Den todsicheren Geheimtipp, in welcher Bar in Venice Beach Leo DiCaprio abhängt oder Jennifer Lopez an ihrer Diätcola nippt, wird man in diesem Buch vergeblich suchen. Autor Thomas Schuler, der einige Jahre als freier Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in den USA gelebt hat und jetzt in Berlin für die "Berliner Zeitung" schreibt, macht einen weiten Bogen um Hollywood, seine Stars und Klischees. Er schreibt stattdessen darüber, wie Kinder in Los Angeles mit diesen Filmträumereien aufwachsen, wie 13jährige ihre Nasen korrigieren und ihre Brüste verkleinern (!) lassen, weil Pamela Anderson das auch getan hat. Er schreibt über "das andere Hollywood" im San Fernando Valley im Norden der Metropole, wo die Pornofilmindustrie jährlich mehr als 8000 Filme dreht und dafür in der kalifornischen Hauptstadt eine eigene Lobbyistin beschäftigt. Er schreibt auch über eines der eigenwilligsten und größten Projekte der Filmgeschichte, Steven Spielbergs Shoah-Stiftung und ihre Kritiker. Spektakuläres und Sensationen meidet der Autor. Er beschreibt stattdessen den "American Way of Death", mit dem grosse, börsennotierte Bestattungsunternehmen Kasse machen wollen, die Konfrontation zwischen Latinos und Afroamerikanern, und das Leben in den bewachten Privatvierteln, die typisch sind für eine Metropole, die aus lauter Vororten besteht. Um Einblick in die Entstehungsgeschichte von Los Angeles zu geben, die noch vor 150 Jahren ein verschlafenes Nest mit 1600 Einwohnern war (San Francisco war damals bereits doppelt so gross), schildert der Autor den Aufstieg der Chandler-Familie. Die Chandlers haben das Wasser aus den Bergen geklaut, mit vollmundigen Versprechungen vom schönen Leben unter Palmen und der Propaganda ihrer "Los Angeles Times" Tausende nach L.A. gelockt und aus El Pueblo de Los Angeles eine Millionenmetropole gemacht. (Wer den Film "Chinatown" gesehen hat, kennt diese Geschichte um das hart umkämpfte Wasser.) Er schildert, warum man in der Stadt ohne Auto nicht vorankommt, aber selbst mit Auto fast nie wirklich rechtzeitig ankommt. In einem Porträt der Schriftstellerin Joan Didion gibt Thomas Schuler das L.A.-Gefühl (Polanski, The Doors usw) der 60er wieder und anhand eines Porträt des umstrittenen Bestsellerautors Mike Davis schildert er den ewigen Kulturkampf der Intellektuellen an Ost- und Westküste. Dabei geht es um die Frage, ob L.A. auf bestem Wege ist, Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts zu werden, oder ob die Stadt kurz vor dem Untergang steht. Alles in allem viele Geschichten, die uns das andere L.A. zeigen. Hier hat einer geschrieben, der versucht, die Stadt zu verstehen...