Alexander Borodin (1833-1887) war nur nebenher Komponist. Hauptsächlich betätigte er sich als Naturwissenschaftler, wo er auch einige bedeutende Erfolge erzielte. So brachte er sich das Komponieren autodidaktisch bei. Zusammen mit César Cui, Nikolay Rimsky Korsakov, Modest Mussorgsky und Mili Balakirev gehörte dem sogenannten "Mächtigen Häuflein" an, das danach strebte, eine originale russische Musik zu schaffen, die sich auf den Vater derselben, Mikhail Glinka, besinnt. Er stand damit beispielsweise in Opposition zu so großen Tonsetzern wie Peter Tchaikovsky.
Dabei enthalten nicht alle seiner wenigen Kompositionen original Russisches. Auch in seinen Orchesterwerken war er dafür zu stark darauf bedacht, Individuelles zu schaffen. Und das gelang ihm trefflich.
Seine erste Sinfonie in Es Dur eröffnet mit einem thematisch überreichen Satz, der immer wieder ins Stocken gerät. Dahingegen ist das Scherzo viel ziselierter und pittoresker in seiner sehr gehenden Anlage.
Herz des Stückes ist das Andante, das mit einem singenden und berührenden Cellosolo aufwarten kann. Den Abschluss bildet ein leichtfüßiges Allegro.
Ein Werk, das nach wie vor größtenteils vernachlässigt wird, ist die zweite Sinfonie in h moll. Dabei steckt sie voller Lyrik und Tiefsinn, das beweist schon der schwelgerische und zugleich herbe Kopfsatz. Wieder ist das Scherzo extrem schnell.
Das Andante ist ein wahrer Quell an Einfall und Ruhe und auch das Finale ist espritvoll und keck. Eine wahrlich herausragende Sinfonie!
Seine dritte Sinfonie in a moll konnte Borodin nicht mehr fertig stellen. Nur ein kerniger Kopfsatz und ein vielgestaltiges, mitreißendes Scherzo sind erhalten.
Neben den Sinfonien sind noch einige andere Orchesterwerke Borodins eingespielt. Zunächst die überaus bekannten "Polovetser Tänze" aus seiner unvollendeten Oper "Prinz Igor", deren Gesamtanlage harmonisch und in sich geschlossen wirkt. Borodin schöpft hier eine breite Palette an Klangfarben und Stimmungen aus, die durchaus nachvollziehen lassen, weswegen die Tänze bereits ihrerzeit so beliebt waren.
Weiterhin bietet die Doppel CD eine kleine Suite, die erst nachträglich von Alexander Glazunov orchestriert wurde. Das abwechslungsreiche Stück steht in der Tradition gängiger Suiten, die ja zu Lebzeiten des Komponisten nicht gerade ein populäres Betätigungsfeld waren. Der russische Tonsetzer allerdings beweist, dass auch die Suite ihre Berechtigung hat. Besonderes Lob verdient deswegen natürlich die Orchestrierung.
An Lyrik und Wärme reich sind sowohl die Romanze für Bariton und Orchester - wieder von Glazunov orchestriert - und die Romanze für Mezzosopran und Orchester "In der Heimat anderer Völker" - Borodin betätigte sich ja nebenbei auch noch als Ethnologe, wie seine bekannte "Steppenskizze aus Zentralasien" zeigt.
Die Einspielung dieser zu Unrecht vernachlässigten Stücke unternimmt das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter der Leitung des großen Gennady Roshdestvensky. Ihr Spiel ist euphorisch, technisch brillant und wie entfesselt. Roshdestvensky erfasst das slawisch Herbe in Borodins Kompositionen, nuanciert farbenreich und akzentuiert haarscharf, wobei er in der Regel gemessene Tempi wählt. Mit Tord Wallström (Bariton) und Larissa Dyadkova (Mezzosopran) kann er zudem auf zwei perfekte Solisten zurückgreifen. Die Aufnahmequalität dieser 1993/ 1994 entstandenen Einspielungen ist herausragend und glasklar.
Fazit: Diese Doppel CD ist die Gelegenheit, einen umfangreichen und erquickenden Eindruck von den Orchesterwerken des fast vergessenen Alexander Borodin zu erheischen.