben.