--- Total Gaga wie eh und je ---
Als bestes Album des Jahrtausends von Lady Gaga hochtrabend angekündigt, liegen die Erwartungen natürlich dementsprechend hoch. Da erscheint es nur recht und billig, BORN THIS WAY mit einem Song zu eröffnen, der ordentlich knallt und ihren eigenen Stil trägt. Mit MARRY THE NIGHT ist ihr das tatsächlich gelungen, denn der Track klingt schlichtweg hitverdächtig. Synthetische Orgelklänge im Hintergrund, die beizeiten bis zum Ärgsten verzerrt werden, schaffen eine düster angehauchte Atmosphäre, die man schon vom THE FAME MONSTER-Album kennt.
Fast genauso düster wirkt die Mitempo-Ballade BLOODY MARY, die zusätzlich noch melancholische Spitzen besitzt. Wenn man SO HAPPY I COULD DIE von ihr kennt, weiß man, wovon ich rede.
HAIR hat meiner Meinung nach ebenfalls das Potential zu einer Erfolgssingle. Der Text über das eigene Selbstwertgefühl ist ein Grundthema des Albums, das auch schon in der ersten Auskopplung BORN THIS WAY behandelt wird. Dieser wird eingebettet in ein klar strukturiertes Synth-Pop-Klangbild mit Saxophoneinschlägen.
Es ist eigentlich recht paradox, dass man viele Tracks des Albums nur kurz anspielen muss und sie sofort dem Hit-Phänomen Lady Gaga zuordnen kann. In Anbetracht dessen, dass ihr jahrelanger Produzent RedOne gerade einmal in drei der siebzehn Songs die Hände im Spiel hatte, ist dies schon erstaunlich. Die Entertainerin ist somit nicht bloß ein Püppchen mit schrägen Outfits und einem cleveren Produzententeam, das die Kreativarbeit für sie übernimmt. Sie übernimmt wohl das Meiste und schreibt den Großteil ihrer Texte selbst - genial!
--- Mut zur Hässlichkeit als Basis für die besten Tracks des Albums ---
Hört man GOVERNMENT HOOKER das erste Mal, fällt das Urteil darüber sicherlich vernichtend aus: hässlich, schnell weiter! Gewährt man dem Track aber einige Runden mehr, so entpuppt er sich zusammen mit SCH**ßE als hochgradig süchtig machendes Highlight der Platte.
Robbie Williams' RUDEBOX versus Britney Spears' GIMME MORE ergeben einen harten Ohrwurm, der repräsentativ für die gesamte Platte steht: scheußlich-schön. Dabei kommt der Song ohne viel Text aus... Was man jedoch zu hören bekommt, ist eine höchst versaute Ode an die gleichzeitig legendäre wie verheißungsvolle Affäre von Marilyn Monroe mit Präsident John F. Kennedy. Die reinste Selbstinszenierung - so kennen und lieben wir die Gaga.
Nun zum anderen Anspieltipp Numero Uno SCH**ßE: Feinster Eurodance-Trash mit leicht abgedrehten Techno-Elementen, dazu ein sehr künstlerisch freier Text (ihre Versuche Deutsch zu sprechen, muten wie die eines betrunkenen Franzosen an) und die Kaka ist wortwörtlich am Dampfen. Hier zeigt die Gaga nur zu deutlich, wie experimentell sie auf ihrem zweiten richtigen Studio-Album zu Gange geht und ab und an die Regeln des Pop zu ihren Gunsten abändert. Es muss nämlich nicht alles schön klingen, um eingängig zu sein.
--- Schon einmal gehört: Lady Gaga zollt Tribut ---
Dass die Hitsingle BORN THIS WAY einen gehörigen EXPRESS YOURSELF-Charakter von Madonna aufweist, ist hinlänglich bekannt, genauso wie die Tatsache, dass die Folgesingle JUDAS Material ihres eigenen Hits BAD ROMANCE wiederverwertet.
Auf dem Album gibt es allerdings noch weitere Titel, die man irgendwo schon einmal gehört haben könnte. YOÜ AND I, eine rockige Country-Ballade mit dem legendären Klopfgeräusch aus Queens WE WILL ROCK YOU, bleibt dabei offiziell der einzige Song, der laut Produktionsnotizen einen fremden Sample benutzt. Parallelen zu anderen Welthits bestehen jedoch trotzdem. In Internetforen rund um die Welt wird über einen der drei Bonustracks dieser Deluxe Edition FASHION OF HIS LOVE diskutiert. Er hätte gut und gerne in den Spätachtzigern bzw. Frühneunzigern aufgenommen worden sein. Lady Gaga hatte angeblich an Whitney Houston gedacht, als sie den Song eingesungen hat, wodurch er nicht von weither an I WANNA DANCE WITH SOMEBODY erinnert.
THE EDGE OF GLORY, eine wunderschöne Midtempo-Ballade, die die Sängerin ihrem verstorbenen Großvater gewidmet hat, könnte man ebenfalls einer Zeit zuordnen - und zwar punktgenau ins Jahr 1990 als Nick Kamen mit I PROMISED MYSELF seinen wohl größten Erfolg feierte. Ich finde es erstaunlich, dass über die Ähnlichkeiten mit diesem Lied noch keine Debatten geführt wurden, denn sie sind meiner Meinung nach auf jeden Fall vorhanden.
--- Was funzt nicht? ---
Im Allgemeinen hat jeder einzelne Titel der Deluxe Edition seine Daseinsberechtigung auf BORN THIS WAY verdient. Lediglich zwei Titel wissen nicht ganz zu überzeugen.
AMERICANO, mit südländischem Flair und einigen spanischsprachigen Passagen, fehlt es irgendwie noch an dem letzten Schliff um vollends zu überzeugen während HEAVY METAL LOVER die Platte ab- denn aufwertet. Ganz lasch dümpelt der Titel vor sich hin.
Die Bilanz an guten Songs überwiegt jedoch um ein Vielfaches, sodass man diese zwei Titel ohne großartige Verluste überspringen kann. Es gibt schließlich genügend Kompensation.
--- Zur Präsentation auf Vinyl ---
Bislang listet Amazon die Schallplattenausgabe von BORN THIS WAY aus mir unbekannten Gründen noch nicht auf. Sie ist aber auch in Deutschland mittlerweile problemlos zu bekommen und trägt dasselbe Cover wie die der Deluxe-CD (Gagas Gesicht in Schwarzweiß mit den akzentuierten geöffneten roten Lippen).
Die Vinyl-Edition verfügt über alle Bonustracks auf zwei 180g-Platten. Die Remixe der Deluxe-CD fehlen allerdings. Die Schallplatten werden in zwei Kartonärmeln, sogenannten Cardboard-Sleeves, aufbewahrt und sind noch mit je einem roten Staubschutz umhüllt. Diese Schutzhüllen tragen die Produktionsnotizen auf der einen Seite und auf der anderen den Spruch "This Album Is For Ü". Damit hat man meines Erachtens nach wertvollen Platz für die Songtexte, die hier leider vollends fehlen, verschwendet.
Das fragwürdige Motiv der Einzel-CD-Ausgabe mit Lady Gaga auf/in dem Motorrad ist übrigens dann ersichtlich, wenn man die Verpackung in der Mitte aufklappt.
Wer auf unzensierten Spaß hofft, wird auch auf Vinyl enttäuscht. Genauso wie der Inhalt der CDs wurde der der Platten an den entsprechenden Stellen entschärft (beispielsweise zu Beginn von BAD KIDS oder die Piepser am Ende von GOVERNMENT HOOKER). Im Radio kann man die Lücken ja noch verstehen und tolerieren, aber auf CD und Vinyl?! Da fühlt man sich als Käufer einfach nur verschaukelt.
Alles in allem ist die Deluxe Edition auf CD lohnender als die auf Schallplatte, zumal Letztere hierzulande im Regelfall wesentlich teurer ausfällt.
--- Fazit ---
Insgesamt betrachtet stellt BORN THIS WAY eine mutige und experimentierfreudige Platte der modernen Pop-Ikone Lady Gaga dar, die den trashigen Electro-Pop-Mainstream 2011 definiert und zwielichtige Hommagen an die Vergangenheit aufweist.
Obwohl das Album nicht wirklich das beste des Jahrtausends ist und obwohl es wie THE FAME MONSTER weniger organisch klingt, besitzt es doch genügend Substanz und Tiefe um sich von anderen Synth-Pop-Veröffentlichungen der Gegenwart (wie z.B. vom Debüt von Kesha) zu unterscheiden. Man merkt einfach, dass Lady Gaga bei all den Produzenten stets das Heft in der Hand behält. Der Hype um sie ist definitiv gerechtfertigt, ob man ihm nun überdrüssig ist oder nicht. Ich bin gespannt, wie die Gaga uns in Zukunft unterhalten wird.