Das ist natürlich eine schöne Geschichte, die uns da in dem Buch geschildert wird: Ein deutscher Feldwebel, dem Liebe und Eigenverantwortung über Kadavergehorsam und unmenschliche Befehle gehen (und der außerdem ein Verhältnis mit einer jungen Französin hat, die er später heiratete), sprengt den Bunker mit den Zündern für die Minen, mit denen Brücken und Hafenanlagen der Stadt Bordeaux in die Luft gejagt werden sollten, und rettet auf diese Weise irgendwie sogar 3000 Menschen das Leben - eine edle Tat, auch wenn ein Dutzend Menschen dabei geopfert werden mussten.
Man sollte allerdings wissen, dass die Geschichte zwar einen durchaus realen Hintergrund hat, aber nur eine Vignette im wirklichen Ablauf der Ereignisse darstellt: Schon vor dieser Tat hatten Verhandlungen zwischen Deutschen und Franzosen begonnen, die die Rettung der Stadt zum Gegenstand hatten und auf deutscher Seite die entsprechenden Kommandostellen involvierten, speziell den Hafenkommandanten, Korvettenkapitän Kühnemann, im zivilen Leben Weinhändler, der unter dem Schutz seiner Vorgesetzten über seinen guten Freund Louis Eschenauer, Senior einer ganzen Familie von deutsch-französischen Weinhändlern, Verbindung zur Résistance knüpfte.
Auf diese Weise verschaffte er seinen Truppen einen unbehinderten geordneten Abzug, ersparte der Stadt Sprengungen bzw. Straßenkämpfe und konnte außerdem der Wehrmacht, die in Nordfrankreich in schwere Kämpfe verwickelt war, frische Kräfte zuführen. Die unvorhergesehene Sprengung eines Teils der Zünder war zwar spektakulär, aber materiell nutzlos, denn Zünder gab es noch reichlich auf der deutschen Seite und die deutschen Schiffe, sowie die 15 cm Batterie in Cenon, über der Stadt, hätten die böse Aufgabe ebenfalls größtenteils erfüllen können '- wenn die deutschen Offiziere wirklich von Kadavergehorsam geprägt gewesen wären.
Präzise Angaben über diese Ereignisse kann man in einem Buch finden, das ein gutes Dutzend Jahre nach dem Krieg erschienen ist: Louis Cadars, "Et le port de Bordaux ne fut pas détruit"', Picquet, 1960. Darin erfährt man auch (S. 6), dass dem Bürgermeister von Bordeaux bereits am 10. August 1944 von der deutschen Feldkommandantur mitgeteilt wurde, er solle die Evakuierung der Zivilbevölkerung in einem Umkreis von 500 m um veschiedene wichtige Punkte der Stadt durchführen. Man kann daraus schließen, dass die Deutschen nicht die Absicht hatten, die geplanten Sprengungen in einer Weise durchzuführen, die den Tod von tausenden von Zivilisten mit sich gebracht hätte und man fragt sich, woher die in dem Buch erwähnte Zahl von 3000 potentiellen Opfern eigentlich stammt. Cadars' Buch erwähnt auch die Sprengung des Zünder-Bunkers, für den Vf. ist sie jedoch lediglich ein nebensächliches Ereignis. Auch ein vierteiliger Artikel in der französischen Zeitschrift "L'Express" schildert die Entwicklung ganz ähnlich, selbst wenn er die Rolle Eschenauers nur am Rande erwähnt. [...]
Der Feldwebel Stahlschmidt ging in den Untergrund, wurde französischer Bürger unter einem neuen Namen, erntete aber von seiner neuen Heimat keinen großen Dank - nicht einmal eine Tafel erinnert an seine Tat, so wurde es gestern bei der Vorstellung des Buches durch das hiesige Goethe-Institut geschildert. Kühnemann geriet später in amerikanische Gefangenschaft, wurde danach den Franzosen überstellt, die ihn an die Russen auslieferten (???), welche ihn jedoch ein Jahr darauf, 1948, freiließen.
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Louis Eschenauer kam ins Gefängnis wegen "collaboration" und wurde enteignet; so einfach geht das. Weder Kühnemann noch Eschenauer haben eine Gedenktafel, ebensowenig wie General von Choltitz, der Paris unzerstört übergab, oder der General von Senger und Etterlin, der die Kunstschätze von Monte Cassino in den Vatikan schaffen ließ, bevor das Kloster dann von General Freiberg (nein, er war kein Deutscher sondern Kommandeur der dort eingesetzten neuseeländischen Truppen) zerbombt wurde, obwohl es keine Deutschen beherbergte. Man muss also feststellen, dass menschliche Gefühle und Eigenverantwortung nicht nur bei einem verliebten Feldwebel der Kriegsmarine, sondern bis in die höchsten Ränge der Wehrmacht vorhanden waren.
Aber die wirkliche Geschichte, die mit dem großen G am Anfang, ist natürlich immer so ein wenig trocken und gefühllos, so liest man dann lieber eine Liebesgeschichte, make love not war, da wird einem so richtig warm ums Herz.