Johnny Cashs "Personal File" wurde 2006 erstmals veröffentlicht, jetzt gibt's erfreulicherweise die Neuauflage. Nun argwöhnt man in Fällen ausgiebiger posthum-Veröffentlichungen immer einen Hautgout von Leichenfledderei und schnuppert misstrauisch, zumal wenn in Cashs Nachlass monatlich was Sensationelles aufzutauchen scheint. Doch der Verdacht ist hier unangebracht. Cashs "Personal File" überzeugt mit viel "unplugged" von 1973 bis 1982, aus einer Zeit, als man diesen Begriff weder kannte in der Musikszene, noch den zugrunde liegenden Tatbestand schätzte. Womöglich verhielt sich's wirklich so, wie die Herausgeber betonen: Cash könnte diese Songs "auf Vorrat" aufgenommen haben, um sie in besseren Zeiten zu publizieren, und irgendwann wurden sie vergessen.
Die Aufmachung der Doppel-CD ist recht ansprechend, das Begleitheft enthält die Informationen zu Aufnahmedatum u.ä. der einzelnen Songs (sofern rekonstruierbar), und Greil Marcus kommentiert die CD einfühlsam genug.
Aber Greil Marcus hin oder her -- man kauft sich Cashs "Personal File" schließlich wegen der Musik und tut gut daran. Cash führt hier ein Konzept weiter, das sich Ende der 60er Jahre gelegentlich in seinen Alben andeutete, aber unbeachtet blieb: The man and his (acoustic) guitar -- und sonst nichts. Eine radikale Suche nach den musikalischen Wurzeln, wenn man so will, und zwar zu einer Zeit, als der Folk gerade mit neuen Einflüssen experimentierte, als der Pop-Mainstream mit dem Bombast liebäugelte und der stets etwas widerborstige Cash von den marktbeherrschenden Labels zunehmend ignoriert wurde. Die "Personal File" macht keinen Kotau vorm Zeitgeist; aber das kennen und lieben wir ja bei Cash.
Cashs "Personal File"-Repertoire umfasst klassische Folk- und Gospelsongs ebenso wie seine und June Carters Kompositionen. Wem seine 1994er CD "American Recordings" gefallen hat, sollte hier zugreifen. Wie dort, so auch hier -- und doch ganz anders: Cash solo und kreativ wie wenige andere -- allerdings hörbar jünger, gesünder, energischer. Man kann diese beiden Alben nur bedingt miteinander vergleichen und sollte es im Zweifelsfall bleiben lassen.
Wie nicht anders zu erwarten, macht sich Cash das heterogene Material auf seine Art zu eigen; vom bloßen Hören lässt sich nicht unterscheiden, was eigene und was fremde Kompositionen sind. Kein ehrgeiziger Produzent hatte seine verschlimmbessernden Finger im Spiel, gerade die spartanische Darbietung macht diese 49 Songs zu etwas besonderem. Merke: Ein guter Sänger braucht sich nicht hinter einem Begleitorchester verstecken -- und wenn einer seine Stimme allein wirken lassen kann, dann ist das Cash. Ein eigenwilliger Ausnahmemusiker, dessen Wurzeln tief in die amerikanische Musiktradition reichen, ein Könner mit Ecken und Kanten, der aus dieser Musiktradition etwas Neues entwickelt, nämlich seinen eigenen, unverwechselbaren Stil.
Die beiden CDs sind hervorragend abgemischt und sachkundig zusammengestellt, will mir scheinen: CD1 tendiert eher zu klassischen Country-Themen, die Cash selbst augenzwinkernd einmal mit den Stichworten "mother, love, god, murder, home" umrissen hatte; CD2 enthält eher klassische Gospels. Mein persönlicher Eindruck: An den Takes auf der zweiten CD scheint Cash noch etwas mehr gelegen gewesen sein, und entsprechend wirken sie auch noch engagierter, intensiver -- aber das ist wohl subjektiv. Schön sind sie beide, diese CDs.
Freilich, nach oberflächlichem Reinhören könnte man "Personal File" im ersten Moment (aber nur im ersten!) als eintönig empfinden; die einzelnen Songs scheinen oft ineinander überzugehen, obwohl manchmal Jahre zwischen ihren Aufnahmen liegen. Der Rhythmus ist meist getragen, eher largo als capriccioso, und zwischendurch kommentiert Cash immer wieder den ein oder anderen Song, berichtet über dessen Entstehungsgeschichte oder plaudert generell aus dem Nähkästchen.
Gerade die vermeintliche Eintönigkeit macht aber den speziellen Charme von "Personal File" aus, das alles andere als eintönig ist -- Cash profiliert sich nämlich zum x-ten Mal als wunderbarer singender Geschichtenerzähler. Tatsächlich verbreitet dieses Album eine unglaublich entspannte Atmosphäre -- niemals einschläfernd, sondern gelassen, locker, in sich ruhend, und gleichzeitig auch eindringlich und intensiv.
Man muss sich in diese Musik reinhören: nicht weil sie so kompliziert wäre, sondern weil sie so genial einfach ist.