Mitten während einer Sommer-Tournee mit dem Standards-Trio durch Europa im Juli 1986 fand Keith Jarrett Zeit und Muße, in einem Studio in Ludwigsburg "Book Of Ways" - mit 19 einzelnen Stücken - auf dem Clavichord einzuspielen. Das Clavichord ist ein Cembalo-ähnliches Tasteninstrument, für das besonders in der Barockzeit viele Kompositionen entstanden sind. Für Barockmusik hat Jarrett ja ein besonderes Faible - wohl auch wegen der Vorliebe zur freien Improvisation über einem Thema, das in der Barockzeit weit verbreitet war. Seine Einspielungen von Bach- und Händel-Kompositionen, die teilweise ebenfalls auf dem Clavichord entstanden sind, geben schöne Beispiele für die Fähigkeiten Jarretts ab, Barock-Kompositionen allürenfrei und unprätentiös, gleichzeitig aber sehr ausdrucksstark zu spielen.
In "Book Of Ways" geht er freier an das Instrument heran und neigt oft dazu, die im Gegensatz zum Klavier etwas eingeschränkteren Möglichkeiten des Clavichords zu überreizen. Er lässt es manchmal wie ein Spinett, in tiefen Tönen wie einen Zupfbass, vereinzelt auch wie Drums klingen (hier kommen wohl die Einflüsse des Trios zum Tragen!). Insbesondere wenn er versucht, schnelle Läufe, flotte synkopische Verschiebungen oder "jazzigere" Variationen zu spielen, etwa in den Parts 4, 6, 8, 10 oder 15, wird klar, dass Melodie und Instrument nicht recht zusammenpassen.
Anders ist es, wenn er sich auf Themen oder Linien einlässt, die tatsächlich an Barockmusik erinnern. Hier entstehen dann wirklich traumhafte Klänge und wunderbar harmonische Melodien. Bei den Teilen 2, 9, 11, 17 und 18 ist das so, mit Abstrichen auch in den Teilen 13, 16 und 19.
So gelungen (teilweise!) das Experiment freier Improvisationen auf diesem heute selten gespielten Instrument auch ist, über 100 Minuten Clavichord-Musik am Stück zu hören, kann doch auch etwas anstrengend sein.