Er bewegt sich von innen nach außen, vom Heimatland England und seiner Literatur, über die europäische Literatur bis hin zur amerikanischen: William Somerset Maugham, selbst Schriftsteller und ein berühmter englischer Dramatiker vornehmlich der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, in seinen Abhandlungen zu den Literaturen Englands, Europas und Nordamerikas, zusammengefasst in drei Kapitel in dem 1940 erschienenen Büchlein "Books and You". - "Das vorliegende kleine Buch", das im Untertitel als eine kleine persönliche Geschichte der Weltliteratur bezeichnet ist, "ist zwangsläufig dünn, aber ich hoffe, dass Sie, seine Leser, es nicht oberflächlich finden." (Maugham)
Und so lernen wir einige der Großen der vergangenen Jahrhunderte kennen, bzw. bekommen sie aus Maughams Sicht nahegebracht. Als Klassiker sind die alle keine Unbekannten.
Und so steigt Somerset Maugham gleich in die Vollen. Noch im Vorwort bringt er uns Anthony Trollope, George Meredith und George Eliot, für die sich im ersten Hauptkapitel "Englische Literatur" wohl kein Platz mehr fand, nahe.
Parforceritt durch ebendiese Dichtkunst des Inselkönigreichs: Es beginnt mit Daniel Defoe und dessen "Moll Flanders". [Robinson bleibt währenddessen wohl weiterhin alleine auf seiner Insel.]. Jonathan Swifts bekommt in Maughams Kanon dann allerdings mit "Gullivers Reisen" die volle Ehre der Berücksichtigung. Bei Henry Fielding war Tom Jones ("Tom Jones: Die Geschichte eines Findelkindes") schon seit langem eine Sex-Bomb: viele Jahre vor dem gleichnamigen Waliser Britpop-Tiger. Maugham bezeichnet Fieldings Figur als gutaussehend und vital, er "tut ein paar Dinge, die der Moralist beklagen würde." Laurence Sterne ("Tristram Shandy") findet ebenso Einlass in Maughams englische Liste, wie James Boswell ("Tagesbuch einer Reise nach den Hebriden"). - Wer hat jetzt noch Lust auf Somerset Maughams "Books and You", um das es hier eigentlich geht? Wer will sich nicht gleich an die Originale machen? Es sind zwar Klassiker, doch wer kann behaupten, sie alle zu kennen?
Als nächstens schlägt Maugham eine Kapriole. In seiner Lektüre über Literatur führt er zu einer Lektüre über Literatur. (Das erinnert doch glattwegs an den Film im Film im Film im Film). Der meist - so auch von Somerset Maugham - als Doktor apostrophierte Nichtakademiker, der englische Gelehrte Samuel Johnson, schrieb schon im 18. Jahrhundert eine Abhandlung über "Das Leben der englischen Dichter", laut Maugham kluge, lebendige und einfühlsame Autorenporträts. Und dieses Buch über Bücher und Autoren findet Einlass in Maughams Buch über Bücher und Autoren.
Über Edward Gibbons Autobiografie führt der Weg zum nächsten ganz Großen: Charles Dickens und seinem "David Copperfield" [Der arme Oliver Twist findet sicher freundliche Aufnahme auf Robinsons Insel.] Charles Dickens Roman "David Copperfield" ist, so Maugham, "der letzte bedeutsame Roman, der nicht den herausragenden französischen und russischen Schriftstellern verpflichtet ist. Er ist ein würdiger Nachfolger von 'Tom Jones'."
Somerset Maugham wendet sich den Frauen zu. Als größte aller englischen Romaciers sieht er Jane Austen ("Mansfield Park") und Emily Brontë, deren "Sturmhöhe" Maugham als einzigartig bezeichnet.
Nachdem auch William Makepeace Thackeray ("Jahrmarkt der Eitelkeit") [mein Liebling Barry Lyndon befindet sich inzwischen bei Robinson Crusoe und Oliver Twist] nicht vergessen wurde, beendet Somerset Maugham sein englisches Kapitel noch schnell - und man hat den Eindruck, der Vollständigkeit halber - mit dem "größten Dichter aller Zeiten", William Shakespeare.
Man muss "schon sehr unsensibel sein, wenn man für den 'Ritter von der traurigen Gestalt' weder Sympathie noch Respekt empfindet." Wir merken, Somerset Maugham setzte übern Kanal aufs europäische Festland - um nunmehr den Pfaden der europäischen Literatur zu folgen. Und er beginnt damit in dem in den Zeiten des Miguel de Cervantes' in England gar nicht geliebten Spanien: "Don Quijote von La Mancha". Michel de Montaigne ("Essais") wird kurz angerissen, um uns danach ein Buch ans Herz zu legen, "das die meisten Leute, wenn sie überhaupt davon gehört haben, als unlesbar bezeichnen." Es handelt sich um Johann Wolfgang Goethes "Wilhelm Meister", "der letzte der Romane der Empfindsamkeit des achtzehnten Jahrhunderts, der erste der romantischen Romane des neunzehnten und Vorläufer der autobiografischen Romane, von denen es in unserer Zeit eine solche Vielzahl gibt."
Ein Abstecher nach Russland stellt uns Iwan S. Turgenjew, Leo Tolstoi und Fjodor M. Dostojewski vor, drei große des Zarenreiches, die eigentlich keiner Vorstellung bedürfen, und empfiehlt uns deren "Väter und Söhne", "Krieg und Frieden" und "Die Brüder Karawasow". [Und auf Robinsons Insel freuen sich drei Herren auf die Ankunft von Anna Karenina.]
Zurück in Frankreich: Marie-Madeleine de La Fayette ("Die Prinzessin von Clèves"); Antoine-François Prévost ("Manon Lescaut"); François Marie Arouet, genannt Voltaire ("Candide"); Jean-Jacques Rousseau ("Bekenntnisse"), über den Maugham schreibt, dass seine Freude über natürliche Schönheit so groß sei, "sein erzählerisches Talent so wunderbar, dass man, so sehr man ihn auch verabscheuen mag, einfach fasziniert ist"; Honoré de Balzac ("Vater Goriot"); Marie-Henri Beyle, genannt Stendhal ("Rot und Schwarz" und "Die Kartause von Parma") [hier konnte sich Maugham endlich mal nicht zwischen zwei großen literarischen Werken entscheiden: niemand muss auf die Insel]; Gustave Flaubert ("Madame Bovary").
Frankreich scheint nunmehr das Maugham'sche Land der Literatur zu sein. Benjamin Constant ("Adolphe") führt den Reigen weiter. "Die drei Musketiere" wird kurz - ohne Nennung des Autoren (Alexandre Dumas (der Ältere)) - als "großartiger romantischer Roman" erwähnt. Mit Anatole France ("Die Perlmutterdose") und Marcel Proust wähnt sich Maugham jetzt bei den Modernen angekommen. Am Ende dieser Frankreich-Tour fragt man sich allerdings: Wo ist Victor Hugo?
Ein bisschen fühlt man sich wie bei Ingo Insterburg. Bei dessen "Ich liebte ein Mädchen" (Insterburg & Co.) hieß es immer so schön, "drum zog ich in die Welt hinein." Auf Somerset Maugham bezogen: "Doch dann wurde es mir in Europa zu klein, drum zog ich in Amerika ein."
"Die amerikanische Literatur ist nicht viel älter als hundert Jahre", die allerdings bereits schon vom Erscheinungsjahr von "Books and You" zurückzurechnen sind. Deshalb will sich Maugham mit uns auch "unverzüglich dem neunzehnten Jahrhundert zuwenden. Seine herausragenden Vertreter sind Herman Melville, Walt Whitman und Edgar Alan Poe." Deshalb beginnt Somerset Maugham auch gleich mal mit keinem der drei - sondern mit Nathaniel Hawthorne ("Der scharlachrote Buchstabe").
Die weiteren Amerikaner sind: Henry David Thoreau ("Walden"), Ralph Waldo Emerson ("Essays"), Henry James ("Der Amerikaner", "Die Gesandten"), Mark Twain ("Huckleberry Finn"). Auch die Vereinigten Staaten haben ihre Austen-Brontë. Emily Dickinson, der bedeutenden amerikanischen Dichterin, gibt Somerset Maugham die Ehre der Erwähnung in "Books and You". Und die bereits genannten Melville, Whitman und Poe finden das Lob des englischen Agenten - Maugham war während des Ersten Weltkrieges beim englischen Geheimdienst MI6 im Ausland tätig - mit ihren Werken "Moby Dick", "Grashalme", "Der Goldkäfer".
Die Kritik bzgl. der Kürze und der damit einhergehenden - unterstellten - Oberflächlichkeit lasse ich nicht gelten. Man sieht dem Büchlein - vielleicht nicht unbedingt bei amazon, aber durchaus im wahren Leben einer realen Buchhandlung - seine Kleinheit schon äußerlich an. Insofern: Bitte keine Beschwerden. Das Lesen von "Books and You" ist, was es mehr auch nicht sein sollte, ein - wie oben von mir schon mal mit anderen Worten erwähnt - ... ein Galopp durch einen Teil der Weltliteratur. Und zwar einer der Spaß macht.