Hat man sich nicht bereits im Vorfeld der Lektüre gründlich mit Boris Beckers Werk befasst, so wecken die sämtlich sehr informativen und gut zu lesenden Textbeiträge vor dem Bildteil das Interesse und lassen den Leser die Photographien selbst mit Spannung erwarten. Das Interview mit dem Photographen trägt natürlich ganz besonders dazu bei, dass man beim Betrachten der Bilder die Intention des Künstlers erkennt und die Photos zu interpretieren versteht, ohne letztlich zu viel hineinzuinterpretieren und sich so den rein ästhetischen Zugang zu verbauen.
Denn mit Beckers Photographien muss man sich auseinandersetzen; sie sind nicht in der üblichen Weise gefällig, stellen keine vordergründige Schönheit ins Rampenlicht. Und wo etwas auf den ersten Blick apart bis kitschig wirkt, handelt es sich um ein Fake, somit um eine doppelbödige Eingängigkeit, sonst wäre das Bild zu billig: Kokain als Gemäldefarbe und in einer Bowling-Kugel, Viagra in Gestalt von Fishermen's Friends - Schmuggelgut, Hilfsmittel zum Schmuggel.
Schon die Bunker, zumeist schwarzweiß aufgenommen, haben in ihrer Bulligkeit und ihren unterschiedlichen Stadien des Verfalls etwas zugleich Anrührendes und Abstoßendes, und jeder von ihnen bietet dem Photographen eigene Ansatzpunkte, nicht zuletzt jene, die von Graffitikünstlern raffiniert als riesige Malflächen genutzt wurden.
Verblüffend wirkt auch die Auswahl an Wohnhäusern: Fassaden, die durch den Einsatz von Klinker strukturiert wirken, eigenwillige Grundrisse und groteske Nachbarschaften, Wohnsilos mit gewaltigen Fluchten, aufgenommen aus kühner Perspektive. Und auch die Landschaften haben immer "Muster", weiche oder scharfe Konturen, selbst eine ganz unberührte Schneefläche.
Unter den Konstruktionen findet der Betrachter gewaltige Brücken, technische Anlagen, aber auch verfallende Werkhallen und einen verrottenden Sprungturm in einem See. Auch hier ist es oft die Perspektive, mittels derer Becker erstaunliche Eindrücke erzielt.
Die Fakes wurden bereits erwähnt. Am heterogensten erscheint die Gruppe der Artefakte; Fassadenelemente, eine riesige Sammlung von knallbunten Kindergummistiefeln, Texturen und Muster aller Art in ausdrucksstarken Farben treffen hier aufeinander, und manchmal weiß der Betrachter gar nicht, worum es sich bei dem abgebildeten Teil eines Gegenstandes handelt. Genau das schärft jedoch den Blick für das Wesentliche: geometrische Spannungen und Harmonien, Farbspiele und das Auge magisch anziehende Irregularitäten.
Das Buch ist sehr hochwertig aufgemacht mit einem dicken, festen Einband, gutem, reflexarmem Papier und ausgezeichneter Druckqualität. Sehr gut kommt das großzügige Albumformat an, das die Photos trefflich zur Geltung bringt. Der enorme künstlerische Gehalt, die Vielseitigkeit der Inhalte, auch der einleitenden Texte, und die hohe Qualität der Gestaltung machen dieses Buch sehr empfehlenswert für alle, die sich für Beckers künstlerische Themen interessieren.