Kurzbeschreibung
Klappentext
Über den Autor
Auszug aus Bote der Nacht von Dean R. Koontz, Bernhard Kleinschmidt. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Welt ist voll von kaputten Menschen. Gipsverbände, Schienen, Wunderdrogen und selbst die Zeit können lädierte Herzen, verwundete Seelen und zerrissene Gemüter nicht wieder heil machen.
Für Micky Bellsong war derzeit Sonnenschein die bevorzugte Medizin, und nun, in den letzten Augusttagen, war der Süden Kaliforniens eine gut sortierte Apotheke, die davon jede Menge vorrätig hatte.
Es war Dienstagnachmittag, und Micky rekelte sich hinter dem Trailer ihrer Tante Geneva auf einem Liegestuhl, bratfertig eingeölt und im Bikini. Das Nylongewebe des Gartenmöbels hatte einen Übelkeit erregenden Grünstich, außerdem hing es durch, und die Aluminiumgelenke ächzten, als wäre das Ding wesentlich älter als Micky. Sie war erst achtundzwanzig, fühlte sich manchmal jedoch uralt.
Ihre Tante, der das Schicksal alles geraubt hatte bis auf einen unerschütterlichen Sinn für Humor, bezeichnete die Rückseite ihrer Parzelle gern als ihren »Garten«. Das bezog sich offenbar auf den einsamen Rosenstrauch. Die Parzelle war breiter als tief, damit sich die volle Länge des riesigen Wohnwagens der Straße zuwenden konnte. Statt eines Rasens mit Bäumen zierte eine schmale, überdachte Terrasse den Vordereingang. Hier hinten erstreckte sich ein Rasenstreifen von einem Ende des Grundstücks bis zum anderen, bot allerdings gerade einmal dreieinhalb Meter Grün zwischen Tür und Zaun. Das Gras gedieh, weil Geneva es regelmäßig sprengte. Der Rosenstrauch hingegen schien auf liebevolle Zuwendung widerborstig zu reagieren. Trotz reichlich Sonnenschein, Wasser und Blumendünger und obwohl Geneva regelmäßig die Wurzeln belüftete und den Strauch von Zeit zu Zeit mit wohldosierten Mengen Insektizid behandelte, blieb er so dürr und unansehnlich wie jene seltsamen Gewächse, die Satan im Höllengarten mit Gift bewässert und mit reinem Schwefel düngt.
Der Sonne zugewandt, hatte Micky sich mit geschlossenen Augen bemüht, ihren Kopf von Gedanken zu leeren, war jedoch von penetranten Erinnerungen gepeinigt worden. Nachdem sie schon eine halbe Stunde gebrutzelt hatte, fragte auf einmal eine leise, freundliche Stimme: »Willst du dich umbringen?«
Micky wandte den Kopf in Richtung der Stimme und sah ein neun oder zehn Jahre altes Mädchen an dem niedrigen, baufälligen Lattenzaun stehen, der den Standplatz des Trailers von seinem westlichen Nachbarn trennte. Grelles Sonnenlicht verschleierte die Gesichtszüge der Kleinen. »Hautkrebs ist tödlich«, sagte das Mädchen. »Vitamin-D-Mangel auch.«
»Gar nicht.«
»Die Knochen werden weich.«
»Weiß schon, Rachitis. Aber Vitamin D kriegt man auch aus Thunfisch, Eiern und Milchprodukten. Das ist besser als zu viel Sonne.«
Micky schloss die Augen wieder, wandte das Gesicht dem tödlich lodernden Himmel zu und sagte: »Tja, ich hab auch nicht vor, ewig zu leben.«
»Warum?«
»Vielleicht ists dir noch nicht aufgefallen, aber das tut niemand. «
»Ich wahrscheinlich schon«, sagte das Mädchen.
»Wie soll das denn gehen?«
»Mit ein bisschen außerirdischer DNS.«
»Klar doch, du bist ein halber Alien.«
»Noch nicht. Zuerst muss ich Kontakt haben.«
Micky öffnete die Augen wieder und betrachtete blinzelnd den E.T.-Verschnitt. »Du hast zu viele Wiederholungen von Akte X gesehen, Kleine.«
»Ich hab nur noch bis zu meinen nächsten Geburtstag Zeit, sonst bin ich erledigt.« Das Mädchen ging an dem windschiefen Zaun entlang bis zu einer Stelle, an der er vollständig zusammengebrochen war. Es stieg über die am Boden liegenden Latten und kam auf Micky zu. »Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?«
»Ich weiß noch nicht mal recht, ob ich an ein Leben vor dem Tod glaube«, sagte Micky.
»Ich hab ja gewusst, du willst dich umbringen.«
»Will ich nicht. Ich klopfe bloß gern Sprüche.«
Auch nachdem das Mädchen von den zersplitterten Zaunlatten auf den Rasen getreten war, blieben seine Bewegungen unbeholfen. »Wir wohnen nebenan. Wir sind gerade eingezogen.
Ich heiße Leilani.«
Als Leilani näher kam, sah Micky, dass sie am linken Bein eine komplizierte Stahlschiene trug, die vom Knöchel bis übers Knie reichte.
»Ist das nicht ein hawaiischer Name?«, fragte Micky.
»Meine Mutter ist ziemlich verrückt nach allem, was aus Hawaii kommt.«
Leilani trug Khakishorts. Ihr rechtes Bein war gesund, aber das linke in der gepolsterten Stahlstütze sah missgebildet aus.
»Eigentlich«, fuhr Leilani fort, »ist die alte Sinsemilla das ist meine Mutter überhaupt ein bisschen verrückt. So ist das eben.«
»Sinsemilla? Das ist doch eine
«
»Art Marihuana. Vielleicht hat sie irgendwann in grauer Vorzeit Cindy Sue oder Barbara geheißen, aber seit ich sie kenne, nennt sie sich Sinsemilla.«
Leilani setzte sich auf den grässlich orange-blauen Sessel, der genauso altersschwach war wie Mickys galliggrüner Liegestuhl.
»Diese Gartenmöbel sind beschissen.«
»Tante Geneva hat sie von irgendjemandem umsonst bekommen.«
»Der hätte ihr noch was zahlen müssen, damit sie sie nimmt. Na ja, man hat die gute Sinsemilla früher mal in eine Anstalt gesteckt und ihrem Gehirn so was wie fünfzig- oder hunderttausend Volt verpasst, aber geholfen hat es nichts.«
»Du solltest nicht so ein Zeug über die eigene Mutter zusammenphantasieren.«
Leilani zuckte die Achseln. »Es ist aber die Wahrheit. So was Verrücktes könnte ich mir gar nicht ausdenken. Eigentlich haben sie ihr sogar gleich mehrere Elektroschocks verpasst.
Wenn sies noch ein einziges Mal öfter getan hätten, hätte die gute Sinsemilla wahrscheinlich Gefallen an Elektrizität gefunden. Dann würde sie jetzt zehnmal täglich den Finger in die Steckdose stecken. Sie ist eine suchtgefährdete Persönlichkeit, auch wenn sie es immer gut meint.«
Obwohl der Himmel ein wahrer Grillrost war und Micky vor Kokoslotion und Schweiß nur so glitschte, spürte sie jetzt die Sonne kaum mehr.
»Wie alt bist du, Kleine?«
»Neun. Aber ich bin frühreif. Wie heißt du?«
»Micky.«
»Das ist ein Name für einen Jungen oder eine Maus. Also heißt du wahrscheinlich Michelle. Die Frauen in deinem Alter heißen überhaupt meistens Michelle, Heather oder Courtney.«
»In meinem Alter?«
»War nicht bös gemeint.«
»Ich heiße Michelina.«
Leilani rümpfte die Nase.
»Wie edel.«
»Michelina Bellsong.«
»Kein Wunder, dass du dich umbringen willst.«
»Und daher: Micky.«
»Ich heiße Klonk.«
»Wie bitte?«
»Leilani Klonk.«
Micky legte den Kopf schräg und runzelte skeptisch die Stirn.
»Ich weiß wirklich nicht, ob ich das alles glauben sollte, was du mir da erzählst.«
»Manchmal sind Namen wie eine Bestimmung. Schau doch dich an. Zwei hübsche Namen, und du siehst aus wie ein echtes Model abgesehen von dem ganzen Schweiß und dass dein Gesicht aufgedunsen ist, weil du einen üblen Kater hast.«
»Danke
mehr oder weniger.«
»Ich dagegen, ich hab einen hübschen Namen, auf den ein Klatscher wie Klonk folgt. Eine Hälfte von mir ist ziemlich hübsch
«
»Du bist sehr hübsch«, sagte Micky.
Das war nicht gelogen. Goldenes Haar, Augen so blau wie Enzianblüten. Die Klarheit von Leilanis Gesichtszügen ließ erkennen, dass dies nicht die vergängliche Schönheit der Kindheit war, sondern Bestand haben würde.
»Nach der einen Hälfte von mir wird man sich eines Tages vielleicht umdrehen«, sagte Leilani, »aber das wird von der Tatsache aufgewogen, dass ich eine Mutantin bin.«
»Du bist keine Mutantin.«
Leilani stampfte mit dem linken Fuß auf den Boden, wodurch die Beinschiene leise schepperte. Dann hob sie die linke Hand: Sie war deformiert. Der kleine Finger und der Ringfinger waren zu einem einzelnen missgebildeten Glied verschmolzen, das durch eine dicke Schwimmhaut mit dem knorrigen Mittelfingerstummel verbunden war. Bisher war Micky diese Missbildung gar nicht aufgefallen.
»Jeder hat irgendeinen Makel«, sagte sie.
»Das ist aber was anderes, als wenn ich einen Riesenzinken hätte. Entweder bin ich ne Mutantin oder ein Krüppel, und ich weigere mich, ein Krüppel zu sein. Mit Krüppeln haben die Leute Mitleid, aber vor Mutanten haben sie Angst.«
»Du willst, dass man Angst vor dir hat?«
»Angst bedeutet Respekt«, sagte Leilani.
»Bisher schlägt die Nadel von meinem Angstmessgerät bei dir nicht gerade stark aus.«
»Das kommt noch. Du hast eine tolle Figur.«
Befremdet, so etwas von einem Kind zu hören, tarnte Micky ihr Unbehagen mit Selbstverachtung.
»Na ja, von Natur aus bin ich ein Riesenpudding. Ich muss mich echt anstrengen, um in Form zu bleiben.«
»Nee, musst du nicht. Du bist schon perfekt geboren, und du hast einen Stoffwechsel, der wie das Gyroskop im Spaceshuttle funktioniert. Du könntest jeden Tag ne halbe Kuh futtern und ein Fass Bier trinken, und trotzdem würde dein Hintern nur noch ein Stückchen knackiger werden.«
Micky konnte sich nicht daran erinnern, wann jemand sie das letzte Mal sprachlos gemacht hatte, aber von diesem Mädchen war sie so verblüfft, dass ihr fast die Worte fehlten.
»Wie kommst du darauf?«
»Das sehe ich«, sagte Leilani selbstsicher.
»Du joggst nicht, du machst kein Walking
«
»Ich mache Konditionstraining.«
»Ach ja? Wann hast du denn das letzte Mal trainiert?«
»Gestern«, log Micky.
»Klar«, sagte Leilani, »und ich hab die ganze Nacht Walzer getanzt.«
Sie stampfte wieder mit dem linken Fuß auf, um die Schiene zum Scheppern zu bringen.
»Man muss sich doch nicht schämen, wenn man einen tollen Stoffwechsel hat. Das hat ja nichts mit Faulheit zu tun oder so was.«
»Danke für dein Verständnis.«
»Deine Brüste sind echt, oder?«
»Kleine, du bist einfach umwerfend.«
»Danke. Die müssen echt sein; selbst die besten Implantate schauen nicht so natürlich aus. Falls die Implantationstechnik keine entscheidenden Fortschritte macht, kann ich nur hoffen, dass ich auch große Brüste kriege. Wenn man einen tollen Busen hat, ist man selbst als Mutantin für Männer attraktiv. Das hab ich jedenfalls beobachtet. Männer sind manchmal tolle Wesen, aber in bestimmter Hinsicht verhalten sie sich erbärmlich berechenbar.«
»Du bist neun, ja?«
»Mein Geburtstag war am achtundzwanzigsten Februar. Dieses Jahr war da gerade Aschermittwoch. Glaubst du an Fasten und Buße tun?«
Micky seufzte, dann lachte sie auf. »Wieso sparen wir uns nicht die Zeit, und du sagst mir einfach, an was ich glaube?«
»Wahrscheinlich an so ziemlich gar nichts«, sagte Leilani ohne jedes Zögern.
»Außer daran, dich zu amüsieren und den Tag totzuschlagen.«
Micky war sprachlos nicht nur wegen der scharfen Auffassungsgabe des Kindes, sondern weil es die Wahrheit so unverblümt formulierte, zumal es sich um eine Wahrheit handelte, der sie selbst lange ausgewichen war.
»Es ist ja nicht falsch, sich zu amüsieren«, sagte Leilani.
»Eins der Dinge, an die ich glaube, ist falls es dich überhaupt interessiert , dass wir auf der Welt sind, um das Leben zu genießen.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Echt. Die Männer müssen dir doch die Bude einrennen.«
»In letzter Zeit nicht mehr«, sagte Micky erstaunt, dass sie überhaupt geantwortet hatte, noch dazu so offenherzig. Ein schiefes Lächeln zuckte im rechten Mundwinkel des Mädchens, und eine unübersehbare Fröhlichkeit funkelte in den blauen Augen.
»Na, wünschst du dir jetzt nicht, dass du in mir eine Mutantin sehen könntest?«
»Wieso?«
»Solange du mich als behindertes Lotterkind siehst, kannst du vor lauter Mitleid nicht unhöflich zu mir sein. Könntest du mich dagegen als unheimliche und eventuell gefährliche Mutantin sehen, würdest du mir was erzählen, nämlich dass mich das Ganze einen Dreck angeht, um mich dann schleunigst auf unser Grundstück zurückzuschicken.«
»Du schaust tatsächlich immer mehr wie ne Mutantin aus.«
Leilani klatschte begeistert in die Hände.
»Ich hab doch gewusst, dass du ein bisschen Grips hast.« Mit einem Ruck stand sie auf und zeigte auf die andere Seite des Parzellenteils.
»Was soll denn das da darstellen?«
»Einen Rosenstrauch.«
»Ach, ehrlich?«
»Ehrlich. Es ist ein Rosenstrauch.«
»Ohne Rosen.«
»Die Anlagen dafür sind durchaus vorhanden.«
»Fast keine Blätter.«
»Dafür ne Menge Dornen«, sagte Micky.
Leilani zog eine Grimasse. »Jede Wette, der zieht mitten in der Nacht die Wurzeln ein und kriecht in der Gegend herum, um streunende Katzen zu fressen.«
»Schließt bloß eure Türen ab.«
»Wir haben keine Katzen.« Leilani zwinkerte mit den Augen.
»Ach.« Sie grinste. »Nur ein kleiner Scherz.« Sie krümmte die rechte Hand zur Imitation einer Klaue, zog sie kratzend durch die Luft und fauchte.
»Was hast du gemeint, als du gesagt hast, dann wärst du erledigt?«
»Wann soll ich das gesagt haben?«, fragte Leilani gespielt.
»Du hast gesagt, du hast nur noch bis zu deinem nächsten Geburtstag Zeit, dann bist du erledigt.«
»Ach, die Sache mit dem Kontakt zu den Aliens.«
Obwohl das keine abschließende Antwort war, wandte sie sich auf einmal von Micky ab und stelzte mit stählern geschientem Gang über den Rasen. Micky beugte sich aus dem schräg gestellten Liegestuhl vor.
»Leilani?«
»Ich rede viel, wenn der Tag lang ist. Und meistens nur Unsinn.« Vor der Lücke in dem baufälligen Zaun blieb das Mädchen stehen und drehte sich um.
»Sag mal, Michelina Bellsong, hab ich dich eigentlich schon gefragt, ob du an ein Leben nach dem Tod glaubst?«
»Da hab ich einen Spruch geklopft.«
»Genau, jetzt fällts mir wieder ein.«
»Und
wie stehts mit dir?«
»Was?«
»Glaubst du etwa an ein Leben nach dem Tod?«
Das Mädchen betrachtete Micky mit einem Ernst, den es bislang nicht zur Schau gestellt hatte, dann sagte es schließlich: »Sollte ich wohl lieber.«
Während sie über die liegenden Zaunlatten stakste und den vernachlässigten, von der Sonne ausgedörrten Rasen nebenan überquerte, wurde das leise Klicken und Quietschen ihrer Beinschiene immer schwächer, bis man es für die Unterhaltung der Insekten hätte halten können, die in der heißen, trockenen Luft emsig an der Arbeit waren. Nachdem das Mädchen in den benachbarten Trailer gestiegen war, saß Micky noch eine ganze Weile vorgebeugt auf dem Liegestuhl und stierte auf die Tür, durch die es verschwunden war.
Leilani war ein hübsches Bündel aus Charme, Intelligenz und Schnoddrigkeit, wenngleich diese Eigenschaften offenbar nur eine schmerzhafte Verwundbarkeit maskierten. Als Micky nun die Einzelheiten der Begegnung noch einmal durchging, musste sie lächeln, wenn auch nicht ohne ein vages Unbehagen. Es war ihr so vorgekommen, als wäre unter der Oberfläche der Unterhaltung eine verstörende, halb sichtbare Wahrheit hin und her geschossen wie ein flinker, dunkler Fisch, der schließlich ihrem Netz entkam.
Die pralle Hitze der späten Augustsonne umgab Micky, und sie fühlte sich, als würde sie in einem heißen Bad schweben. Der Duft frisch gemähten Grases sättigte die stille Luft die berauschende Essenz des Sommers. Aus der Ferne drang einschläfernd das grollende Summen des Autobahnverkehrs herüber, ein nicht unangenehmes Dröhnen, das man sogar mit dem rhythmischen Rauschen des Meeres verwechseln konnte. Eigentlich hätte Micky schläfrig werden sollen oder wenigstens lethargisch, aber ihre Gedanken rauschten noch eifriger als der Verkehr, und sie versteifte sich vor lauter Anspannung, einer Anspannung, die die Sonne ihr nicht auskochen konnte. Obgleich es augenscheinlich nichts mit Leilani Klonk zu tun hatte, erinnerte Micky sich auf einmal an etwas, was ihre Tante Geneva erst am Tag zuvor beim Abendessen gesagt hatte
»Sich zu verändern ist nicht einfach, Micky. Die eigene Lebensweise zu verändern heißt, zu ändern, wie man denkt; und die eigene Denkweise zu verändern heißt, das zu verändern, was man vom Leben hält. Das ist nicht einfach, Schatz. Wenn wir in unserem selbst gestrickten Unglück hocken, klammern wir uns manchmal regelrecht daran, obwohl wir uns eigentlich nach etwas anderem sehnen. Das Unglück ist eben etwas, was wir kennen. Das Unglück ist bequem.«
Micky, die Geneva gegenüber an dem Tischchen in der Essecke saß, hatte daraufhin zu ihrer eigenen Überraschung zu weinen begonnen. Es waren zwar keine herzzerreißenden Schluchzer gewesen, aber immerhin ein verhaltenes Weinen. An ihren Wangen liefen heiße Tränen herab, und sie sah den Teller mit hausgemachter Lasagne nur noch verschwommen vor sich. Während dieses stillen, salzigen Unwetters hielt sie ihre Gabel in Bewegung. Irgendwie weigerte sie sich, das zu akzeptieren, was da gerade mit ihr geschah. Seit ihrer Kindheit hatte sie nicht mehr geweint. Sie hatte gedacht, das hinter sich gelassen zu haben, da sie zu zäh sei für Selbstmitleid und zu abgehärtet, um von der Not anderer berührt zu werden. Wegen der Schwäche, die sie zeigte, wütend auf sich selbst, aß sie mit grimmiger Entschlossenheit weiter, obwohl sich ihr die Kehle vor heftigen Gefühlen so zusammenzog, dass sie kaum mehr schlucken konnte. Für Geneva, die das stoische Wesen ihrer Nichte kannte, waren die Tränen offenbar trotzdem nicht überraschend gekommen. Allerdings verzichtete sie auf einen Kommentar, wohl weil sie wusste, dass kein Trost erwünscht war. Nachdem der Schleier vor Mickys Augen wieder verschwunden war und sie den Teller leer gegessen hatte, gelang es ihr endlich, etwas zu sagen.
»Ich kann tun, was ich tun muss. Ich kann es dahin schaffen, wo ich hin will, egal, wie schwer es ist.«