Schon vor der Ausstrahlung des Sechsteilers hatte ich mich bereits mit dem Thema vertraut gemacht und wartete gespannt auf die Ausstrahlungen.
Dass der Film die schillernde Zeit der Renaissance trotz aller Facetten relativ gut einfängt, ist nicht abzustreiten. Vor allem die aufwendigen Kostüme und rekonstruierten Landschaften (ein Feature, das allerdings nicht ganz ausgereizt wird) tragen dazu bei.
Trotz aller Familienkonflikte, auf die sich die Serie konzentriert, erhält man ebenfalls einen Einblick in die Politik. Dieser reicht jedoch manchmal so weit, dass der Zuschauer sich mehr Erläuterungen wünscht.
Die Serie ist zwar meist spannend erzählt, verliert aber hin und wieder auf Grund der enormen Länge von 600 Minuten den roten Faden. 4 Folgen hätten auch gereicht, wobei anzumerken ist, dass die DVD-Fassung noch weitere 60 Minuten Film beinhaltet!
Dass Einiges erfunden und ausgeschmückt werden würde um eine ansprechende Handlung aufzubauen war zu erwarten. Sich bei einer historischen Serie aber an die wichtigsten Fakten
zu halten, ist dennoch Pflicht! Und dies wurde leider gegen Ende hin immer mehr außer Acht gelassen.
Dass die Sixtinische Kapelle, in der im 2. Teil das Konklave (die Papstwahl) stattfindet, erst ab 1878 dafür verwendet worden ist, mag man verschmerzen.
Dass jedoch Cesare und nicht Juan der Erstgeborene Rodrigos war, ist mittlerweile eindeutig bewiesen! Hier wird Cesare als ein von seinem großen Bruder in den Schatten gestellter und drangsalierter jüngerer "armer" Bruder dargestellt, dem es an Liebe mangelt und der wirklich zu bemitleiden ist. Cesare ist, neben Rodrigo, der Hauptcharakter der Serie, und anscheinend wollten Regisseur und Drehbuchautor, dass der Zuschauer sich trotz all seiner Gräueltaten mit ihm anfreundet. Ebenso ist das Kind, das er in einem Wahnanfall opfert, erfunden. Dies ist für mich am schwersten nachzuvollziehen, denn auf diesem Handlungsstrang, gepaart mit der ebenfalls erfundenen und von ihm erlittenen Vergewaltigung während der Gefangenschaft bei den Colonnas, baut ein Großteil des in der Serie dargestellten Leids Cesares auf, mit dem er sich herumplagt und wegen dem er versucht sich das Leben zu nehmen. Alles erfunden!!!
Hier wurde verzweifelt versucht, ein Band zwischen Cesare und dem Zuschauer zu knüpfen, der einfach mit ihm mitleiden muss! Daraus resultiert ein völlig falsches Bild von ihm und seinem Leben. Auf die in den letzen zehn Minuten dargestellte Szene, in der Cesare anscheinend zum ersten Mal etwas für seine Schwester empfindet und mit ihr schlafen will, hätte man ebenfalls verzichten können. Entweder hätte man dieses (viel diskutierte) Thema von Anfang einbauen oder ganz weglassen sollen.
Juan, der von allen Charakteren noch am besten getroffen ist, hatte zwar eine Ehefrau namens Maria Enriquez, jedoch lebte diese Zeit ihres Lebens in Spanien. Somit sind ihre von Lucrezia angezettelte Flucht und Juans Wutausbrüche gegenüber seiner Schwester genauso erfunden wie eine der letzten Szenen, in der er ihr erzählt, er habe Maria selbst nach der Schifffahrt umbringen lassen. Ebenfalls ein schwerwiegender Punkt, denn das ist in der Serie der Grund, aus dem Lucrezia Juan schließlich umbringt (was nicht stimmt, viel eher war es Cesare, eindeutige Beweise gibt es jedoch nicht).
Selbst wenn all das so geschehen wäre, klärt sich die letzte Szene, in der Rodrigo auf allen Vieren auf dem Boden kriecht und sich schließlich zur Seite dreht wie ein Toter, trotzdem nicht. Denn er starb erst sechs Jahre nach seinem Sohn. Hier wird der Zuschauer, der nur auf eine zweite Staffel hoffen kann, um mehr zu erfahren, mit seinen Gedanken allein gelassen.
Überhaupt stimmt die gesamte Zeitdarstellung nicht immer überein. Die Tochter Rodrigos und Giulia Farneses, Laura, wird stets als Baby gezeigt, obwohl sie zur Zeit von Juans Tod bereits fünf Jahre alt gewesen ist. Selbst Cesares erfundener Sohn hätte bereits älter sein müssen als dargestellt.
Die einzige logische und begründende Antwort, warum man sich nicht enger an die Fakten gehalten hat, ist ebenso simpel wie enttäuschend: für den Zuschauer von heute wäre es sonst zu langweilig gewesen.
Somit kam ein für die actionverwöhnte, moderne Gesellschaft von heute zugeschnittener Abklatsch einer eigentlich wesentlich komplexeren und skrupelloseren Familie heraus, die auf allen Wegen versucht mit der US-amerikanischen Konkurrenz ("The Borgias", mit Jeremy Irons in der Hauptrolle) mitzuhalten.
Vor allem Rodrigo Borgia kommt hier als guter, liebender Familienvater rüber, dem nichts als das Wohl eben dieser und der Stadt Rom am Herzen liegt. Lucrezia, hier als einfältiges und verklärtes Mädchen dargestellt, war in Wahrheit alles Andere als naiv!
Trotz aller großen Kritikpunkte vergebe ich auf Grund der überragenden schauspielerischen Leistung (vor allem von John Doman, Rodrigo, und Mark Ryder, Cesare) sowie des Aufwands und der trotz der Länge entstehenden Spannung drei Sterne.
Wer sich allerdings ernsthaft für die Thematik interessiert, dem empfehle ich das Buch "Cesare Borgia: Der Fürst und die italienische Renaissance" von Uwe Neumahr.