Mittlerweile hat "Born Into The 90's" schon stolze 20 Jahre auf dem Buckel. Der Hauptgrund, warum ich dazu heute noch eine Review schreibe sind die anderen Rezensionen, bei denen ich etwas das Gefühl habe, dass deren Verfasser mit eventuell etwas weniger Background-Wissen an das Album heran getreten sind. Daher möchte ich vorerst einige allgemeine Punkte ansprechen, bevor ich auf die eigentliche Musik eingehe.
Zunächst einmal sein angemerkt, dass es sich bei dieser Platte um kein reines Solo-Album handelt, was man dem Cover schon entnehmen kann. R. Kelly hat sich für "Born Into The 90's" mit der ebenfalls aus Chicago stammenden Gruppe Public Announcement zusammen getan. Diese dienten in erster Linie für Background-Gesang und als Tänzer. Der Meister selbst war nie richtiges Mitglied und stellte sich zudem über die Band, was der Künstlername 'R. Kelly & Public Announcement' erkennen lässt. Als Hauptact und (fast) alleiniger Produzent ist das aber keine Überraschung. Im Gegensatz zu seinen Werken ab 1995 rappt R. Kelly noch relativ viel, was Fans, die ihn erst danach kennen gelernt haben, aufgrund der anderen Stimmlage vielleicht etwas verstört.
Musikalisch ist "Born Into The 90's" dem hierzulande nicht ganz so bekannten New Jack Swing - gepaart mit R&B - einzuordnen. New Jack Swing war eine flotte Kombination aus Hip Hop Beats mit etwas poppigeren Klängen. Ein Stil, der lediglich in einer kurzen Zeitspanne zwischen Ende der 80er und Anfang der 90er so wirklich populär war (Bobby Brown, Guy, Janet Jackson, Keith Sweat, Al B. Sure! usw.). Dieses Album passt perfekt in die damalige Zeit, ist weder ein Experiment von R. Kelly, noch eine Jugendsünde. Zudem erreichten die Verkaufszahlen Platin-Status. Einflüsse davon waren später auch noch auf
"12 Play" zu hören. Zugegenermaßen sind so ziemlich alle New Jack Swing Platten schlecht gealtert, da die Musikrichtung relativ schnell ausgestorben ist und sich heutzutage eher wie ein Relikt vergangener Tage für Black Music Nostalgiker anhört. Ich zähle mich jedoch zu den Fans des NJS und als solcher weiß ich "Born Into The 90's" sehr zu schätzen.
Nun aber zu den einzelnen Songs. Der Beginn fällt mit "She's Loving Me" schon wirklich großartig aus. Ein tanzbarer Beat trifft auf eingängige Grooves, die einen sofort packen und dabei das erste Mal die durchaus gelungene Zusammenstellung von R. Kelly und Public Announcement aufzeigt. Gleich mit dem nächsten Track, "She's Got That Vibe", übertrifft sich das Quartett selbst. Die Grundformel ist die selbe wie bei "She's Loving Me", allerdings wirkt das komplette Stück noch harmonischer und groovender. Die Refrain-Parts von Public Announcement sind kraftvoller und durch die letzte Strophe von R. Kelly, die er rappt, kommt noch ein recht fetziges Element hinzu. "Definition Of A Hotti" ist insgesamt Hip Hop lastiger. Das liegt nicht nur an die vielen Raps, sondern auch an den härtern Drums. R&B-Einflüsse kommen dennoch nicht zu kurz.
Fans von R. Kellys romantischeren Sachen bekommen mit "I Know What You Want" zumindest in lyrischer Hinsicht den Gentleman späterer Tage zu hören. Die Produktion hat allerdings einen ordentlichen Drive, was sich jedoch gut in das Gesamtbild des Albums einfügt. Richtig lässig und funky wummert der Titelsong "Born Into The 90's" aus dem Speaker. Es erinnert ein wenig an den Westküsten Hip Hop Anfang der 90er und ist gleichzeitig eines der nur 2 Lieder, die sich nicht um Ladies drehen. Es werden die ersten Schritte der Karriere reflektiert. Im krassen Gegensatz dazu steht die Palette an Slow Jams in Form von "Slow Dance", "Dedicated" und "Honey Love". Mit deutlich herunter geschraubtem Tempo lassen R. Kelly und seine Barden schnell eine entspannte und zugleich erotische Atmosphäre aufkommen, die sich für gemeinsame Stunden im Schlafzimmer, vor dem Kamin oder im Pool eignet. Als kleines Highlight zum Schluss bietet die Tracklist mit dem fröhlichen "Hey Love (Can I Have A Word)" (feat. Mr. Lee) noch einen Hit, der dazu veranlasst, nach seinem Ende noch einmal die Play-Taste zu drücken.
"Born Into The 90's" ist insgesamt ein gelungenes und hörenswertes NJS/R&B Album. Die Megahits, die R. Kelly während seiner Solo-Karriere zu Haufe schrieb, darf man hier noch nicht erwarten - dafür war der Sound einfach noch nicht eigenständig genug und die Lyrik zu flach. Nichts desto trotz macht dieses Werk Spaß, sofern man weiß, worauf man sich einlässt.