"Jemand nimmt sich vor, die Welt zu zeichnen. Im Lauf der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern von Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Zimmern, Instrumenten, Gestirnen, Pferden und Menschen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, dass dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt."
Jorge Luis Borges, Dichter, Gelehrter, Erzähler und (vor allem, wie er steht's betont) Leser, war eine der größten, faszinierendsten und eigensten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Dieser Mann, der sich mehr als jeder andere Intellektuelle dem Lesen mit voller Hingabe und Freude widmete, aber schon auf der Hälfte seines Lebens so gut wie erblindet war und dann noch oberster Leiter der Bibliothek von Buenos Aires wurde - er war selbst eine jener weltlich-kosmologischen Allegorien, die er so gerne in seine Essays einstreute und aus denen er selbst Betrachtungen und Erzählungen webte.
"Niemand schmähe durch Träne oder Hader
diese Offenbarung der Meisterschaft
Gottes, der mit großartiger Ironie
mir gleichzeitig die Bücher und die Nacht gab."
"Gott kennt die Farben, die das Los
dem Menschen jenseits des Tages beschert"
Zeit. Nichts hat Borges mehr fasziniert als dieses Phänomen, das keines ist, weil es immer nur war und wird. Nur wir sind.
Dieses seltsame Paradox hat Borges durch sein Leben begleitet und sich gepaart mit seinen Leseerfahrungen, die von Tausendundeiner Nacht, über Ilias und Odyssee, Dante, die nordische Götterwelt, Shakespeare, De Quincey, H.G.Wells und Chesterton bis zu Schopenhauer und Heine und Argentiniens moderner Geschichte reichen. Aus all dem bestehen seine Gedichte und Erzählungen - aus Anspielungen, Reflexionen, Gedankenspielen und Paradoxien, Mythen, Legenden und Fiktionen. Es ist eine wunderbare Welt, die durch Berichte (
Inquisitionen), Geschichten (
Fiktionen,
Das Aleph,
Spiegel und Maske) und Gesänge (
Mond gegenüber,
Schatten und Tiger) zu uns dringt. Eine Welt aus Bildern und abstrakten Gedankensträngen, unkenntlich vermischt.
"Gelobt sei die unendliche
Kette der Wirkungen und der Ursachen,
die, bevor sie mir den Spiegel reicht,
in dem ich keinen sehen werde oder einen anderen,
mir diese reine Anschauung gewährt
einer Sprache des Morgens."
"Wer hat nicht schon, wenn er zur Dämmerstunde ausging oder ein Datum in seiner Vergangenheit einkreiste, das Gefühl gehabt, es sei etwas Unendliches verlorengegangen?"
In vielem, was man liest, ahnt man die weltliche Allegorie, die verblüffende Metapher, die wahre Wahrheit ohne Gegenstand. Borges lesen heißt dieses Gefühl zu intensivieren.
"Borges und Ich", diese Sammlung, die ursprünglich "El hacedor" hieß, war Borges selbst die liebste unter all seinen Büchern. Die hier enthaltende Kurzprosa gehört in der Tat zu dem besten und eindringlichsten was Borges verfasst hat und die Gedichte sind stille Gesänge, voller zärtlicher Bilder. Das ganze Buch ist wie die Fetzensammlung einer großen, ursprünglichen Sage, aus dem nur noch diese Prosa und diese Verse mit knapper Not entführt werden konnten.
Wer wunderbar komprimierte Magie erfahren will, wird sie in diesem Büchlein finden. "Denn am Anfang der Literatur ist der Mythos, und ebenso am Ende."
"Den Fluss, der Zeit und Wasser ist, betrachten,
bedenken, dass die Zeit ein anderer Fluss ist,
wissen, dass wir uns wie der Fluss verlieren,
und dass wie Wasser die Gesichte schwinden.
Fühlen, dass Wachen ein anderer Schlaf ist,
der träumt, dass er nicht träumt, und dass der Tod,
den unser Fleisch fürchtet, dieser Tod ist
aus jeder Nacht, den wir den Schlaf nennen.
[...]
Es heißt, Odysseus habe, satt von Wundern,
aus Liebe geweint, als er Ithaka,
grün und schlicht, sah. Kunst ist dies Ithaka,
aus grüner Ewigkeit und nicht aus Wundern."