Eine beachtliche Zahl an veröffentlichten Liedern und Videos, die millionenfach auf Youtube bestaunt wurden, Interviews, Promo-Videos und und und... Nie zuvor gelang es Kollegah, bereits vor Albumrelease für so viel Gesprächstoff und Vorfreude zu sorgen, wie mit "Bossaura". Mich würde es nicht wundern, wenn Kollegah mit seinem neuen Album sehr hoch in die Charts einsteigt, da er mit seiner aufwändigen Albumpromo und Tour momentan alle anderen in der Rapszene in den Schatten stellt.
Doch bei so viel Promo steigen folglich auch die Erwartungen an "Bossaura". Als jahrelanger Kollegah-Fan muss ich zugeben, dass meine Erwartungen an das Album leider nicht bestätigt wurden. "Bossaura" ist keineswegs ein schlechtes Album und raptechnisch sind die Tracks nicht selten "typisch Toni", dennoch bleibt mir nach einer Woche Reinhören immer noch der Eindruck, dass Kollegah mit den vor Release veröffentlichten Tracks seine komplette Munition verschossen hat.
Es fühlt sich an wie ein grandioser Trailer zu einem durchwachsenen Film. Zwar können neben den bereits bekannten Glanzstücken "Bossaura", "Mondfinsternis", "Flex, Sluts, Rock'n'Roll" und "Business Paris" auch Tracks wie "Für Immer" "Billionaire's Club", "Drugs in den Jeans" und "Undercover" mit Wortspielen, Vergleichen, Ohrwurmcharakter und teilweise blitzschnellen Doubletimepassagen überzeugen, dennoch lassen sich auch diesmal Lieder finden, bei denen man meinen könnte, sie wurden nur der Quantität halber auf das Album gepackt.
Wenn ich Kollegah in Interviews sagen gehört hab, er sei mit dem Album so zufrieden wie nie zuvor, so frage ich mich einfach, warum es dann "I.H.D.P." mit einer völlig blamablen Hook, und die eher unauffälligen Tracks "H&F", "Kokayne" und "Bad Girl" (womöglich ein Pendant zum Fehltritt "Bad Boy" aus dem 2008 erschienen Album "Kollegah") überhaupt in das Album geschafft haben.
Auffällig am Album ist das vielerlei zum Einsatz gebrachte Autotune, das von manchen schon als "missbraucht" beschimpft wird. Ein Feature, das dem einen oder anderen Song ein wenig Glanz hinzu gibt, wie in der Hook von Mondfinsternis zum Abschluss oder der Hook von Flex, Sluts, Rock'n'Roll, mit dem allerdings in anderen Songs aber maßlos übertrieben wird, siehe "I.H.D.P."
A Propos Feature: Nachdem es Kollegah vor drei Jahren mit "Kollegah" auch ohne Rap-Features gelungen ist, den Zuhörer zu unterhalten, so wünsche ich mir für das nächste Album bzw. Mixtape, dass er wieder ein wenig in diese Richtung tendiert, da ich nach dem Anhören von "Kokayne" feat. Locke, SunDiego und John Webber und "Kobrakopf" u.a. feat. Haftbefehl keinen großen Gefallen an den Features finden kann. Dies soll kein weiteres Klagelied gegen das Haftbefehl-Feature sein, mehr soll es bedeuten, dass die Features unpassend wirken und die Songs somit unharmonisch klingen. Auf der anderen Seite wurden der Franzose Ol Kainry in "Business Paris" und Farid Bang, auch in "Kobrakopf", gut integriert, doch leider enttäuscht Farids Part und erinnert eher weniger an die Leistung im Kollaboalbum "Jung, Brutal, Gutaussehend" von 2009.
Und so entwickelt sich für mich der Gesamteindruck des Albums. Auf der einen Seite haben wir das Punchline-Massaker "Bossaura" und den Doubletime-Track "Mondfinsternis", die uns auch nach Jahren beweisen werden, dass in Sachen Punchlines und Raptechnik niemand Kollegah das Wasser reichen kann. Auf der anderen Seite enttäuschen mich Tracks wie "Kokayne", "Bad Girl" und "I.H.D.P.".
Letztendlich lässt sich sagen, dass Kollegah im Laufe der Jahre viel experimentiert hat und das seine Vor- und Nachteile hat. Ich finde es schade, dass gute Tracks oder solche mit gutem Beat oder sonstigem Potenzial am Experimentieren scheitern. Als Beispiel bediene ich mich ein letztes Mal an "I.H.D.P", dessen Inhalt und Beat gut zusammenpassen und von der Hook leider unhörbar gemacht werden. Erfreulich ist dennoch, dass Kollegah in "Bossaura" aus seinen Fehlern von früher gelernt hat. Seine Tracks bestehen nicht mehr zu 90% aus eintönigen Beats des Selfmade-Records-internen Produzenten Rizbo und bis auf ein paar Ausnahmen hat sich Kollegah bei den Hooks ein wenig mehr Mühe gemacht als sonst. Erfreulich könnte demnach auch sein, dass Kollegah auch diesmal für die Zukunft lernt und erkannt hat, dass er sich an übersprudelndem Autotune und Hooks à la SunDiego die Finger verbrannt hat. Wir dürfen hoffen.