Es gibt von Mussorgskij's "Boris Godunow" nur sehr wenige, in jüngerer Zeit und mit moderner Technik produzierte Gesamtaufnahmen. Sehr viele Boris-Aufnahmen stammen aus den 40er und 50er Jahren und sind nur historisch von Bedeutung. Unter den neueren finden sich zudem ein paar Einspielungen in der Rimskij-Korsakow-Fassung, die heute aufgrund ihrer "ästhetisierend-glättenden" Klanggestaltung und der (völlig unnötigen) Streichungen gottseidank zunehmend seltener zu sehen und zu hören ist. Die Beste darunter ist vermutlich noch die Karajan-Aufnahme von 1965 mit Nicolaj Ghiaurov in der Titelrolle.
Von der Mussorgskij'schen Originalfassung von 1869/1872 gibt es überhaupt nur drei Einspielungen aus jüngerer Zeit: 1.) Die Einspielung von Valerij Gergiev mit einer reinen Marinskij-Theater-Besetzung, die deutliche Mängel aufweist, 2.) die Abbado-Aufnahme mit Anatolij Kocherga in der Titelrolle und 3.) die hier vorliegende Aufnahme mit dem kongenialen Martti Talvela als Boris.
Martti Talvela ist in der Titelrolle wohl die Idealbesetzung! Keiner singt diese Rolle so expressiv, so berührend und in manchen Passagen so lyrisch wie Talvela! Das ist höchstes sängerisches Niveau. Selbst Nicolai Ghiaurov (bei Karajan) erreicht dies nicht.
Die weiteren Sänger dieser Aufnahme - allen voran Nicolai Gedda in der Rolle des Grigorij Otrepjev, aber auch Leonard Mroz als Pimen, Bozena Kinasz als Marina, Andrzej Hiolski als Rangoni und Aage Haugland als Varlaam - machen diese Einspielung zu einem absoluten Geheimtip und zu DER Referenzaufnahme schlechthin, an der sich andere Aufnahmen erst noch messen müssen - selbst diejenige von Abbado!
Ein ganz besonderer Glanzpunkt in einer kleinen Rolle ist Paulos Raptis als Gottesnarr. Seine Klage, mit der die Oper schliesst, ist wohl nie rührender und eindrücklicher gesungen worden.
Hinzu kommen ein sehr guter Chor (Polnischer Radio-Chor Krakau) und ein hervorragend spielendes Orchester (Polnisches Radio-National-Symphonie-Orchester) unter der Leitung von Jerzy Semkow. Semkow "versteht" die russische Musik in all ihrer Weite, Tiefe und Melancholie durch und durch. Man sieht förmlich die russische Landschaft vor sich, wenn das Orchester wie aus dem Nichts mit den ersten Klängen des Prologs anhebt. Grossartig!
Fazit: Wenn man sich einen durchgehend hochkarätigen "Boris" anschaffen will: Unbedingt zu dieser Einspielung greifen!