Menschen mögen ihre Körpergerüche nicht sonderlich, so scheint es, denn es gilt als unschicklich, nach Schweiß zu riechen, und es ist allemal anstößig, einen Geschlechtsgeruch von sich zu geben. Aber warum verteufeln wir unsere eigenen Gerüche derart, dass wir sie gar mit allerhand Parfum, Deo, Seife zu überlagern trachten? Ingelore Ebberfeld hat 450 Menschen zum Thema befragt und in Bereichen geschnüffelt, die sonst sorgsam gereinigt werden, damit sie nicht mehr riechen. Herausgefunden hat sie dabei, wie es im "ganz normalen" Liebesleben mit den Körperdüften aussieht, ob natürliche oder künstliche Körpergerüche bei der Liebeswerbung favorisiert werden, wer gern an Wäsche und T-Shirt schnüffelt, welchen Geruch Frauen oder Männer im Intimbereich bevorzugen und ob es sexuell stimulierende Düfte am menschlichen Körper gibt.
Wir sind derart empfindlich geworden, was unsere eigenen Gerüche betrifft, daß es uns aufs höchste kränkt und verunsichert, wenn uns jemand sagt, daß wir nicht gut riechen oder, besser gesagt, so riechen, wie wir eigentlich riechen. Auch wagen wir es nur selten, jemanden wegen seines Körpergeruchs zu tadeln, weil es sich einfach nicht schickt. Ein Lob allerdings über den getragenen, künstlichen Duftstoff entzückt Frauen sowie Männer. Man ist geschmeichelt, wenn der schöne Wohlgeruch gefällt. Es verwundert deshalb nicht, daß manche heimlich die Nase in die Achselhöhle stecken und gegebenenfalls zum Deoroller greifen oder ihren Parfümgeruch auffrischen. Es gilt als unschicklich, nach Schweiß zu riechen, und es ist allemal anstößig, einen Geschlechtsgeruch von sich zu geben. Aber weshalb verteufeln wir unsere eigenen Gerüche derart? Wirklich nur, weil wir eine Geruchsästhetik entwickelt haben? Die zweifle ich überdies immer dann an, wenn mit Genuß an stinkendem Käse gerochen wird. Oder aber auch, weil wir das Tierische zum Wohle unserer kultivierten Sexualität "unterdrücken" müssen? 1906 schrieb der anerkannte und bahnbrechende Sexualpsychologe Havelock Ellis, es sei "... augenscheinlich, daß, so verwickelt und dunkel manche Fragen der Physiologie und Psychologie des Geruchs noch sind, ihre Beziehung zu sexuellen Erscheinungen unverkennbar ist." So unverkennbar, daß Ellis den Gerüchen in der sexuellen Sphäre große Bedeutung beimaß, obwohl seiner Meinung nach selbst bei den "primitivsten Menschen" der Geruchssinn in sexueller Hinsicht die Vorherrschaft zugunsten des Gesichtssinns aufgeben mußte. Seine Hoffnung jedoch, daß die verwickelten und dunklen Fragen beantwortet würden, hat sich selbst neun Jahrzehnte später noch nicht erfüllt, was zum einen an dem Geruch und Geruchssinn selbst liegt, der uns an Forschungsgrenzen führt, zum anderen jedoch an der Haltung, die wir sexuellen Gerüchen gegenüber haben. Denn wir beseitigen unsere sexuellen Gerüche nicht nur mit Wasser und Seife, wir reden und man spricht auch nicht gerne über sie. Und dies nicht nur, weil der Austausch von Körperschweiß oder die Einatmung von Geschlechtsgerüchen zu unserer Intimsphäre gehören, sondern weil uns jedes positive Eingeständnis hinsichtlich dieser Düfte in die tierische Ecke drängt. Nicht umsonst greifen wir allzu gerne auf tierisches zurück, wenn es gilt, Nasengelüste oder Körpergerüche zu diffamieren. So heißt es etwa: "Der schnüffelt wie ein Schwein" und "stinkt wie eine Sau". Zwar sind wir begeistert, wenn wir menschliches bei Tieren entdecken, aber nicht umgekehrt. Wenn etwa die Bonobos, ansässig im südlichen Kongo, aufrecht stehend an frühere Hominiden erinnern oder den Sexualkontakt mit den Gesichtern zugewandt vornehmen, sind nicht nur die Zoologen entzückt, weil es diese Schimpansen wie Menschen machen. Aber eins ist ganz gewiß, wir "treiben" es niemals wie die Affen, und niemals schnüffeln wir zur sexuellen Einstimmung am Geschlecht herum! Nur tierische Naturen gestehen sich ein derartiges Verhalten ein, nur Perverse schnüffeln gerne. Zwar gibt es Männer, die ein kleines Vermögen für getragene Slips ausgeben, aber sie gehören nicht zur Norm. Auch jene Männer nicht, die reihenweise Taschentücher stahlen oder Zöpfe abschnitten, um jederzeit mit Wonne daran riechen zu können. Unzählige sexuelle Geruchsvorlieben finden sich im Bereich des Pathologischen, wie Richard von Krafft-Ebing in seinen Werk Psychopathia sexualis zeigt, aber zeigt sich nicht in allen Krankhaften auch etwas Normales? Handelt es sich etwa bei Johann Wolfgang von Goethe nur um eine literarische Grille, wenn er seinen Faust im Liebesrausch Mephistopheles bitten läßt: "Schaff mir etwas vom Engelschatz! Führ mich an ihren Ruheplatz! Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust, Ein Strumpfband meiner Liebeslust!" Oder handelt es sich um einen weiteren Beweis seiner brillanten Menschenkenntnis oder gar um das eigene Ausleben olfaktorischer Sexualtriebe? Denn wer sich bei Goethe auskennt, der weiß, daß auch dieser dem Zauber bestimmter Menschengerüche erlag. In seiner Leidenschaft konnte Goethe nämlich nicht umhin, seiner Angebeteten, der Frau von Stein, ein Mieder zu entwenden. Getrieben wurde er von dem Wunsch, nach Lust und Laune daran riechen zu können. Man hat ihn wegen dieses Vorfalls, soweit ich informiert bin, nicht für krank erklärt, auch kam er ungestraft davon. Ganz anders erging es dagegen einem Dienstmädchen wegen eines ähnlichen Deliktes. Sie wurde vom Berliner Schöffengericht im Jahre 1895 zu 5 Mark Geldstrafe verurteilt, da sie aus dem Rock eines Gastes ihrer Herrschaft, in den sie unsterblich verliebt gewesen war, kurzerhand ein Stück herausgeschnitten hatte. Das schweißgetränkte Stück Stoff aus der Achselhöhle diente der Magd als "Liebeszauber", und sie pflegte es voller Wohlbehagen auf ihrem Busen zu tragen.[...]