Der Anlass für diese Rezension, die eher eine Hommage ist, ist ein trauriger: Im Alter von 69 Jahren ist Clarence Clemons, liebevoll Big Man genannt, an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben. Grund genug dieses Album, das für alle Rockmusikkritiker als eines der besten Rockalben aller Zeiten gilt, nochmals entsprechend zu würdigen, denn dies ist ganz klar auch Big Man's Album. Das zeigt sich schon an dem Cover, denn es ist bis heute das einzige Springsteen-Cover, auf dem neben Springsteen selbst ein weiteres Mitglied der E Street Band, nämlich der Big Man höchstpersönlich, zu sehen ist. Wie sich Springsteen an die Schulter des Big Man lehnt ist Ausdruck, wie sehr dieses Album auf dem Saxophon des Big Man aufgebaut ist. Es wird bis heute das Album von Springsteen sein, in dem in fast jedem Song das Saxophon eine tragende Rolle spielt. Später wurde es nur noch vereinzelt, zum Teil auch gar nicht verwendet.
Born To Run war 1975 der große Durchbruch für Springsteen. Nach zwei von den Kritikern zwar gelobten, kommerziell aber gefloppten Alben - das Debut Greetings from Asbury Park und das im gleichen Jahr erschienene The Wild, the Innocent and the E Street Shuffle - musste es mit dem nächsten Album klappen, ansonsten hätte die Plattenfirma damals Springsteen fallen lassen. Also arbeitete er wieder wie ein Besessener an den Songs für BTR, sehr schön zu verfolgen auf der DVD-Doku Wings for Wheels. Im Gegensatz zu anderen Alben entstanden auf BTR die Songs nicht an der Gitarre sondern am Klavier. So verwundert es nicht, dass neben dem Saxophon das Klavier von Roy Bittan heraussticht.
Mit BTR hat Springsteen den Wall of Sound eines Phil Spectors versucht zu imitieren, was ausgezeichnet gelungen ist und eben dazu geführt hat, dass das Saxophon eine so große Rolle spielt, aber auch andere, in der Rockmusik eher selten eingesetzte Instrumente wie z. B. das Glockenspiel zum Einsatz kommen.
Thunder Road: Das Album beginnt mit einem der besten Songs, die Springsteen je geschrieben hat. Es geht um Mary (You ain't a beauty, but hey you're alright, Oh and that's alright with me), mit der Springsteen der Öde der Kleinstadt entfliehen will (On the wind, so Mary climb in, It's a town full of losers and I'm pulling out of here to win) und endlich etwas Großes erreichen will. Kann ein Song romantischer sein? Der Song beginnt langsam, steigert sich immer weiter, das Saxophon setzt ein, bevor der Song an seinem Höhepunkt endet. Für immer ein Klassiker, ein Song, der übrigens ohne Refrain auskommt, weil Springsteen diesen vergessen hat, wie er mal zugegeben hat.
Tenth Avenue Freeze-Out: Der Song, der wie kein anderer für die E Street Band steht. Hier wird die Geschichte der Band erzählt. Der Scooter in dem Song ist Springsteen selbst:
When the change was made uptown
And the Big Man joined the band
From the coastline to the city
All the little pretties raise their hands
I'm gonna sit back right easy and laugh
When Scooter and the Big Man bust this city in half
Es ist einer der souligsten Songs von Springsteen. Später hat er mit Mary's Place und Livin' in the future ähnliche Songs geschrieben. An das Original kommen sie aber nicht heran. Unvergesslich auch, als mit diesem Song das Konzert am 20.7.2008 im Camp Nou in Barcelona eröffnet wurde: Bevor Bruce und der Big Man als letzte auf die Bühne kommen, singen 80.000 minutenlang die ersten Akkorde. Gänsehaut pur!
Night: Ein vom Saxophon getriebener Rocker mit einem typischen Text für Springsteen. Man geht zur Arbeit, wartet die ganze Woche auf das Wochenende, um sich ein Mädchen zu suchen und die Nacht zu überleben. Grandioser Rock-Song, der gerne als Konzert-Opener dient und hierzu wunderbar funktioniert.
Backstreets: Der einzige Song auf BTR, auf dem das Saxophon nicht wahrzunehmen ist. Dennoch zählt Backstreets zu den besten Springsteen-Songs überhaupt. Nicht umsonst heißt das Fan-Magazin und die bekannteste Springsteen-Fan-Webseite so. Der Song beginnt mit dem wunderbaren Klavier-Intro, steigert sich immer weiter bis zum Gitarrensolo, bevor sich das sich mehrfach wiederholende 'Hiding on the backstreets' zum Finale erhebt. Inhaltlich geht es um (gebrochene) Freundschaft zwischen 'Me' und 'Terry', wobei nicht ersichtlich ist, ob Terry ein Mann oder eine Frau ist. Ist aber auch egal, der Song wirkt bei beiden Geschlechtern. Während der Darkness-Tour 1978 hat Springsteen noch das 'Sad Eyes', eine frühe Version von Drive all Night, das später auf the River erscheinen sollte, eingebaut und so den Song auf 13 Minuten ausgedehnt, was den Song in eine noch höhere Dimension an Intensität und Emotionalität katapultiert hat. Schade, dass auf der Live 1975-85-Box dieser Teil aus der Backstreets-Aufnahme aus dem Roxy rausgeschnitten wurde.
Born to Run: Der Titel-Track! Zu Recht gilt er als einer besten Rock-Songs aller Zeiten. Aus Mary aus Thunder Road wird hier Wendy. Letztlich ist es aber inhaltlich eine Fortsetzung von TR. 'Tramps like us, Baby we were born to Run'. Auch hier ist das Saxophon vom Big Man das treibende und herausragende Instrument. Welcher Teenager/Twen kann sich mit diesem Song nicht identifizieren?
She's the One: Ein an Buddy Holly's 'Not Fade Away' erinnernder Rock-Song, der dermaßen unter die Haut geht. Live wird der Song in vielen verschiedenen Varianten dargeboten, mal mit mehr Gitarren, mal mit Harmonica, aber immer begleitet mit dem Saxophon. Ein weiterer Klassiker.
Meeting across the River: Ein jazziger, langsamer und melancholischer Song über einen Drogendealer, der im Gesamtkontext etwas aus dem rockigen Rahmen fallen mag. Der Song ist aber immer im Zusammenhang mit dem darauf folgenden Jungleland zu sehen und dann funktioniert er auch. Man kann ihn auch als Prolog von Jungleland ansehen. Folglich wurde der Song auch m. E. nie alleine live aufgeführt, sondern nur immer im direkten Zusammenhang mit Jungleland.
Jungleland: Dieser Song wird für immer und ewig mit dem Big Man in Zusammenhang gebracht werden. Diese über 9 Minuten lange Rock-Oper mit dem über zweieinhalb Minuten langen Sax-Solo ist Big Man's musikalisches Vermächtnis für die Rock-Ewigkeit. Jungleland ist bis heute der von der Komposition her komplexeste Song, den Springsteen geschrieben hat. Da ist alles drin: Rock'n Roll, Soul, Klassik, Ballade und soooo viel Gefühl. Jeder, der es nicht gesehen hat, sollte sich die Performance dieses Songs auf der Live-at-Hyde-Park-DVD ansehen und am Ende darauf achten, wie 50.000 Festival-Fans an den Lippen von Springsteen hängen und den letzten Tönen lauschen. Wer da keine Gänsehaut bekommt, der muss aus Eis sein.
Nach 'nur' 8 Songs und rund 40 Minuten ist Schluss. Hinter einem liegt das umwerfendste, emotionalste Rock-Album, das ich bis heute kenne. Möglich war das nur durch den unvergesslichen Clarence 'Big Man' Clemons. Danke!
Die E Street Band wird es m. E. nicht mehr geben können, nachdem ihr wichtigstes Bestandteil - Big Man - verstorben ist. Danny Federici, der bereits 2008 verstorben ist, konnte noch ersetzt werden, da er nicht umsonst den Spitznamen 'Phantom Dan' hatte. Aber mit `C` ist eine tragende Säule, vor allem was die Präsenz auf der Bühne anbelangt, weg, die nicht ersetzt werden kann. Es ist ein trauriger Tag für alle Springsteen-Fans, aber die Musik vor allem dieses Albums und die vielen schönen KOnzert-Erinnerungen bleiben uns für immer und ewig erhalten.
RIP Big Man!