Die Beatbuletten aus Berlin haben in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt. Zu deren Anfang waren sie noch in die Punk-/Hardcore-Schublade gesteckt worden, womit die Band selbst aber nie sonderlich zufrieden gewesen ist. Das ist wohl auch der Grund, warum sie ihren Musik-Kosmos über die Jahre kontinuierlich erweitert haben.
Suchte man auf ihrem zweiten Album Launched (1999) noch fast vergeblich nach radiotauglichen Songs, ist nun 12 Jahre später das Gegenteil der Fall: Boombox strotzt nur so vor poppigen Melodien und eingängigen Refrains, der dem Rock-Freund gefallen und dem geneigten Radiohörer keine Magenschmerzen bereiten wird. Es ist der normale Werdegang von fast jeder Band, aber dennoch kommen wieder die alten Diskussionen auf und damit auch die Frage: Ist das noch Punk?
Eher nicht. Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Beatsteaks ihre Seelen an den Kommerz-Teufel verkauft haben? Nach den ersten paar Hörgängen ist auch dies zu verneinen.
Das mittlerweile sechste Album lebt meiner Meinung nach von einer Unbeschwertheit, oder besser gesagt: Scheiß-Egal-Haltung, die Boombox zu einer abwechslungsreichen Sache macht. Die Band macht das, was ihr gerade einfällt und was ihr gerade Spaß macht, was sie häufig auf völlig neues Terrain führt: Der Opener 'Fix it' entpuppt sich als ungewohnt düster und kann sich gleich in die Gehörgänge setzen; die erste Single 'Milk & Honey' ist zwar sehr poppig, bietet aber einen der gewohnten Ohrwurm-Refrains und ist eine willkommene Abwechslung; 'Cheap Comments' ist für mich ganz klar eins der großen Highlights, mit seinem groovenden Basslauf und dem abwechslungsreichen Arrangement; der Groove wird auch bei 'Let's see' groß geschrieben, das sich am Ska bedient und damit eine der kleineren Überraschungen des Albums bietet; bei 'Under a clear blue sky' übernimmt Peter den Gesang in den Strophen und verleiht diesem Midtempo-Song die erforderliche Note Melancholie; und zwischen all den Ohrwürmern und anschmiegsamen Melodien schreit Bernd sich in der knapp einminütigen Punk-Nummer 'Behaviour' die Seele aus dem Leib, was den einen oder anderen nach dem bisherigen Verlauf der Platte vor den Kopf stoßen wird; ebenfalls eher melancholisch und fast schon nachdenklich, wenn es so etwas in der Musiklandschaft der fünf Berliner geben sollte, kommen 'Access Adrenalin' und das letzte Lied 'House on fire' rüber.
Die Konsequenz aus den ganzen Neuerungen ist, dass gewohnte Songs und Sounds eher zu den schwächeren Liedern gehören. Aber selbst die sind keine Wegwerfartikel, sondern können durchaus zünden: 'Bullets from another dimension' wird denen gefallen, die sich die Beatsteaks von früher zurückwünschen; wer bei 'Alright' nicht wenigstens mitnicken muss, ist in meinen Augen tot; der Song, der wohl am meisten Gewöhnungsrunden benötigt, ist 'Automatic', bei dem die Jungs Unterstützung von Peter Fox bekommen haben. Hier werden Ansätze vom Dancehall und auch wieder vom Ska genommen und mit Sprechgesang zu einer fünfminütigen Tanz-Nummer verwurschtelt, die wohl das größte Ausrufezeichen hinter Die Beatsteaks sind in neue Richtungen gegangen" setzt.
Zusammenfassend ist zu sagen: Boombox hat wenig von der Rohheit und Rotzigkeit der ersten beiden Alben; die Entwicklung seit Smacksmash ist genau dort angekommen, wo man sie hatte vermuten können. Aber als Ausverkauf würde ich das nicht bezeichnen. Zwar müssen sich die wahren Highlights noch herauskristallisieren und sind nicht auf Anhieb zu erkennen, aber noch nie ist ein Album der Berliner dermaßen in sich schlüssig gewesen, wie das dieses Mal der Fall ist. Und eins bleibt immer beim alten: die Beatsteaks schreiben Lieder, die einem im Ohr stecken bleiben und machen Alben, die sich als kleine Schatztruhen der innovativen Ideen und musikalischen Zitaten entpuppen. Und Boombox macht da keine Ausnahme. Nur sind sie damit größtenteils fernab von ihrem üblichen Sound und auch von der Erwartungshaltung gelandet. Und vielleicht ist gerade das Punk.